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FrĂŒhere OberstaatsanwĂ€ltin Brorhilker: 'Cum-Ex lĂ€uft weiter'

02.01.2025 - 08:07:38

Die ehemalige Cum-Ex-Chefermittlerin Anne Brorhilker ist fest davon ĂŒberzeugt, dass Steuerbetrug mit illegalen AktiengeschĂ€ften noch immer verbreitet ist in der Finanzwelt.

"Cum-Ex lĂ€uft weiter - auch lange nach der GesetzesĂ€nderung von 2012", sagte die frĂŒhere OberstaatsanwĂ€ltin und heutige GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der BĂŒrgerbewegung Finanzwende der Deutschen Presse-Agentur.

Cum-Ex-Deals, die ihre Hochphase zwischen 2006 und 2011 hatten, gelten als grĂ¶ĂŸter Steuerraub in der Geschichte der Bundesrepublik. Dabei inszenierten Banken und andere Investoren ein Verwirrspiel mit Aktien und bekamen von FinanzĂ€mtern Steuern erstattet, die sie gar nicht gezahlt hatten. Der Staat bĂŒĂŸte geschĂ€tzt mindestens zehn Milliarden Euro ein, die Politik reagierte mit einer 2012 greifenden GesetzĂ€nderung.

"Die Deals sind definitiv immer noch möglich"

Doch nach Darstellung von Brorhilker ging der Steuerraub danach weiter. Als Beispiel nennt sie eine von mutmaßlichen Kriminellen aufgesetzte Stiftung, die 2016 fĂŒr Cum-Ex-Deals genutzt worden sei. Die Wahrscheinlichkeit, dass Cum-Ex-GeschĂ€fte und artverwandte Cum-Cum-Deals noch heute durchgefĂŒhrt werden, ist nach ihrer EinschĂ€tzung hoch.

"Es heißt immer, die GeschĂ€fte seien technisch inzwischen unmöglich, weil die Regelungen geĂ€ndert wurden", sagte Brorhilker. Aber die TĂ€ter hĂ€tten Cum-Ex-Deals europaweit durchgefĂŒhrt und damit auch in LĂ€ndern mit anderen Regelungen und Systemen als in Deutschland. "Die TĂ€ter mĂŒssen die Deals vielleicht etwas anders abwickeln, möglich sind sie aber definitiv immer noch."

"Die Banken wissen: Keiner kann es uns beweisen"

Nach wie vor sei das Risiko fĂŒr Banken, bei kriminellen Machenschaften entdeckt zu werden, sehr gering, sagte Brorhilker, die von 2013 bis FrĂŒhjahr 2024 bei der Kölner Staatsanwaltschaft fĂŒr Cum-Ex-FĂ€lle zustĂ€ndig war und die Strafverfolgung wesentlich vorantrieb. "Die Banken wissen: Keiner kann es uns beweisen. Wir haben ein Kontrolldefizit, egal, welche Regeln wir aufstellen. Und die kriminelle Energie der Branche versiegt nicht."

Ein großes Problem bei der Cum-Ex-AufklĂ€rung sei, dass Banken Daten im Ausland horteten, sagte Brorhilker. "Banken und Steuerberater verschieben große Datenmengen in nahezu rechtsfreie RĂ€ume in anderen europĂ€ischen Staaten, doch die Strafverfolgung endet faktisch an der deutschen Grenze." Sie habe bei Cum-Ex-Ermittlungen erlebt, dass Banken falsche Angaben gegenĂŒber Behörden machten, dies aber nur sehr schwer ĂŒberprĂŒft werden könne.

Die 51-JĂ€hrige fordert, dass Banken ihre Daten in Deutschland lagern mĂŒssen. "Wenn eine Finanzbehörde bei einem Friseursalon oder einer Imbissbude das GefĂŒhl hat, dass geschummelt wird, dann kann sie ĂŒberprĂŒfen, ob das Kassensystem manipuliert ist - bei Banken ist das hingegen nicht möglich, deren technische Systeme sind so gesichert, dass kein Staat ohne Mithilfe der Bank an die Daten kommt."

