ROUNDUP, AtomplÀne

Mögliche neue AtomplĂ€ne Russlands sorgen fĂŒr Besorgnis

15.02.2024 - 16:22:43 | dpa.de

Die Nato muss sich möglicherweise auf eine zusÀtzliche Bedrohung durch Russland vorbereiten.

Nach Berichten mehrerer US-Medien haben amerikanische Geheimdienste Informationen ĂŒber neue atomare Ambitionen Russlands im Weltall. Diese FĂ€higkeiten könnten sich demnach gegen Satelliten richten und so die nationale wie internationale Sicherheit bedrohen.

Verteidigungsminister Boris Pistorius sagte am Donnerstag am Rande eines Nato-Treffens in BrĂŒssel, ihm lĂ€gen bislang keine Erkenntnisse darĂŒber vor, dass Russland möglicherweise atomare Anti-Satelliten-Waffen im Weltraum stationieren wolle. Er kĂŒndigte allerdings an, dass er sich mit Partnern darĂŒber austauschen werde. "Diese Meldungen sind meines Wissens sehr, sehr neu, jedenfalls fĂŒr mich", sagte der SPD-Politiker.

Pistorius warnte davor, vorschnell Antworten zu geben oder zu glauben, welche zu haben. "Wir mĂŒssen die technischen Fragen klĂ€ren und dann sehen, was daraus folgert", sagte er.

Gefahr fĂŒr militĂ€rische Kommunikation und AufklĂ€rung

Nach Informationen der "New York Times" sind die jetzt diskutierten nuklearen FĂ€higkeiten Russlands noch in der Entwicklung und bislang nicht zum Einsatz gekommen. Eine akute Gefahr bestehe daher nicht. Fox News berichtete, mit einem Einsatz nuklearer Systeme gegen Satelliten ließe sich möglicherweise militĂ€rische Kommunikation und AufklĂ€rung der USA ausschalten. Es gab zunĂ€chst keine offizielle BestĂ€tigung fĂŒr die Berichte.

Die "New York Times" schrieb zudem, die USA hĂ€tten den Kongress und VerbĂŒndete in Europa ĂŒber die PlĂ€ne Moskaus informiert. Denkbar ist allerdings, dass in Europa zunĂ€chst nur Großbritannien eingeweiht wurde. Mit diesem Land pflegen die Amerikaner eine besonders enge geheimdienstliche Kooperation.

Kreml wirft US-Regierung innenpolitische Ziele vor

Der Kreml warf der US-Regierung vor, mit dem gezielten Streuen der Information politische Ziele zu verfolgen. "Es ist offensichtlich, dass das Weiße Haus mit allen Tricks und Raffinessen versucht, den Kongress zur Abstimmung ĂŒber das Gesetz zur Bereitstellung von Geld (fĂŒr die Ukraine) zu bewegen", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Nachrichtenagentur Interfax zufolge.

Bei dem von Peskow angesprochenen Geld handelt es sich um Waffenhilfe fĂŒr die von Russland angegriffene Ukraine. Nach einem monatelangen Streit zwischen Demokraten und Republikanern hat der US-Senat vor wenigen Tagen die Freigabe der Mittel bewilligt. Allerdings muss noch das ReprĂ€sentantenhaus zustimmen - und ob es dazu kommt, ist fraglich. Im ReprĂ€sentantenhaus haben die Republikaner das Sagen. Und Abgeordnete vom rechten Rand der Partei stemmen sich vehement gegen weitere US-Hilfen fĂŒr die Ukraine.

Nato beschÀftigt sich seit Jahren mit Szenarien

Nato-GeneralsekretĂ€r Jens Stoltenberg wollte sich am Donnerstag zunĂ€chst nicht nĂ€her zu dem Thema Ă€ußern. Er bestĂ€tigte bei der Pressekonferenz nach dem Verteidigungsministertreffen lediglich, dass stĂ€ndig Geheimdienstinformationen ausgetauscht wĂŒrden. Man habe Auswirkungen neuer Erkenntnissen stets im Auge.

