IG Metall Autoindustrie Proteste: 175.000 BeschÀftigte gegen Stellenabbau mobilisiert
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 15:39 Uhr | dpa, AD HOC NEWSMit einem bundesweiten Aktionstag hat die IG Metall nach eigenen Angaben rund 175.000 BeschĂ€ftigte der Autoindustrie gegen Stellenabbau, drohende WerkschlieĂungen und lĂ€ngere Arbeitszeiten mobilisiert.
Proteste an 280 Standorten in ganz Deutschland
Unter dem Motto âZukunft statt Kahlschlag - Zusammenhalt ist unsere stĂ€rkste Markeâ zogen BeschĂ€ftigte mit Trommeln, Trillerpfeifen, Bannern und Fahnen vor die Zentralen groĂer Autobauer und die Werke wichtiger Zulieferer. Aktionen gab es nicht nur in den Auto-Hochburgen Wolfsburg, Stuttgart, Ingolstadt und MĂŒnchen, sondern an rund 280 Orten im gesamten Bundesgebiet.
Der Aktionstag richtete sich gegen laufende Sparprogramme, die in der Branche bereits seit einiger Zeit ArbeitsplĂ€tze kosten. Die Gewerkschaft kritisiert insbesondere PlĂ€ne zum Jobabbau, mögliche WerksschlieĂungen und Forderungen nach lĂ€ngeren Arbeitszeiten. Nach Angaben der IG Metall verschwinden in der Autoindustrie derzeit schneller Stellen als in jedem anderen Industriezweig.
BeschÀftigung in der Autoindustrie auf Tiefstand
Zum Ende des ersten Halbjahres waren in der deutschen Autoindustrie noch 691.500 Menschen beschĂ€ftigt â so wenige wie nie seit Beginn der vergleichbaren Statistikreihe im Jahr 2005. Gleichzeitig laufen zahlreiche Abbauprogramme, die sich ĂŒber Jahre erstrecken und zehntausende BeschĂ€ftigte bei Herstellern wie Mercedes-Benz, BMW und dem VW-Konzern sowie bei Zulieferern wie Bosch, ZF Friedrichshafen, Aumovio und Mahle betreffen.
Im VW-Konzern steht dabei auch die mögliche SchlieĂung der Werke Hannover, Emden, Zwickau sowie des Audi-Standorts Neckarsulm im Raum. Die IG Metall warnt vor massiven Folgen fĂŒr die betroffenen Regionen und fordert verbindliche Zusagen fĂŒr Standorte und Belegschaften.
Benner attackiert Auto-Manager scharf
IG-Metall-Chefin Christiane Benner warf den Auto-Managern bei einem Auftritt in Wolfsburg schwere Fehler vor. Die deutschen Hersteller hĂ€tten lange fĂŒr hochwertige Fahrzeuge und gute QualitĂ€t gestanden. Nun wĂŒrden VorstĂ€nde die Branche âmit Vollgas gegen die Wandâ fahren und sich anschlieĂend ihrer Verantwortung entziehen, sagte Benner nach Gewerkschaftsangaben.
Sie forderte die Unternehmensspitzen auf, Verantwortung fĂŒr das Autoland Deutschland, die BeschĂ€ftigten und die ArbeitsplĂ€tze zu ĂŒbernehmen. Zugleich verlangte Benner von der Politik verlĂ€ssliche Bedingungen fĂŒr Investitionen, bezahlbare Energie, Schutz vor unfairem Wettbewerb und Finanzhilfen fĂŒr Zulieferer im Umbau. Auch die bestehenden Regelungen zur Altersteilzeit sollten aus ihrer Sicht erhalten bleiben.
VDA verweist auf hohe Kosten am Standort Deutschland
Der Verband der Automobilindustrie hatte bereits vor dem Aktionstag mehr VerĂ€nderungsbereitschaft von Gewerkschaften und BeschĂ€ftigten angemahnt. Produktion in Deutschland sei kein Naturgesetz, die Auslastung von Werken kein SelbstlĂ€ufer, schrieb VDA-PrĂ€sidentin Hildegard MĂŒller in einem Gastbeitrag. Sie verwies auf hohe Arbeitskosten und vergleichsweise kurze Arbeitszeiten als wesentliche Wettbewerbsnachteile.
