EuropÀer und Ukraine stellen Putin Waffenruhe-Ultimatum
11.05.2025 - 07:00:42Bundeskanzler Friedrich Merz, der französische PrÀsident Emmanuel Macron, der britische Premierminister Keir Starmer und der polnische Regierungschef Donald Tusk reisten nach Kiew, um Russland von dort aus ultimativ zu einem bedingungslosen Waffenstillstand aufzufordern.
Er soll am Montag beginnen, mindestens 30 Tage dauern und ernsthafte Friedensverhandlungen zum Ziel haben. Sollte Russland sich weigern, wollen die EuropÀer das Land mit Finanz- und Energiesanktionen belegen und die Waffenlieferungen an die Ukraine ausweiten.
Moskau wies den VorstoĂ in einer ersten Reaktion schroff zurĂŒck. Sie könnten sich ihre FriedensplĂ€ne "in den Hintern" schieben, schrieb der Vizechef des russischen nationalen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, auf Englisch auf der Plattform X.
Merz: gröĂte diplomatische Initiative seit langem
"Es muss klar sein: Wenn Russland sich diesem Waffenstillstand verweigert, ein Waffenstillstand, der die Grundlage fĂŒr sofort beginnende Verhandlungen sein kann, dann werden wir die Ukraine weiter verteidigen, und wir werden den Druck auf Russland weiter erhöhen", sagte Merz (CDU). Im ZDF ergĂ€nzte er: "Dies ist die gröĂte diplomatische Initiative, die es in den letzten Monaten, wenn nicht Jahren gegeben hat, um den Krieg in der Ukraine zu beenden."
Gemeinsam mit Macron und Starmer war Merz per Zug zum Gipfeltreffen mit dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj in dessen Hauptstadt gereist. Nach einer Videoschalte mit der "Koalition der Willigen" - einem BĂŒndnis zur UnterstĂŒtzung der Ukraine, dem die USA nicht angehören - telefonierten die Spitzenpolitiker mit US-PrĂ€sident Donald Trump.
"Wir wissen, dass uns die Vereinigten Staaten von Amerika unterstĂŒtzen", sagte Selenskyj. Sein Kanzleichef Andrij Jermak verbreitete ein Foto der Gruppe und schrieb von "historischen Momenten". Auch Merz verwies auf die Geschlossenheit der VerbĂŒndeten. Trump hatte zuletzt bereits seine Forderung nach einer Waffenruhe bekrĂ€ftigt und andernfalls mit neuen Sanktionen gegen Russland gedroht. Erstmals seit seinem Amtsantritt scheinen die USA und Europa bei den BemĂŒhungen um ein Ende des Krieges gemeinsam und abgestimmt zu handeln.
Merz sieht "eine kleine Chance"
Putin mĂŒsse wissen, dass er den Westen nicht auseinanderdividieren könne, sagte Merz, der mit Trump am vergangenen Donnerstag telefoniert hatte. Aus den USA, die FriedensgesprĂ€che mit Russland in den vergangenen Wochen an Europa und teilweise auch der Ukraine vorbei gefĂŒhrt hatten, kam zunĂ€chst keine Reaktion auf das Gipfeltreffen in Kiew.
Details zu möglichen neuen Sanktionen blieben am Samstag offen. Selenskyj sagte, die verschĂ€rften MaĂnahmen sollten den Energiesektor und das Bankensystem betreffen. Bislang hat Moskau fĂŒr eine lĂ€ngere Waffenruhe immer Bedingungen gestellt - insbesondere den Stopp der westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine.
"Dieser Krieg muss aufhören. Und ich glaube, es gibt jetzt eine kleine Chance. Aber es gibt diese Chance", sagte Merz in der ARD. Putin mĂŒsse verstehen, dass er den Ukraine-Krieg mit militĂ€rischen Mitteln nicht gewinnen könne, sagte der Kanzler auch dem Sender ntv. "Diesem Punkt nĂ€hern wir uns möglicherweise."
