Selenskyj sieht Ukraine in Russland weiter auf dem Vormarsch
20.08.2024 - 06:27:28"Stand heute kontrollieren unsere KrĂ€fte mehr als 1.250 Quadratkilometer Territorium des Feindes und 92 Ortschaften", sagte Selenskyj bei einem Auftritt vor ukrainischen Diplomaten und Beamten. Ein taktisches Ziel, die Gefahr fĂŒr die ukrainische Grenzregion Sumy zu verringern, sei damit erreicht. Zudem sei die Offensive der gröĂte Erfolg bezĂŒglich der Gefangennahme russischer Soldaten seit Kriegsbeginn, sagte Selenskyj.
Seinen Angaben nach sollen die Russen spÀter gegen kriegsgefangene Ukrainer ausgetauscht werden. Im bisherigen Kriegsverlauf hat Russland nach EinschÀtzung von Beobachtern mehr Ukrainer gefangen genommen als umgekehrt.
Selenskyj: Offensive hĂ€tte niemand fĂŒr möglich gehalten
Selenskyj bezeichnete die Offensive als groĂen Erfolg. Vor ein paar Monaten habe dies niemand fĂŒr möglich gehalten. Kritiker hĂ€tten allein Gedankenspiele dieser Art als Ăberschreiten der "rotesten aller roten Linien Russlands" abgelehnt, gab er zu bedenken. Darum seien die Vorbereitungen auch im Geheimen getroffen worden. Der jetzige Erfolg zeige aber deutlich Wladimir Putins UnfĂ€higkeit, sein Territorium zu schĂŒtzen vor solchen Gegenangriffen. Zudem habe der ukrainische VorstoĂ auch zu einem Umdenken bei den westlichen Partnern gefĂŒhrt, meinte Selenskyj, der von seinen Diplomaten weiter ein aktives Einwerben von Waffenhilfe forderte.
Selenskyjs Angaben zu dem VorstoĂ gehen ĂŒber die meisten bisherigen SchĂ€tzungen von MilitĂ€rbeobachtern hinaus. So hatte vor wenigen Tagen das unabhĂ€ngige Internetportal "Meduza" auf Grundlage von Foto- und Videomaterial im umkĂ€mpften Gebiet Kursk die GelĂ€ndegewinne auf 862 Quadratkilometer geschĂ€tzt. Allerdings rĂ€umen die meisten Experten selbst die Ungenauigkeit ihrer SchĂ€tzungen ein. Vor allem die ukrainischen StreitkrĂ€fte veröffentlichen sehr wenig, um ihren Vormarsch nicht zu gefĂ€hrden.
Nach EinschĂ€tzung des MilitĂ€ranalysten Jan Matwejew laufen die russischen Truppen sĂŒdlich des Flusses Sejm zudem Gefahr, eingekesselt zu werden. Die ukrainischen StreitkrĂ€fte haben nach eigenen Angaben zwei BrĂŒcken ĂŒber den Fluss zerstört oder zumindest schwer beschĂ€digt. Zudem gibt es bislang offiziell noch unbestĂ€tigte Berichte ĂŒber eine dritte zerstörte BrĂŒcke. Solche SchĂ€den wĂŒrden die Versorgung der russischen Truppenteile, aber zugleich auch einen eventuellen RĂŒckzug massiv erschweren, argumentierte Matwejew.
Putin schlieĂt Verhandlungen mit der Ukraine derzeit aus
WĂ€hrend Kiew sich durch die Gegenoffensive eine bessere Verhandlungsposition erhoffen könnte, schaltet Kremlchef Wladimir Putin auf stur. Er will nach Angaben aus Moskau nicht mehr verhandeln. "Der PrĂ€sident hat sehr deutlich gesagt, dass nachdem die Angriffe, genauer gesagt die Invasion im Gebiet Kursk begonnen hat, von Verhandlungen keine Rede sein kann", sagte Russlands AuĂenminister Sergej Lawrow am Rande von Putins Besuch in Aserbaidschan im russischen Staatsfernsehen. Putin werde zudem in KĂŒrze eine EinschĂ€tzung der Lage geben, kĂŒndigte Lawrow an.
