Noch im «freien Fall»? Industrie sucht Weg aus der Krise
21.01.2026 - 15:50:53Weiter abwĂ€rts - oder endlich aufwĂ€rts? Die deutsche Industrie mit Millionen von BeschĂ€ftigten hofft nach Jahren der Krise auf eine Trendwende. «2026 entscheidet sich, ob wir nach Jahren der Stagnation die Basis fĂŒr einen nachhaltigen Aufschwung legen und damit den Industriestandort Deutschland sichern und retten», sagte Peter Leibinger, PrĂ€sident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), in Berlin. Die Aussichten fĂŒr dieses Jahr bleiben aber verhalten. Der BDI rechnet damit, dass die Industrie schwĂ€cher wĂ€chst als die Gesamtwirtschaft. FĂŒr zusĂ€tzliche Belastungen könnten mögliche neue US-Zölle sorgen.Â
Risiko Zölle
US-PrĂ€sident Donald Trump hat angekĂŒndigt, ab dem 1. Februar Strafzölle auf Waren aus Deutschland und anderen europĂ€ischen Nato-LĂ€ndern zu verhĂ€ngen. Damit will er den Widerstand gegen einen Verkauf Grönlands an die USA brechen. Die EU berĂ€t ĂŒber mögliche GegenmaĂnahmen. Die Bundesregierung will eine Eskalation vermeiden.
Leibinger sagte, neue US-Zölle könnten das Wirtschaftswachstum in Deutschland «erheblich drĂŒcken». Er nannte die Zollandrohungen Trumps unangemessen und fĂŒr alle Seiten schĂ€dlich. Europa mĂŒsse darauf einig und selbstbewusst reagieren. Es sei eine Grenze erreicht. Der GesprĂ€chsfaden mit den USA aber mĂŒsse erhalten bleiben. Scharfe GegenmaĂnahmen solle die EU zunĂ€chst in der Hinterhand behalten, machte Leibinger deutlich.Â
Der BDI-PrĂ€sident wies auf AbhĂ€ngigkeiten von den USA hin, zum Beispiel bei KĂŒnstlicher Intelligenz und Cloud-Diensten. Es wĂ€re naiv, zu glauben, dass eine europĂ€ische Autonomie schnell aufgebaut werden könne.
Lage fragil
Bereits die AnkĂŒndigung möglicher neuer Zölle sorge fĂŒr Unsicherheiten, sagte Leibinger. 2025 waren die deutschen Exporte in die USA wegen höherer US-Zölle um fast zehn Prozent eingebrochen. Das ist ein Grund fĂŒr die Krise der Industrie. BDI-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrerin Tanja Gönner sagte, die Situation in der Industrie sei weiterhin angespannt: Die ProduktionskapazitĂ€ten seien zu Beginn des vierten Quartals 2025 nur zu gut 78 Prozent ausgelastet gewesen. «Maschinen stehen still, Produktionspotenzial bleibt ungenutzt, Investitionen werden aufgeschoben, BeschĂ€ftigung wird abgebaut», sagte Gönner.
«Die Dauer der Krise ist viel gravierender als die Tiefe der Krise», sagte Leibinger. Firmen, die Jahr fĂŒr Jahr RĂŒckgĂ€nge hĂ€tten, kĂ€men an die Substanz. 2025 schrammte Deutschland nur knapp am dritten Jahr ohne Wirtschaftswachstum vorbei, es gab ein Mini-Wachstum von 0,2 Prozent. FĂŒr dieses Jahr erwartet der BDI ein Wachstum von einem Prozent - getrieben aber vor allem von staatlichen Ausgaben zur Modernisierung der Infrastruktur. Ein Wirtschaftswachstum von einem Prozent wĂ€re ein Hoffnungssignal, sagte Leibinger. Die Stimmung in der Industrie aber bleibe fragil. Die Industrie werde 2026 voraussichtlich schwĂ€cher wachsen als die Gesamtwirtschaft.Â
Besonders schwierig: Lage in der Stahlindustrie
Zu den Krisenbranchen gehört die deutsche Stahlindustrie. 2025 wurden nur noch 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl erzeugt. Das ist der niedrigste Wert seit dem Finanzkrisenjahr 2009, als 32,7 Millionen Tonnen produziert wurden. Der RĂŒckgang im Vergleich zu 2024 lag bei 8,6 Prozent, wie die Wirtschaftsvereinigung Stahl in ihrer Jahresbilanz berichtete. Die KapazitĂ€tsauslastung sei zugleich unter den kritischen Wert von 70 Prozent gefallen, so der Verband weiter. 40 Millionen Tonnen gelten fĂŒr die Branche als Schwelle fĂŒr eine auskömmliche KapazitĂ€tsauslastung. 2026 mĂŒsse das Jahr der Standortsicherung werden, forderte der Verband. Deutschland erzeugt in Europa den meisten Stahl.Â
Regierung soll mehr Tempo machenÂ
Anfang Dezember hatte Leibinger die Lage der Wirtschaft in dĂŒsteren Worten umschrieben. Der Wirtschaftsstandort Deutschland sei im «freien Fall». Er zeigte sich nun etwas zuversichtlicher. Deutschland bewege sich langsam in die richtige Richtung. Strukturelle Probleme aber mĂŒssten konsequent angegangen werden. Nur wenn die StĂ€rkung von WettbewerbsfĂ€higkeit und Wachstum eine hohe PrioritĂ€t habe, könne der AbwĂ€rtstrend der Industrieproduktion gestoppt werden.Â
Konkret fordert der BDI unter anderem einen konsequenten BĂŒrokratieabbau, einen langfristigen Fahrplan fĂŒr ein Energiesystem mit geringeren Systemkosten, schnellere Genehmigungen fĂŒr Industrieanlagen, flexiblere Arbeitszeitmodelle und Reformen der Sozialversicherungen.
Hausaufgaben der IndustrieÂ
Auch Unternehmen mĂŒssten ihre Hausaufgaben machen, sagte Leibinger. Ein wichtiges Thema ist fĂŒr ihn Resilienz - also etwa die Notwendigkeit, Lieferketten breiter aufzustellen und sich nicht von einzelnen Lieferanten abhĂ€ngig zu machen. RĂŒckblickend seien auch in der Industrie Fehler gemacht worden. In den Jahren von Anfang der 2000er Jahre bis 2018 hĂ€tten auĂergewöhnlich gĂŒnstige Bedingungen geherrscht, sagte er mit Blick etwa auf gĂŒnstige Energiepreise. In dieser Zeit seien Kostenstrukturen aufgebaut worden, die jetzt nicht mehr tragbar sind.







