Gewerkschaften, Mitglieder

Warum Gewerkschaften gerade wieder mehr Mitglieder gewinnen

29.01.2024 - 07:21:11 | dpa.de

Die Gewerkschaften erleben einen kleinen Boom. Inflation und stark gesunkene Reallöhne haben die Tarifkonflikte verschÀrft und neue Mitstreiter gebracht. Das muss nicht automatisch so weitergehen.

Gewerkschaften konnten einem Experten zufolge ihre ArbeitskÀmpfe zur Mitgliederwerbung nutzen. - Foto: Hannes P. Albert/dpa
Gewerkschaften konnten einem Experten zufolge ihre ArbeitskÀmpfe zur Mitgliederwerbung nutzen. - Foto: Hannes P. Albert/dpa

Die Gewerkschaften haben sich vom Corona-Schock erholt und im vergangenen Jahr einen kleinen Ansturm erlebt: Die große Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wie auch die kleine Gewerkschaft Nahrung-Genuss-GaststĂ€tten (NGG) sind 2023 gegen den langjĂ€hrigen Trend wieder gewachsen und auch die IG Metall schaffte mit annĂ€hernd 130.000 Neu-Eintritten fast die schwarze Null.

Sich in einer Gewerkschaft zu organisieren, scheint gerade bei jungen Leuten wieder eher im Trend zu liegen als in frĂŒheren Jahren, als die Mitgliedzahlen mit wenigen Ausnahmen nur den Weg nach unten kannten.

Den Gewerkschaften macht wie anderen gesellschaftlichen Institutionen grundsĂ€tzlich die demografische Entwicklung zu schaffen. Ältere Mitglieder sterben langsam weg oder steigen schon mit dem Ruhestand aus. Die Verkehrsgewerkschaft EVG und die IG Bergbau Chemie Energie sind auch 2023 aus diesen GrĂŒnden geschrumpft.

EndgĂŒltige Zahlen fĂŒr seine acht Mitgliedsgewerkschaften will der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) am Mittwoch (31. Januar) vorlegen. Ein Jahr zuvor waren dort gut 5,6 Millionen MĂ€nner und Frauen organisiert.

Die Babyboomer gehen bald

Eine langfristige Trendwende hin zu steigenden Mitgliederzahlen sei dies aber noch nicht, hat Verdi-Chef Frank Werneke sofort gewarnt. Die eigentliche BewÀhrungsprobe, der massenhafte Wechsel der Babyboomer-JahrgÀnge in den Ruhestand, steht auch den Gewerkschaften noch bevor.

«Es wird nicht nur darum gehen, weiterhin neue Mitglieder zu gewinnen», warnt Tarifexperte Reinhard Bispinck. «Viel wird auch davon abhÀngen, ob die Gewerkschaften die bislang neu gewonnenen Mitglieder auch halten können.» In Krisenbranchen wie dem Baugewerbe sei es zudem sehr schwer, neue Mitglieder zu finden.

Thorsten Schulten, Leiter des WSI-Tarifarchivs der gewerkschaftlichen Böckler-Stiftung, sieht aber auf absehbare Zeit eine grundsÀtzlich starke Position der BeschÀftigten auf dem Arbeitsmarkt, die die Gewerkschaften nutzen könnten. Arbeitnehmer entwickelten angesichts der hohen Nachfrage ein «neues Selbstbewusstsein» zum Wert ihrer Arbeit und forderten eine entsprechende WertschÀtzung ein. Sie wollten aber aktiv in die gewerkschaftliche Arbeit eingebunden werden.

Streikzeiten sind gute Zeiten zur Mitgliederwerbung

Von einem langfristigen Trend will der Gewerkschaftsforscher Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der Wirtschaft (IW Köln) nicht sprechen. Es sei den Gewerkschaften im vergangenen Jahr aber sehr gut gelungen, ihre zunehmend aggressiven ArbeitskÀmpfe zur Mitgliederwerbung zu nutzen.

Gute Beispiele sind Verdi oder die NGG, die 2023 in einer zersplitterten Niedriglohnbranche mehr als 400 ArbeitskĂ€mpfe gefĂŒhrt und hĂ€ufig zweistellige LohnzuwĂ€chse erreicht hat. Streikzeiten sind gute Zeiten zur Mitgliederwerbung, das gilt auch fĂŒr die konkurrierenden Eisenbahngewerkschaften EVG und GDL.

RĂŒckenwind fĂŒr die Arbeitnehmer könnte von der EU-Kommission kommen, die per Richtlinie in den Mitgliedstaaten eine Tarifbindung von 80 Prozent anstrebt. Deutschland ist davon mit rund 50 Prozent der BeschĂ€ftigten weit entfernt und kommt auch nur auf diese knappe HĂ€lfte, weil die tarifgebundenen Unternehmen die vereinbarten GehĂ€lter und Regelungen auf alle BeschĂ€ftigten anwenden - und nicht nur auf die juristisch allein berechtigten Gewerkschaftsmitglieder.

Die Gewerkschaften erreichten unter allen Arbeitnehmern nur einen Organisationsgrad von 17 Prozent, rechnet Lesch vor. Dennoch sollte sich der Staat zurĂŒckhalten.

Die Ampel kann einiges tun

WSI-Forscher Schulten sieht fĂŒr die regierende Ampel-Koalition hingegen mehrere Handlungsfelder, die letztlich den Gewerkschaften zugute kommen könnten. So sollten Subventionen und öffentliche AuftrĂ€ge nur noch an tariftreue Firmen gehen und einmal abgeschlossene TarifvertrĂ€ge fĂŒr die jeweilige Branche leichter allgemeinverbindlich erklĂ€rt werden.

«Und drittens sollten die unsÀglichen OT-Mitgliedschaften (ohne Tarif) in ArbeitgeberverbÀnden beendet werden, mit denen die Tarifflucht quasi offiziell hoffÀhig gemacht wird.»

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