Berichte ĂŒber Kontakte zwischen den Kriegsparteien, die von Mittlern wie Katar oder der TĂŒrkei hergestellt worden seien, seien nichts weiter als GerĂŒchte, erklĂ€rte Lawrow weiter.
Ukrainer im Osten unter Druck
WĂ€hrend die ukrainischen Truppen auf russischem Gebiet vorankommen, bleibt die Lage an der Front im Osten des eigenen Landes schwierig. Am Montag habe es auf ukrainischem Gebiet 154 Gefechte gegeben, meldete der Generalstab in Kiew in seinem abendlichen Lagebericht. Wichtigste Angriffsrichtung der Russen bleibt dabei der Raum Pokrowsk im Gebiet Donezk, wo mehr als ein Drittel der Angriffe stattfanden. Laut Generalstab wurden allein dort mehr als 300 russische Soldaten getötet oder verletzt. UnabhĂ€ngig lassen sich diese Angaben nicht ĂŒberprĂŒfen.
Vor allem die Angriffe aus der Luft machen den ukrainischen Soldaten weiterhin zu schaffen. Im Lagebericht ist von 71 russischen LuftschlĂ€gen und dem Abwurf von 86 gelenkten Gleitbomben die Rede. Daneben seien zahlreiche Kamikaze-Drohnen gegen ukrainische Stellungen, aber auch Siedlungen eingesetzt worden, heiĂt es.
Washington: Vorstoà in Kursk-Region Àndert nichts an Hilfe
Die ukrainische Gegenoffensive in der Region Kursk Ă€ndert nach Angaben des Pentagons nichts an der UnterstĂŒtzung der USA fĂŒr Kiew. US-PrĂ€sident Joe Biden habe "sehr deutlich gemacht, dass wir die Ukraine weiterhin und dauerhaft unterstĂŒtzen und ihr zur Seite stehen werden, solange es nötig ist", sagte eine Sprecherin des US-Verteidigungsministeriums. Das bedeute auch, dass sich die Art und Weise der Hilfe nicht geĂ€ndert habe. Man unterstĂŒtze Kiew weiter vorrangig mit der Lieferung militĂ€rischer AusrĂŒstung.
US-Verteidigungsminister Lloyd Austin habe seinem ukrainischen Kollegen Rustem Umerow in einem GesprĂ€ch am Montag die weitere UnterstĂŒtzung der USA zugesichert, sagte Sprecherin Sabrina Singh weiter. In dem Austausch habe Austin auch ein besseres VerstĂ€ndnis dafĂŒr bekommen, was die Ukraine mit der Gegenoffensive erreichen wolle. Die Sprecherin wollte sich auf Nachfrage nicht dazu Ă€uĂern, ob Washington Kiew zusĂ€tzliche Satelliteninformationen zur VerfĂŒgung stelle. Sie wolle nicht ĂŒber öffentlich ĂŒber einen Austausch von Geheimdienstinformationen mit den Ukrainern sprechen, sagte sie. "Aber wir haben diese Beziehung zu ihnen."
NĂ€chtliche Drohnenangriffe
Drohnenangriffe wurden auch in der Nacht wieder in zahlreichen ukrainischen Regionen weitab der Front gemeldet. Laut der Flugabwehr waren so die Gebiete Sumy, Poltawa, Cherson und Mykolajiw im Visier. Auch im Umland der Hauptstadt Kiew war die Flugabwehr im Einsatz. Die Gebietsverwaltung rief die Einwohner dazu auf, SchutzrÀume aufzusuchen. SchÀden sind bislang nicht bekannt.
Das wird am Dienstag wichtig
Chinas MinisterprÀsident Li Qiang kommt zu einem offiziellen Besuch nach Russland. Li Qiang ist vom 20. bis 22. August auf Einladung seines Kollegen Michail Mischustin in Moskau. Er soll auch von Putin empfangen werden. China gilt als wichtigster Partner Russlands. Moskau ist nach Beginn seines Angriffskriegs in AbhÀngigkeit von Peking geraten. China hat im Gegensatz zu Europa und den USA Russlands Krieg nicht verurteilt und ungeachtet der westlichen Sanktionen den Handel mit seinem Nachbarn ausgebaut.

