Ukraine wehrt sich an neuer Front bei Charkiw - Die Nacht im Ăberblick
17.05.2024 - 06:35:05Die schwersten Gefechte gebe es bei den Orten Lipzy und Wowtschansk, teilte der ukrainische Generalstab im Lagebericht fĂŒr Donnerstagabend mit. Die russische Offensive werde von Kampfflugzeugen durch den Abwurf von Gleitbomben unterstĂŒtzt. Zugleich heiĂ es: "Die Einheiten der VerteidigungskrĂ€fte halten die Linie und verhindern, dass die Angreifer in die Tiefen unseres Territoriums vordringen." UnabhĂ€ngige BestĂ€tigungen dafĂŒr gab es nicht.
PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj reiste am Donnerstag in die NĂ€he der neuen Front und beriet mit den MilitĂ€rs. Die Nacht auf Freitag begann fĂŒr die östlichen Gebiete der Ukraine mit Luftalarm. Der Luftwaffe zufolge waren mehrere SchwĂ€rme russischer Kampfdrohnen im Anflug. In der Millionenstadt Charkiw waren nach Medienberichten Explosionen zu hören. Die Ukraine wehrt seit Februar 2022 eine groĂangelegte russische Invasion ab, am Freitag wird der 814. Tag des Krieges gezĂ€hlt.
Ukraine spricht von hohen russischen Verlusten bei Charkiw
Der russische Angriff nahe Charkiw hatte vergangene Woche begonnen. Relativ schnell besetzten die russischen KrĂ€fte mehrere Dörfer an der Grenze. Ihr VorstoĂ wurde dadurch begĂŒnstigt, dass die Ukraine ihre westlichen Waffen nicht gegen den Truppenaufmarsch jenseits der Grenze einsetzen durfte. Auch waren die vorderen Verteidigungsstellungen nicht so ausgebaut, wie es eigentlich angeordnet war. Wie an anderen Frontabschnitten gehe die russische Armee auch bei Charkiw ohne RĂŒcksicht auf hohe eigene Verluste vor, teilte der Generalstab in Kiew mit.
Bei Wowtschansk etwa 40 Kilometer nordöstlich von Charkiw sei es gelungen, die Lage zu stabilisieren, sagte Selenskyj nach seinem Frontbesuch. "Unsere Gegenangriffe dauern an, ebenso wie in anderen Gebieten entlang der Grenze zu Charkiw", sagte er. Besonders heftige russische Angriffe verzeichnete das ukrainische MilitĂ€r weiter sĂŒdlich bei Pokrowsk.
Nato-Befehlshaber rechnet nicht mit russischem Durchbruch
Der Nato-Oberbefehlshaber in Europa, Christopher Cavoli, rechnet indes nicht mit einem strategischen Durchbruch der russischen Armee bei Charkiw. "Sie sind in der Lage, lokale VorstöĂe zu machen, und das haben sie auch getan. Sie haben aber auch einige lokale Verluste erlitten", sagte er nach einem Treffen des Nato-MilitĂ€rausschusses in BrĂŒssel. Die Russen hĂ€tten nicht genug StreitkrĂ€fte, um einen strategischen Durchbruch zu erreichen. "Ich stehe in sehr engem Kontakt mit unseren ukrainischen Kollegen, und ich bin zuversichtlich, dass sie die Linie halten werden."
Selenskyj klagt ĂŒber Putins "leere Worte" zu Frieden
"Russland versucht, den Krieg auszuweiten, und begleitet ihn stets mit leeren Worten ĂŒber den Frieden", sagte Selenskyj. Er reagierte damit auf Aussagen von PrĂ€sident Wladimir Putin bei dessen China-Besuch. Moskau und Peking nannten dort eine politische Einigung als geeigneten Ausweg aus dem Krieg, ohne dies nĂ€her zu erlĂ€utern. "Wir mĂŒssen Russland mit allen Mitteln zu einem echten, gerechten Frieden zwingen", sagte Selenskyj dagegen.
In einem Telefonat mit dem polnischen MinisterprĂ€sidenten Donald Tusk warnte Selenskyj vor der Gefahr fĂŒr Europa durch russische Luftangriffe auf die Gasinfrastruktur seines Landes. "Dagegen mĂŒssen wir gemeinsam vorgehen", sagte er. Die russische Luftwaffe hatte Ende MĂ€rz mit Marschflugkörpern und Raketen die oberirdischen Anlagen eines groĂen unterirdischen Gasspeichers in der Westukraine beschossen. Trotz des Krieges leitet die Ukraine bis Ende 2024 noch russisches Gas in die EU durch. Sie nutzt die Speicher selber und bietet sie den EU-NachbarlĂ€ndern an.
Monatelange Stromabschaltungen in der Ukraine nach Angriffen
Wegen der schweren SchĂ€den an Kraftwerken und Umspannwerken in der Ukraine rechnet die Regierung mit monatelangen Stromabschaltungen. Erst ab August oder September sei mit einer Verbesserung zu rechnen, sagte Jurij Bojko, Berater des MinisterprĂ€sidenten und Aufsichtsrat beim Versorger Ukrenergo (Ukrenerho), am Donnerstag in Kiew. Wie schon am Mittwoch gab es auch am Donnerstag regional gestaffelte Abschaltungen, um Strom zu sparen. Auch StraĂenzĂŒge in der Hauptstadt Kiew waren betroffen.
Im Angriffskrieg gegen die Ukraine hatte die russische Armee im MĂ€rz und April gezielt Kraftwerke, Umspannwerke und Stromleitungen aus der Luft beschossen. Die ProduktionskapazitĂ€t sank nach offiziellen Angaben um 44 Prozent. Die Stromproduktion aus Kohlekraftwerken ging fast vollstĂ€ndig verloren. Auch Wasserkraftwerke am Dnipro wurden beschĂ€digt. Die Aussichten auf rasche Reparaturen sind schlecht. Die Stromproduktion aus Kernkraft funktioniert weitgehend. Auch Energieimporte aus NachbarlĂ€ndern reichen nicht immer aus, die LĂŒcke zu schlieĂen.
Lage im AKW Saporischschja gespannt
Die Lage im russisch besetzten Atomkraftwerk Saporischschja in der SĂŒdukraine bleibt nach EinschĂ€tzung der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA weiter gespannt. Das sagte der Leiter der UN-Behörde, Rafael Grossi, in Wien. Die IAEA tauschte ein weiteres Mal ihr Team von Experten aus, die in der gröĂten Nuklearanlage Europas Wache halten. "Die potenziellen Gefahren fĂŒr die Anlage dauern an, und die Situation kann sich jeden Moment verĂ€ndern.", sagte Grossi.
Die Experten hĂ€tten in den vergangenen Tagen Artilleriefeuer weiter weg und Gewehrfeuer dichter am Werk gehört. Soweit sie das WerksgelĂ€nde betreten dĂŒrften, hĂ€tten sie bei KontrollgĂ€ngen keine schweren Waffen in dem AKW gesehen. Es gebe auch keine Hinweise, dass vom WerksgelĂ€nde Drohnen gestartet worden seien. Russland und die Ukraine werfen einander immer wieder vor, die Atomanlage zu beschieĂen.

