Deutschland, Arbeit

Zahl der AusbildungsvertrÀge nur leicht gestiegen

22.08.2023 - 09:10:30 | dpa.de

Die klassische Ausbildung lag schon vor Corona nicht mehr so richtig im Trend. Vom Pandemie-Schock mit fehlenden Praktika und eingeschlafener Beratung erholt sie sich nur langsam.

Im vergangenen Jahr wurden 469.900 neue AusbildungsvertrÀge abgeschlossen. Ausbildungen im Kfz-Bereich waren besonders beliebt. - Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Noch sind viele junge Menschen auf der Suche nach einer Lehrstelle, doch in der dualen Ausbildung ist eine schnelle RĂŒckkehr zu Vor-Corona-VerhĂ€ltnissen unrealistisch. Die Pandemie hat tiefe LĂŒcken im typisch deutschen System der gleichzeitigen Ausbildung in Betrieb und Berufsschule gerissen, die so schnell nicht wieder zu schließen sein werden. Die betroffenen Betriebe und VerbĂ€nde setzen angesichts des FachkrĂ€ftemangels auf eine bessere Beratung, die an vielen Stellen dem Corona-Virus zum Opfer gefallen war.

Nach endgĂŒltigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes hat es 2022 zwar ein leichtes Plus von 0,8 Prozent auf 469.900 neue AusbildungsvertrĂ€ge gegeben. Dies waren aber immer noch acht Prozent weniger als im letzten Vorkrisenjahr 2019 mit mehr als 500.000 neuen VertrĂ€gen. Ende 2022 befanden sich nur noch 1,22 Millionen Menschen in einer dualen Berufsausbildung. Das waren drei Prozent weniger als ein Jahr zuvor und ein historischer Tiefstand.

Zehntausende offene Stellen

Im laufenden Jahr setzen wichtige Ausbildungsbranchen wie Handel oder Handwerk auf SpĂ€tentschlossene. Noch bis weit in den Herbst hinein wĂŒrden fĂŒr gewöhnlich AusbildungsvertrĂ€ge geschlossen, berichtet der Handelsverband Deutschland und verweist auf Zehntausende offene Stellen und duale StudiengĂ€nge bei den Mitgliedsunternehmen. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks berichtet von einem Vertragsplus um 4,5 Prozent bis einschließlich Juli, weil sich wieder mehr junge Menschen fĂŒr eine «sinnstiftende und zukunftssichere TĂ€tigkeit im Handwerk» interessieren.

Die jĂŒngsten Zahlen der Bundesagentur fĂŒr Arbeit fĂŒr den Juli zeigen noch nicht die gesamte Entwicklung im anstehenden Ausbildungsjahr. Nahezu unverĂ€ndert zum Vorjahr sind bislang die Bewerberzahlen, wĂ€hrend die Betriebe auf der Suche nach FachkrĂ€ften noch einmal mehr Ausbildungsstellen ausgeschrieben haben. Auf hundert Stellen kommen so nur noch 77 Bewerber.

Elke Hannack, Vizevorsitzende beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), geht die Erholung bis zum Vor-Corona-Niveau nicht schnell genug: «Beim aktuellen Tempo brĂ€uchten wir dafĂŒr noch mehr als 10 Jahre. So lange können wir im Interesse von jungen Menschen und im Kampf gegen den FachkrĂ€ftemangel nicht warten.» Hannack sieht die Betriebe in der Pflicht, die Bedingungen attraktiver zu machen. Gute Beispiele gebe es viele wie Vier-Tage-Wochen, Verzicht auf Nachtarbeit, AuslandsmobilitĂ€t oder Hilfe bei der Wohnungssuche.

Der Weg in die Ausbildung ist fĂŒr junge Menschen nicht mehr zwingend, beschreibt Enzo Weber vom Institut fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Lage: WĂ€hrend mehr als 55 Prozent eines Jahrgangs zunĂ€chst ein Studium beginnen, gibt es auf der anderen Seite eine wachsende Gruppe, die ohne Abschluss oder Ausbildung auf den Arbeitsmarkt geht. In vielen Helferberufen wĂŒrden aktuell KrĂ€fte gesucht und auch mit ĂŒberdurchschnittlich gestiegenen Löhnen gelockt. Gleichzeitig sei fĂŒr sie die Gefahr schneller Arbeitslosigkeit signifikant gestiegen.

Handwerks-PrÀsident fordert eine «Bildungswende»

2,6 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren ohne Berufsabschluss gibt es in Deutschland bereits und gleichzeitig einen FachkrĂ€ftemangel an nahezu jeder Ecke. Allein fĂŒr die Klimawende in den Heizungskellern fehlen nach EinschĂ€tzung des Handwerks rund 600.000 Monteure. Eine «Bildungswende» hin zu mehr WertschĂ€tzung von beruflicher Bildung und berufspraktischer Arbeit verlangt daher Handwerks-PrĂ€sident Jörg Dittrich. Er sagt: «Die Auszubildenden von heute sind die (Klima-)FachkrĂ€fte von morgen – und wer eine Ausbildung im Handwerk startet, bekommt die Chance, nicht nur an der eigenen Zukunft, sondern der des Landes zu schrauben!»

IAB-Forscher Weber rĂ€t zu einer verbesserten und passgenauen Berufsberatung fĂŒr jeden einzelnen. Dabei mĂŒssten dualer und akademischer Bildungsweg auf gleicher Augenhöhe behandelt werden, da der Bedarf in beiden Bereichen steigen werde. DGB-Vize Hannack verlangt eine Reform der Berufsorientierung in den Schulen. Sie fordert: «Die LĂ€nder mĂŒssen endlich fĂŒr einen funktionierenden Datenaustausch zwischen Schulen und Arbeitsagenturen sorgen, damit niemand am Übergang verloren geht.»

Die Übernahmequote liegt auf einem Rekordwert

Das Handwerk sieht ebenfalls an den Schulen viel Nachholbedarf. Die jungen Menschen mĂŒssten zunĂ€chst einmal erfahren, welche Welten sich im Handwerk fĂŒr sie auftun. Dann sei auch dort eine Bildungskarriere möglich. Im Handel hĂ€tten 80 Prozent der FĂŒhrungskrĂ€fte selbst mit einer Ausbildung begonnen, wirbt der Handelsverband.

Das Institut fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nennt noch ein weiteres Argument fĂŒr eine Ausbildung. Nach einem Pandemie-Knick ist 2022 die Übernahmequote wieder auf den Rekordwert von 77 Prozent gestiegen. Mit Sorge betrachten die NĂŒrnberger Experten, dass die Zahl der ausbildungsberechtigten Betriebe seit Jahren zurĂŒckgeht. Vor allem kleine Unternehmen verabschieden sich von der Idee, selbst etwas gegen die FachkrĂ€fte-Misere tun zu können. Nur noch gut jeder fĂŒnfte Betrieb (22 Prozent) bildet ĂŒberhaupt aus.

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