Deutschland in der Rezession - Wirtschaftsleistung 2023 geschrumpft
15.01.2024 - 13:04:25 | dpa.deDas Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank 2023 nach vorlĂ€ufigen Daten des Statistischen Bundesamtes zum Vorjahr preisbereinigt um 0,3 Prozent. Ins laufende Jahr geht Europas gröĂte Volkswirtschaft ohne RĂŒckenwind. Nach einer ersten SchĂ€tzung dĂŒrfte die Wirtschaftsleistung Ende 2023 geschrumpft sein. Manche Volkswirte befĂŒrchten inzwischen, dass das BIP auch in diesem Jahr sinkt. Einen kleinen Lichtblick gibt es bei den Staatsfinanzen.
Im vergangenen Jahr fiel der Privatkonsum als wichtige KonjunkturstĂŒtze aus. Viele Menschen setzten angesichts der im Jahresschnitt deutlich gestiegenen Verbraucherpreise den Rotstift an. "Die Energiekrise und geopolitische Spannungen verunsicherten Produzenten, Investoren sowie Konsumentinnen und Konsumenten", sagte die Chefin des Statistischen Bundesamtes, Ruth Brand, am Montag in Berlin. "Der Welthandel verlor an Dynamik - mit negativen Folgen fĂŒr die deutsche Exportwirtschaft". Zudem bremsten gestiegene Immobilienzinsen den Bau aus. Unternehmen investierten dagegen mehr in AusrĂŒstungen, vor allem in Fahrzeuge. Im Jahr 2022 war Europas gröĂte Volkswirtschaft noch um 1,8 Prozent gewachsen.
Deutschland hinkt hinterher
Deutschland habe der schwachen Auslandsnachfrage und den hohen Zinsen nichts entgegenzusetzen, sagte VP-Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel. "Weht der auĂenwirtschaftliche Gegenwind etwas stĂ€rker, knickt Deutschland um. Es fehlt an binnenwirtschaftlicher Dynamik." Die Menschen hĂ€tten bei GĂŒtern des tĂ€glichen Konsums gespart und dem Urlaubsbudget Vorrang eingerĂ€umt. "Die Konsumausgaben der Deutschen landeten also zu einem gewissen Teil entlang des Mittelmeeres."
Im internationalen Vergleich blieb die Wirtschaft in Deutschland den Statistikern zufolge im Jahr 2023 voraussichtlich deutlich hinter den anderen groĂen EU-Mitgliedstaaten oder den groĂen Volkswirtschaften wie den USA oder China zurĂŒck. "Im Vergleich zum Jahr 2019, also dem Jahr vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie, stieg die Wirtschaftsleistung in Deutschland verglichen mit den anderen groĂen EU-Staaten am schwĂ€chsten", sagte Behördenchefin Brand.
Aussichten fĂŒr das laufende Jahr eingetrĂŒbt
Volkswirten zufolge zeichnet sich vorerst keine nachhaltige Erholung ab. Deutschland startet ohne RĂŒckenwind ins Jahr 2024. Nach einer ersten SchĂ€tzung der Statistiker schrumpfte das BIP im vierten Quartal preis-, saison- und kalenderbereinigt zum Vorquartal voraussichtlich um 0,3 Prozent.
Viele Wirtschaftsforscher senkten zuletzt ihre Prognosen und rechnen nun mit einem Wachstum von teils deutlich weniger als einem Prozent im Jahr 2024. Einziger Lichtblick ist nach EinschĂ€tzung von Martin Moryson, Chefvolkswirt Europa der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS DE000DWS1007, der robuste Arbeitsmarkt. "Die BeschĂ€ftigung nimmt zu, und die Nettolohn- und -gehaltsumme wĂ€chst krĂ€ftig. Das gibt ein wenig Hoffnung, dass im laufenden Jahr der private Konsum die Wirtschaft wieder stĂŒtzen wird."
Einige Ăkonomen schlieĂen allerdings einen erneuten RĂŒckgang des Bruttoinlandsproduktes in diesem Jahr nicht aus. Die Wirtschaft wird "voraussichtlich die erste zweijĂ€hrige Rezession seit Anfang der 2000er Jahre durchleben", sagte ING NL0011821202-Chefvolkswirt Carsten Brzeski.
Eine der Hauptursachen sieht das Institut fĂŒr Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung in der Schuldenbremse, die wichtige Investitionen in Klimaschutz und Infrastruktur erschwere. Die Finanzpolitik der Bundesregierung dĂŒrfte 2024 zur Belastung fĂŒr die Wirtschaft werden, sagte Sebastian Dullien, wissenschaftlicher IMK-Direktor. "Obwohl die deutsche Wirtschaft sich in der Rezession befindet, kĂŒrzt die Bundesregierung Ausgaben und erhöht Abgaben".
Staatsdefizit etwas kleiner
Im vergangenen Jahr gab der deutsche Fiskus zwar erneut mehr Geld aus, als er einnahm. Nach vorlĂ€ufigen Daten belief sich das Defizit von Bund, LĂ€ndern, Gemeinden und Sozialversicherungen auf gut 82,7 Milliarden Euro. Das waren 14 Milliarden Euro weniger als im Vorjahr, unter anderem weil ein GroĂteil der Ausgaben zur BekĂ€mpfung der Corona-Pandemie entfiel. Der Bund ĂŒberwies den Angaben zufolge auch weniger Transfers an LĂ€nder und Sozialversicherungen, deren Finanzierungssalden sich dadurch allerdings verschlechterten.
Deutschland hielt nach zwei AusreiĂern in den Corona-Jahren 2020 und 2021 damit das zweite Jahr in Folge die europĂ€ische Verschuldungsregel ein: Bezogen auf die gesamte Wirtschaftsleistung betrug das Defizit nach den vorlĂ€ufigen Berechnungen im vergangenen Jahr 2,0 Prozent. 2022 waren es 2,5 Prozent.
Der europĂ€ische StabilitĂ€ts- und Wachstumspakt erlaubt den EU-Staaten ein Haushaltsdefizit von höchstens drei Prozent und eine Gesamtverschuldung von höchstens 60 Prozent des nominalen BIP. Wegen teurer Corona-Hilfsprogramme waren die Regeln vorĂŒbergehend ausgesetzt worden. Kurz vor Weihnachten einigten sich die EU-Finanzminister auf ReformplĂ€ne: Vorgesehen ist, dass die jeweilige Situation der LĂ€nder kĂŒnftig stĂ€rker berĂŒcksichtigt wird.
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