Demnach koste eine Arbeitsstunde in der deutschen Autoindustrie fast 65 Euro, wĂ€hrend in Tschechien 24 Euro und in Polen 18 Euro fĂ€llig wĂŒrden. Zudem werde in Deutschland im Schnitt 1.300 Stunden im Jahr gearbeitet, in Tschechien 1.800 und in Mexiko mehr als 2.000 Stunden. Aus Sicht der Industrie erschweren diese Unterschiede Investitionen in neue Produkte und Werke am Standort Deutschland.
SchwĂ€chelnde MĂ€rkte und GewinneinbrĂŒche
Die Probleme der Branche hÀngen auch mit der schwÀcheren Nachfrage in wichtigen AbsatzmÀrkten zusammen. In China sitzen Verbraucherinnen und Verbraucher nicht mehr so locker am Geldbeutel, zugleich verschÀrft ein intensiver Preiskampf zwischen zahlreichen einheimischen Herstellern den Druck auf die Preise. Hinzu kommen US-Zölle und ein langsamer als erwarteter Hochlauf der ElektromobilitÀt.
Viele Autobauer und Zulieferer verzeichneten zuletzt deutliche GewinneinbrĂŒche und reagierten mit Sparprogrammen. Nach einer Analyse der Beratungsgesellschaft EY lagen die deutschen Hersteller beim Umsatz im ersten Halbjahr zwar weiterhin vor vielen internationalen Konkurrenten, verloren bei der Entwicklung aber den Anschluss.
EY: Standortvorteil wird zur Belastung
Der Umsatz von VW, BMW und Mercedes sank demnach im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2,9 Prozent auf rund 284 Milliarden Euro, wĂ€hrend die 19 gröĂten Autokonzerne weltweit ihren Umsatz im selben Zeitraum um 3,6 Prozent steigerten. Der operative Gewinn der deutschen Hersteller fiel um 19 Prozent auf 13 Milliarden Euro und erreichte damit den niedrigsten Stand seit dem Pandemie-Jahr 2020.
EY-Branchenexperte Constantin Gall sieht die Unternehmen vor allem unter strukturellem Kostendruck. Der hohe Produktionsanteil in Deutschland, lange als Symbol fĂŒr QualitĂ€t und StĂ€rke gewertet, werde angesichts geringer LohnkostenproduktivitĂ€t, hoher Energiepreise und hoher Regulierungskosten zunehmend zur Belastung. Notwendige VerĂ€nderungen könnten in Deutschland seiner EinschĂ€tzung nach nicht konsequent umgesetzt werden, weshalb deutsche Konzerne ihr Heil verstĂ€rkt an anderen Standorten suchten.
Struktureller Umbruch in der Autoindustrie
Die von der IG Metall organisierten Proteste spiegeln einen tiefgreifenden Strukturwandel in der deutschen Autoindustrie wider. Unternehmen verschieben Investitionen, bauen Personal ab und denken ĂŒber WerksschlieĂungen nach, um auf sinkende Gewinne, internationale Konkurrenz und den schleppenden Hochlauf der ElektromobilitĂ€t zu reagieren. FĂŒr viele BeschĂ€ftigte bedeutet dies, dass langjĂ€hrige Sicherheiten in Frage stehen und ganze Regionen um ihre wirtschaftliche Basis bangen.
Die Gewerkschaft setzt dem die Forderung nach verbindlichen Zukunftszusagen fĂŒr Standorte und Belegschaften entgegen. Sie drĂ€ngt auf Investitionen in neue Technologien wie Batteriefertigung und Software, aber am bestehenden Produktionsnetz in Deutschland. Parallel warnt der Branchenverband vor hohen Lohn- und Energiekosten, kĂŒrzeren Arbeitszeiten und umfangreicher Regulierung, die Investitionen hierzulande erschweren. Diese GegensĂ€tze verschĂ€rfen die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie, in der es auch um Arbeitszeitmodelle und den Wert der 35-Stunden-Woche geht.
