Deutschland, Gesundheit

Ist Deutschland Europameister bei Krankschreibungen?

03.07.2026 - 14:12:30 | dpa.de

Die politische Reformdebatte kreist um Fehlzeiten am Arbeitsplatz. Eine Studie zeigt: Das Bild, das Statistiken zeichnen, kann trĂŒgerisch sein – und ein Vergleich der LĂ€nder schwieriger als gedacht.

Oft krank zu Hause - ein deutsches PhĂ€nomen? - Bild: Bernd Weißbrod/dpa
Oft krank zu Hause - ein deutsches PhĂ€nomen? - Bild: Bernd Weißbrod/dpa

Lassen sich die BundesbĂŒrger im Vergleich zu anderen EuropĂ€ern am hĂ€ufigsten krankschreiben? Diese Frage hat das Institut fĂŒr Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) 2025 im Auftrag der Krankenkasse DAK untersucht. 

Lassen sich die Gesundheitsdaten von europÀischen Staaten bei Krankschreibungen vergleichen?

Bei Daten der Organisation fĂŒr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sieht das auf den ersten Blick so aus. Danach fĂŒhrte Deutschland nach IGES-Angaben im Jahr 2022 mit 24,9 registrierten Fehltagen an der Spitze, gefolgt von Tschechien (19,2 Tage), Norwegen (18,8 Tage) und Luxemburg (18,6 Fehltage). Am unteren Ende der Tabelle stehen Portugal (8,5 Tage), Großbritannien (5,7 Tage) und die TĂŒrkei (3,2 Tage). 

Diese Zahlen eignen sich laut IGES-Studie jedoch nicht fĂŒr einen Systemvergleich, da die OECD ihre Daten aus verschiedenen nationalen Quellen beziehe. Eine Krux dabei: Die registrierten Fehlzeiten werden von nationalen Regeln beeinflusst, wie ArbeitsunfĂ€higkeit genau gemessen wird. Neben Estland, Lettland und Polen ist Deutschland eines der wenigen europĂ€ischen LĂ€nder, das Fehltage durch ein gesetzlich verpflichtendes elektronisches Meldeverfahren (eAU) sehr genau erhebt. Nach dem Entgeltfortzahlungsgesetz muss ein Arbeitnehmer hierzulande spĂ€testens am 4. Krankheitstag ein Ă€rztliches Attest vorlegen. Die anderen Tage werden nicht erfasst. 

Eignen sich andere Erhebungen besser fĂŒr Vergleiche? 

Ja. Die EuropÀische ArbeitskrÀfteerhebung (European Labour Force Survey) befragt Haushalte auch nach Abwesenheitszeiten von der Arbeit. 2024 lag Deutschland mit 3,6 Wochen Abwesenheit im Jahr hier im oberen Mittelfeld. An der Spitze standen Norwegen (5,9 Wochen), Finnland (5 Wochen) und Spanien (4,9). Ganz unten rangierten Bulgarien (0,4), Griechenland (0,2) und RumÀnien (0,1). 

Diese Zahlen sind fĂŒr den Zeitraum ihrer Erhebung einheitlich, es gibt aber erneut eine Krux: In den Staaten gibt es unterschiedliche Regelungen zur Lohnfortzahlung - und damit auch verschiedene Wahrnehmungen von einem Krankentag. So gibt es laut IGES in Estland, Frankreich, Portugal, Spanien und Lettland Karenz-Regelungen von einem bis zu drei Tagen: In dieser Zeit besteht kein Anspruch auf Lohn oder Gehalt. 

Ist das deutsche System im Hinblick auf Krankheit sehr großzĂŒgig? 

Ja, weil es hohe Absicherungen und lange LeistungszeitrĂ€ume gibt. Damit ist Deutschland aber nicht ganz allein. In sieben europĂ€ischen LĂ€ndern erhalten BeschĂ€ftigte bei krankheitsbedingten Fehlzeiten vergleichsweise lange ihren Lohn oder ihr Gehalt vom Arbeitgeber weiter. Neben Deutschland (6 Wochen) sind das Luxemburg (77 Tage) und die Niederlande (104 Wochen bei 70 bis 100 Prozent Lohnfortzahlung). Viel kĂŒrzer ist dieser Zeitraum zum Beispiel in Bulgarien (drei Tage), Irland (maximal fĂŒnf Tage pro Jahr) oder RumĂ€nien (fĂŒnf Tage). 

Unterschiede zwischen den LĂ€ndern zeigen sich auch in der Bezugsdauer des Krankengeldes durch SozialversicherungstrĂ€ger. Vergleichsweise lange LeistungszeitrĂ€ume finden sich laut der IGES-Auswertung neben Deutschland in Portugal, Irland, Belgien und Finnland. Die prozentuale Höhe liegt europaweit zwischen 50 und 80 Prozent des durchschnittlichen Einkommens. In Deutschland sind es bei der gesetzlichen Krankenversicherung 70 Prozent des Bruttoentgelts fĂŒr bis zu 78 Wochen. 

Wo sehen Fachleute Deutschland bei all diesen Unterschieden beim Krankenstand? 

Das Institut fĂŒr Gesundheits- und Sozialforschung sieht Deutschland nach der Analyse all dieser Daten nicht an der Spitze bei Krankschreibungen. Die Fachleute ordnen die Bundesrepublik im europĂ€ischen Vergleich im oberen Mittelfeld ein. Noch ein Fazit: Fehlzeiten hĂ€tten im LĂ€ndervergleich wegen der großen Unterschiede der Systeme nur begrenzte Aussagekraft fĂŒr Reformdebatten.

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