Um auf Angriffe gegen Satelliten besser reagieren zu können, hatte die Nato bereits 2021 beschlossen, dass Angriffe aus oder im Weltraum kĂŒnftig nach Artikel 5 zur kollektiven Verteidigung als BĂŒndnisfall behandelt werden können - also so, wie zuvor Angriffe am Boden oder im Luft-, See- oder Cyberraum.

BegrĂŒndet wurde der Schritt unter anderem damit, dass Angriffe auf Satelliten im Fall eines Krieges genutzt werden könnten, um Teile des öffentlichen Lebens lahmzulegen. So könnten etwa die Abwicklung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, Handynetze oder Navigationssysteme fĂŒr den Straßen-, See- und Luftverkehr schwer beeintrĂ€chtigt werden.

Weltraumvertrag verbietet Atomwaffen auf Erdumlaufbahn

Weil es der internationale Weltraumvertrag verbietet, Atomwaffen auf einer Erdumlaufbahn zu platzieren, wird aktuell davon ausgegangen, dass sich keine nuklearen Waffen im All befinden. Ganz klar ist dies aber nicht, da einige Raummissionen recht undurchsichtig sind. Allgemein gilt, dass der Weltraum auch militÀrisch genutzt werden kann - nicht aber, um mit Gewalt Konflikte auszutragen.

Als sicher gilt, dass eine explodierende Atombombe auf einer erdnahen Umlaufbahn enorme SchĂ€den anrichten wĂŒrde. SĂ€mtliche Elektronik, etwa Satelliten, die wir fĂŒr Kommunikation, Navigation oder Erdbeobachtung nutzen, wĂŒrden zerstört werden und so die KapazitĂ€ten der Nationen im Weltraum außer Kraft gesetzt. Resistent gegen einen solchen Angriff könnten lediglich gehĂ€rtete, also besonders gesicherte Satelliten sein, von denen es aber mutmaßlich nicht viele gibt.

Forschung auch in Europa

Zielgerichte Angriffe gegen einzelne Satelliten oder Konstellation scheinen mit Nuklearwaffen derzeit nicht möglich. Sollte eine Atombombe im All gezĂŒndet werden, wĂŒrde eine Raumfahrtnation damit auch ihre eigenen Satelliten in Mitleidenschaft ziehen. Gezielt werden Satelliten derzeit mit Cyberattacken oder Blendversuchen vom Boden aus angegriffen.

Forschung zu Atomwaffen im All gibt es nicht nur in Russland, sondern etwa auch in Europa und den USA. Denkbar ist, dass Russland als Abschreckung und gezielte Überschreitung von Abkommen eine Atomwaffe ins All setzen könnte, ohne sie tatsĂ€chlich zu zĂŒnden. Ebenso könnte es sich in der Debatte um ein MissverstĂ€ndnis handeln, und im Raum stehen atombetriebene Satelliten, wie Russland sie bereits in der Vergangenheit genutzt hat, oder eine nuklear betriebene Station, nicht aber Waffen.

Atomwaffentests im Weltall gab es lediglich zu Beginn der RaumfahrtĂ€ra Anfang der 1960er Jahre. Weitere TestzĂŒndungen sind durch den Kernwaffenteststopp-Vertrag untersagt.

Abgeordnete beruhigen

Mehrere Abgeordnete aus dem US-ReprĂ€sentantenhaus, die in Geheimdienstinformationen eingeweiht werden, bemĂŒhten sich nach den Medienberichten, der allgemeinen Aufregung entgegenzuwirken. Sie betonten - ohne nĂ€her auf Inhalte einzugehen, es handele sich zwar um eine ernste Angelegenheit, aber keineswegs um eine akute Krise. Auch der republikanische Vorsitzende des ReprĂ€sentantenhauses, Mike Johnson, versicherte: "Es besteht kein Grund zur öffentlichen Beunruhigung." Der kanadische Verteidigungsminister Bill Blair nannte die Berichte bei dem Nato-Treffen in BrĂŒssel hingegen besorgniserregend.

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