"Investmentbanken rauben uns aus"

Brorhilker war die wichtigste Cum-Ex-Ermittlerin in Deutschland. Im April verkĂŒndete sie den Ausstieg aus dem Staatsdienst - verbunden mit Kritik am Umgang mit schwerer WirtschaftskriminalitĂ€t. Brorhilker fordert erneut eine schnellere AufklĂ€rung von Cum-Ex-GeschĂ€ften sowie Cum-Cum-Deals, die den Fiskus geschĂ€tzt weitere gut 28 Milliarden Euro gekostet haben. "Wir lassen es in Deutschland zu, dass internationale Investmentbanken uns ausrauben."

Bei Cum-Ex-Deals wurden Aktien im großen Stil rund um den Dividendenstichtag mit ("cum") und ohne ("ex") AusschĂŒttungsanspruch zwischen Beteiligten hin- und hergeschoben. Viele Banken sind in den Skandal verwickelt. 2021 stellte der Bundesgerichtshof klar, dass Cum-Ex-GeschĂ€fte als Steuerhinterziehung zu werten sind. Bei Cum-Cum wiederum generierten Banken illegale Steuervorteile fĂŒr auslĂ€ndische Inhaber deutscher Aktien.

VorwĂŒrfe gegen Scholz

Der Skandal reicht mit VorwĂŒrfen gegen Kanzler Olaf Scholz bis in die höchsten Ebenen der Politik. Er schloss vor dem Untersuchungsausschuss zum Cum-Ex-Skandal in Hamburg eine politische Einflussnahme kategorisch aus.

Nach und nach werden in dem Skandal immer mehr Beschuldigte verurteilt, allen voran SchlĂŒsselfigur Hanno Berger. Allein die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt gegen rund 1.700 Beschuldigte.

Brorhilker: Brauchen zentrale Behörde in Deutschland

Nach Meinung von Brorhilker braucht Deutschland eine zentrale Behörde gegen schwere WirtschaftskriminalitĂ€t nach österreichischem Vorbild. Hierzulande hake es in der Zusammenarbeit zwischen Behörden wie der Finanzaufsicht Bafin, dem Bundeszentralamt fĂŒr Steuern, den beim Bundesfinanzministerium angesiedelten BetriebsprĂŒfern und den ebenfalls zustĂ€ndigen Landesfinanzbehörden.

In Deutschland mangle es zudem an spezialisierten und erfahrenen StaatsanwĂ€lten. In der Justiz sei es ĂŒblich, dass Beamte hĂ€ufig die Abteilung wechselten, um verschiedene Gebiete kennenzulernen. "Im Ergebnis haben die Ermittler nicht genug Zeit, sich in die komplexe Cum-Ex-Materie einzuarbeiten. Teils sind Ermittler damit befasst, die keinerlei Prozesserfahrung haben."

Notgedrungen konzentriere sich die Justiz auf kleinere FĂ€lle, die leichter abzuarbeiten sind, um Erfolge vorzuweisen. "Die großen FĂ€lle bleiben liegen."

Erst kleiner Teil der Gelder zurĂŒckgeholt

Nach wie vor verlaufe die AufklĂ€rung illegaler Aktiendeals schleppend, kritisierte Brorhilker. Nach Zahlen des Bundesfinanzministeriums (BMF) von Ende 2023 hat sich der Staat erst 3,1 Milliarden Euro der entgangenen Cum-Ex-Gelder rechtssicher zurĂŒckgeholt. 380 FĂ€lle mit einem Volumen von 3,8 Milliarden Euro sind in Bearbeitung. Bei Cum-Cum ist die Bilanz noch dĂŒrftiger: Per Ende 2023 hat sich der Fiskus laut BMF erst 205 Millionen Euro gesichert.

Von einer neuen Bundesregierung fordert Brorhilker mehr Engagement bei der AufklÀrung vor allem von Cum-Cum-Deals. "Ich erwarte, dass sie den Kampf gegen WirtschaftskriminalitÀt zur Chefsache macht. Sonst werden viele FÀlle verjÀhren und Milliarden an Steuergeld sind unwiderruflich weg."

@ dpa.de