Orban ist nun am Zug in der EU
01.07.2024 - 06:35:02 | dpa.deDie Budapester Regierung hat sich vorgenommen, mit der PrĂ€sidentschaft die wirtschaftliche WettbewerbsfĂ€higkeit der EU voranzutreiben. Um das Wachstum zu fördern, wolle man ein neues Abkommen dazu verabschieden, teilte die Regierung zur Ăbernahme des EU-Ratsvorsitzes an diesem Montag mit. AuĂerdem soll illegale Migration besser bekĂ€mpft werden - unter anderem durch Deals mit Drittstaaten.
Der Ratsvorsitz der EU wechselt alle sechs Monate zwischen den 27 Mitgliedstaaten. Regierungsvertreter aus Ungarn werden damit bis Ende Dezember die Leitung zahlreicher Ministertreffen ĂŒbernehmen und bei Meinungsverschiedenheiten zwischen den EU-Staaten vermitteln.
Orban ist fĂŒr EU-kritische Haltung bekannt
Der ungarische MinisterprĂ€sident Viktor Orban ist fĂŒr seine EU-kritische Haltung bekannt. Immer wieder geriet er in der Vergangenheit mit den anderen Mitgliedstaaten aneinander und blockierte bei wichtigen Abstimmungen. So in letzter Zeit vor allem bei der UnterstĂŒtzung fĂŒr die von Russland angegriffene Ukraine und Sanktionen gegen Moskau.
"Die PrĂ€sidentschaft bedeutet nicht, dass man der Chef von Europa ist. Die PrĂ€sidentschaft bedeutet, dass Sie derjenige sind, der den Kompromiss machen muss", gab der scheidende belgische MinisterprĂ€sident Alexander De Croo seinem Budapester Kollegen zuletzt in BrĂŒssel mit auf den Weg. Zuvor hatte Belgien die EU-RatsprĂ€sidentschaft inne.
Budapest will Europa "wieder groĂartig machen"
Inwiefern Orban das annehmen wird, ist fraglich. Und die Ukraine wird in den kommenden Wochen und Monaten weiter eine groĂe Rolle fĂŒr die EU spielen - wenn es um weitere Hilfen geht, aber auch bei den laufenden BeitrittsgesprĂ€chen mit dem Land. Die EU-Staats- und Regierungschefs verstĂ€ndigten sich zudem erst kĂŒrzlich darauf, dass Europa in militĂ€rischen Belangen weniger abhĂ€ngig werden und seine RĂŒstungsindustrie deutlich stĂ€rken soll. Hier liegt es nun an Ungarn, diese Bestrebung voranzutreiben.
Zuvor hatte die rechtsnationale ungarische Regierung mit ihrem Motto fĂŒr die RatsprĂ€sidentschaft fĂŒr Schlagzeilen gesorgt: "Make Europe Great Again" - ein abgewandelter Wahlkampf-Slogan des umstrittenen amerikanischen Ex-PrĂ€sidenten Donald Trump. Auf Deutsch bedeutet der Spruch so viel wie "Macht Europa wieder groĂartig".
In der Vergangenheit hatten sich Orban und Trump immer wieder gegenseitig gelobt. Erst im MĂ€rz pries Orban Trump bei einem Treffen als "PrĂ€sidenten des Friedens", wĂ€hrend der Amerikaner den Ungarn wiederum als "besten FĂŒhrer" ĂŒberhaupt rĂŒhmte.
Wie genau diese FĂŒhrung mit Blick auf den Ratsvorsitz aussehen wird, wird sich zeigen. Doch am Ende ist auch die Macht der RatsprĂ€sidentschaft begrenzt: Die GesetzesvorschlĂ€ge gehen von der EU-Kommission aus. Der Wortlaut der Rechtstexte wird dann vom EU-Staaten und Parlament final ausgehandelt. Zudem sind jetzt - drei Wochen nach der Europawahl - weder die Kommission noch das Parlament voll arbeitsfĂ€hig. Zahlreiche wichtige Positionen mĂŒssen noch vergeben werden. Viele neue Gesetzesinitiativen sind daher in dieser Phase nicht zu erwarten.
Orban schmiedet rechtes ParteienbĂŒndnis
Orban will aber auch im EU-Parlament seinen Einfluss ausbauen. Einen Tag vor Ăbernahme der RatsprĂ€sidentschaft kĂŒndigte Orban die GrĂŒndung einer neuen RechtsauĂen-Fraktion im Parlament an. Die Gruppierung "Patrioten fĂŒr Europa" umfasst neben der ungarischen Regierungspartei Fidesz die rechte österreichische FPĂ und die liberal-populistische tschechische ANO. Das BĂŒndnis ist fĂŒr weitere Parteien offen, die sich zu dem am Sonntag von den drei Parteichefs in Wien unterzeichneten "Patriotischen Manifest" bekennen.
Mit dem erhofften Zulauf wĂŒrde die Gruppierung zur "gröĂten Fraktion der rechtsgerichteten KrĂ€fte Europas" aufsteigen, so Orban. Ihr Manifest enthĂ€lt die bekannten Positionen rechter, rechts-populistischer und rechtsextremer Parteien: Ablehnung von Migration und "Green Deal", keine UnterstĂŒtzung der von Russland angegriffenen Ukraine sowie RĂŒckbau der Integration in der EU zwecks StĂ€rkung der SouverĂ€nitĂ€t der Nationalstaaten.
SchlieĂt sich die AfD an?
Die drei Parteien bekamen bei der EU-Wahl in ihren jeweiligen LĂ€ndern die meisten Stimmen. Fidesz stellt elf Abgeordnete im neuen Europaparlament, ANO sieben und die FPĂ sechs. Insgesamt verfĂŒgen sie damit ĂŒber 24 der 705 Vertreter in dem EU-Gremium. FĂŒr die Bildung einer Fraktion sind insgesamt mindestens 23 Abgeordnete aus 7 LĂ€ndern erforderlich.
Inhaltlich bestehen vor allem bei Fidesz und FPĂ viele BerĂŒhrungspunkte mit der AfD, die kurz vor der Europawahl aus der rechten ID-Fraktion ausgeschlossen worden war. Am Rande des AfD-Bundesparteitags in Essen wollte sich AfD-Chef Tino Chrupalla am Sonntag auf Anfrage aber nicht zu Orbans PlĂ€nen Ă€uĂern.
Der AfD-Europaparlamentarier Marc Jongen Ă€uĂerte sich hingegen im Deutschlandfunk wohlwollend. "Also wenn es nach mir ginge, dann wĂŒrden wir dieser Fraktion auch sehr gerne beitreten." Das "Patriotische Manifest" könne seine Partei "sofort unterschreiben". Inhaltlich sei man "Orban sehr nahe", man arbeite daran, "eine formelle Zusammenarbeit in der Zukunft herzustellen".
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