Winzer in der Krise - Ernte so gering wie lange nicht
25.10.2024 - 10:52:12Steigende Kosten, weniger Konsum und Ăberproduktion: Der Weinbau in Deutschland steckt in der Krise. Dazu kommt 2024 aufgrund extremer Wetterlagen ein deutlicher RĂŒckgang der Erntemenge, der den Osten und die Ahr besonders trifft. Das Deutsche Weininstitut rechnet mit einer Ernte von rund 7,9 Millionen Hektolitern Weinmost bundesweit, etwa zehn Prozent weniger als im Mittel der vergangenen zehn Jahre. Einen Ă€hnlich niedrigen Ertrag habe es zuletzt 2017 mit 7,5 Millionen Hektolitern gegeben.
Der Fassweinpreis liegt bei 70 Cent und wenigerÂ
«Trotz eines kleineren Jahrgangs 2024 bleibt der Preisdruck auf dem deutschen Markt hoch, da vielerorts noch groĂe WeinbestĂ€nde vorhanden sind», sagt Professorin Simone Loose von der Hochschule Geisenheim University im Rheingau. Der Preis fĂŒr Fasswein in der Pfalz liege aktuell bei etwa 70 Cent pro Liter - je nach Rebsorte ist er sogar noch niedriger. Die Produktionskosten der Winzer seien mit mindestens 1,20 Euro aber etwa doppelt so hoch.Â
Auch bei den Betrieben, die ihre Weine direkt an Endverbraucher und den Handel verkauften, sinke die Nachfrage, sagt die Betriebswirtin. An den WeingĂŒtern des Verbands Deutscher PrĂ€dikatsweingĂŒter (VDP) geht die aktuelle Situation trotz starker Marktposition auch nicht ganz spurlos vorbei. Dies sei gerade im Inland zu merken und dabei auch auf die Gastronomie zurĂŒckzufĂŒhren, sagt der Sprecher des VDP, Max Rohde.Â
«Rotationsbrachen» könnten schnell Entspannung bringenÂ
Um einen weiteren Preisverfall zu verhindern, mĂŒsse die Produktionsmenge in Deutschland «angepasst werden», sagt Loose. Dabei mĂŒsse es auch darum gehen, welche AnbauflĂ€chen unter dem fortschreitenden Klimawandel keine Zukunft mehr hĂ€tten und welche fĂŒr den Tourismus unverzichtbar seien.Â
Der GeneralsekretĂ€r des Deutschen Weinbauverbands, Christian Schwörer, hĂ€lt das Konzept der «Rotationsbrachen» fĂŒr ein Mittel, um relativ schnell Entspannung im Markt zu erreichen. Dabei blieben nach der Rodung eines Weinbergs die Pflanzrechte noch sechs Jahre bestehen und die Winzer könnten diese Zeit nutzen, um BlĂŒhflĂ€chen fĂŒr die BiodiversitĂ€t anzulegen. Bisher gebe es fĂŒr BlĂŒhstreifen von Winzern von der EU eine Förderung von rund 200 Euro pro Hektar, notwendig seien aber etwa 3000 Euro, allein um die Fixkosten der Winzer zu decken.Â
Betriebe mĂŒssen Kosten senkenÂ
Die Betriebe mĂŒssten aber auch genau schauen, wo sie Kosten sparen können, sagt Schwörer. «Gemeinsam mit Beratern und Steuerexperten gilt es, eine klare Zukunftsstrategie zu entwickeln», mahnt Loose. Dabei mĂŒssten alle Produkte unter die Lupe genommen und auch die Frage der Nachfolge im Betrieb bedacht werden. Die Politik sei zudem mit einigen Steuererleichterungen gefragt, ergĂ€nzt Schwörer. «Jeder einzelne Baustein hilft nicht viel weiter, aber eine Vielzahl von MaĂnahmen hilft doch dem ein oder anderen die Situation zu entspannen.»Â
Loose: Auf eine gut gepflegte digitale Kundendatenbank kommt es anÂ
«Der Winzer von heute und morgen muss nicht nur ein guter Weinmacher sein â er muss auch UnternehmerqualitĂ€ten mitbringen», betont Loose. «Eine gut gepflegte digitale Kundendatenbank ist heute eigentlich wertvoller als die RebflĂ€che selbst.» Denn: «Der VerdrĂ€ngungswettbewerb in der Branche um die Ă€lter und weniger werdenden Kunden ist hart.»
Höhere Preise lassen sich nur schwer durchsetzenÂ
Mit höheren Preisen fĂŒr die Flasche Wein könne zumindest ein Teil der gestiegenen Kosten ausgeglichen werden, sagt Loose. «Wir werden es nicht schaffen, dass die Leute, die jetzt im Supermarkt zwei, drei Euro ausgeben, plötzlich acht, neun Euro fĂŒr eine Flasche ausgeben», gibt Schwörer zu Bedenken. In der aktuellen Wirtschaftslage sei eine Flasche Wein fĂŒr manche bereits ein «Luxusgut», auf das sie im Zweifel verzichteten.Â
«Wir brauchen eine Marktspreizung.» Im unteren Preissegment im Einzelhandel seien italienische und spanische Weine eben viel stĂ€rker als deutsche. Etwa 90 Prozent der Vermarktung deutscher Weine liefen ĂŒber QualitĂ€ts- und PrĂ€dikatswein.Â
Graswurzelbewegung fĂŒr WeinkulturÂ
Der Weinkonsum geht insgesamt zurĂŒck und neue AbsatzmĂ€rkte sind gefragt. Junge Menschen trinken weniger Wein, Ă€ltere sollen aus gesundheitlichen GrĂŒnden oft weniger trinken. Dazu komme Abstinenz etwa aus religiösen GrĂŒnden - sowie die neuen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrung, ganz auf Alkohol zu verzichten, zĂ€hlt Schwörer die wichtigsten GrĂŒnde auf. Nach EinschĂ€tzung der DachverbĂ€nde der Weinbranche fehlten fĂŒr diese Empfehlung eindeutige wissenschaftliche Belege.Â
«Die Unternehmen brauchen von der Politik und der Zivilgesellschaft ein klares Commitment zur Weinkultur und zu moderatem Trinkkonsum in Europa», sagt Schwörer. Er verweist auf die europaweite Grasswurzel-Kampagne zum Schutz der Weinkultur und des moderaten Weingenusses (Vitaevino), die auch die rheinland-pfĂ€lzische Weinbauministerin Daniela Schmitt als Schirmherrin unterzeichnet hat.Â
Appell an Verbraucher: Mehr Wein aus Deutschland trinken - aber in MaĂenÂ
Wein sei nicht nur ein wichtiges landwirtschaftliches Produkt, das zur Wertschöpfung beitrage, sagt die FDP-Politikerin. Wein «ist auch ein wertvoller Teil unseres kulturellen Erbes und unserer lĂ€ndlichen IdentitĂ€t.» Schmitt appelliert an die Verbraucher, «beim Einkauf auf QualitĂ€t und Herkunft und beim Konsum auf MaĂ und Mitte zu achten».Â
Ernst BĂŒscher vom Deutschen Weininstitut ergĂ€nzt: «Nachdem hierzulande doppelt so viel Wein konsumiert wie produziert wird, sollte es eigentlich möglich sein, die deutschen Weine auf dem heimischen Markt abzusetzen.» Aktuell stammten von 100 gekauften Flaschen nur 42 aus deutschen Regionen.