Politische Verantwortung und Standortpolitik
Die Auseinandersetzung ist zugleich ein Testfall fĂŒr die Industriepolitik. Die Gewerkschaft fordert verlĂ€ssliche Rahmenbedingungen: wettbewerbsfĂ€hige Strompreise, Abbau von BĂŒrokratie, gezielte UnterstĂŒtzung von Zulieferern und Schutz vor aggressivem Wettbewerb aus China und den USA. Unternehmen drĂ€ngen auf mehr FlexibilitĂ€t bei Arbeitszeiten und Kosten sowie auf steuerliche Entlastungen. Politische Entscheidungen ĂŒber Subventionen, Handelsschutzinstrumente und Förderprogramme fĂŒr Zukunftstechnologien wirken damit direkt auf die Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften zurĂŒck.
Folgen fĂŒr BeschĂ€ftigte und Regionen
FĂŒr BeschĂ€ftigte in Werken, deren Zukunft offen ist, geht es um mehr als nur um einzelne Stellen. Wird Produktion verlagert oder stark automatisiert, kann dies ganze Zulieferketten treffen und insbesondere Regionen mit hoher AbhĂ€ngigkeit von der Autoindustrie hart treffen. Gleichzeitig entstehen neue Jobs in Bereichen wie Software, Elektronik und Batterietechnik, allerdings hĂ€ufig an anderen Standorten oder mit anderen Qualifikationsprofilen. Ob dieser Ăbergang sozial abgefedert gelingt, entscheidet sich in den kommenden Jahren in den Auseinandersetzungen um Qualifizierung, Transformationsfonds und tarifliche Sicherungen â und in der Frage, ob Unternehmen und Politik ihre Zusagen an BeschĂ€ftigte und Regionen einhalten.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Deutschlandfunk: âAutobranche: IG Metall ruft zu bundesweitem Aktionstag aufâ (21.09.2026)
Der Bericht stellt heraus, die IG Metall rufe zu einem bundesweiten Aktionstag auf, um gegen Jobabbau und Einschnitte in der Autoindustrie zu protestieren. Die GewerkschaftsfĂŒhrung spreche demnach von einem beispiellosen Angriff auf die BeschĂ€ftigten und sehe auch Errungenschaften wie die 35-Stunden-Woche in Gefahr. Zugleich werde betont, dass die IG Metall mehr Investitionen in deutsche Standorte, niedrigere Stromkosten sowie zusĂ€tzliche Zölle auf Autos aus China und Hilfen fĂŒr Zulieferer einfordere.
tagesschau.de: âZukunft der Autobranche: Heute finden zahlreiche Proteste stattâ (21.09.2026)
Der Beitrag schildert, die IG Metall wolle mehr als 100.000 Menschen mobilisieren und setze einen Schwerpunkt auf die groĂen Aktionen in Niedersachsen, insbesondere in Hannover und Wolfsburg. Hervorgehoben werde, dass neben VW auch MAN, Bosch und weitere Standorte in Salzgitter, Hildesheim, Emden und anderen StĂ€dten beteiligt seien. Der Bericht betone zudem die Forderung nach Zukunftsgarantien fĂŒr deutsche Werke und dem Erhalt der 35-Stunden-Woche sowie den Ruf nach wettbewerbsfĂ€higen Industriestrompreisen.
Insgesamt zeichne der Pressespiegel das Bild breiter Proteste, die sich sowohl gegen konkrete Spar- und AbbauplĂ€ne als auch gegen strukturelle Nachteile des Standorts Deutschland richten. Ăbereinstimmend werde berichtet, dass die IG Metall politischen RĂŒckhalt und klare Zusagen der Unternehmen einfordere, wĂ€hrend zugleich offen bleibe, wie weit die Arbeitgeberseite in der anstehenden Tarifrunde zu ZugestĂ€ndnissen bereit sei.