Merz zeigte sich offen fĂŒr ein TelefongesprĂ€ch mit Putin. "Das ist eine Option, selbstverstĂ€ndlich." Er wĂŒrde dies aber nur in Abstimmung mit den europĂ€ischen Partnern und den USA tun. "Dann werden alle davon wissen - vorher und nachher."
"Freie Welt wirklich geeint"
Merz' polnischer Amtskollege Tusk sagte: "Zum ersten Mal seit langer Zeit haben wir das GefĂŒhl, dass die gesamte freie Welt wirklich geeint ist". Die Idee einer Waffenruhe ab Montag und der sofortigen Aufnahme von FriedensgesprĂ€chen werde gemeinsam von Trump, der Ukraine und der gesamten Koalition der LĂ€nder getragen, die das Land in seinem Kampf um territoriale IntegritĂ€t, UnabhĂ€ngigkeit und Freiheit unterstĂŒtzten, sagte er.
Frankreichs PrĂ€sident Macron stellte zudem robuste Sicherheitsgarantien fĂŒr die Ukraine in Aussicht. "Ăber all das konnten wir soeben mit allen Staats- und Regierungschefs sprechen, die sich uns bei der "Koalition der Willigen" angeschlossen haben." GroĂbritanniens Premier Starmer betonte, es sei jetzt an Putin, zu zeigen, dass er es erst meine mit den FriedensbemĂŒhungen.
Russland nennt Bedingungen fĂŒr Waffenruhe
Vor dem Ultimatum aus Kiew hatte Kremlsprecher Dmitri Peskow betont, dass ein Ende der westlichen Waffenlieferungen eine Bedingung fĂŒr eine Waffenruhe sei. "Andernfalls wird es einen Vorteil fĂŒr die Ukraine geben", sagte Peskow im Interview des US-Senders ABC. Die Ukraine wĂŒrde eine Waffenruhe dazu nutzen, um ihre "totale Mobilmachung" fortzusetzen und neue Truppen an die Front zu bringen, um neues Personal auszubilden und den derzeitigen KĂ€mpfern eine Atempause zu verschaffen, sagte Peskow.
"Warum sollten wir der Ukraine solch einen Vorteil verschaffen?", fragte Peskow die US-Journalistin. Russland selbst komme gerade bei seiner Offensive in der Ukraine voran und habe die Initiative, betonte er.
Beide Kriegsparteien bezichtigen sich immer wieder gegenseitig, kein echtes Interesse an einem Ende der Kampfhandlungen zu haben. Aktuell gilt noch bis Mitternacht (23.00 Uhr MESZ) eine einseitig von Russland verhĂ€ngte, dreitĂ€gige Waffenruhe anlĂ€sslich der Feiern zum Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs. Russland und die Ukraine werfen sich gegenseitig VerstöĂe gegen die Feuerpause vor.
Sanktionen gegen Russland immer weiter verschÀrft
Russland werde sich nicht von Sanktionsdrohungen einschĂŒchtern lassen und habe sich ohnehin an die StrafmaĂnahmen gewöhnt, sagte Peskow dem Staatsfernsehen in Moskau. "Wir stellen uns sogar schon vor, was wir nach der VerhĂ€ngung dieser Sanktionen tun, wie wir ihre Folgen minimieren werden", sagte Peskow. "Uns mit Sanktionen Angst zu machen, lĂ€uft ins Leere."
Die EU und die USA haben Russland bereits mit zahlreichen Sanktionen belegt, um dem Land wirtschaftlich die Grundlage fĂŒr die Fortsetzung des Angriffskriegs gegen die Ukraine zu nehmen. Auch westliche Experten bescheinigen der russischen Wirtschaft aber eine so nicht erwartete Robustheit. Zwar sind die vielen wirtschaftlichen Probleme unĂŒbersehbar, weil es etwa am einfachen Zugang zu westlicher Technik fehlt. Die RohstoffgroĂmacht nimmt aber weiter Milliarden etwa aus dem Ăl- und Gasverkauf ein. Das Geld hĂ€lt wiederum die Kriegswirtschaft am Laufen.
Die Ukraine wehrt sich seit mehr als drei Jahren mit westlicher UnterstĂŒtzung gegen eine russische Invasion.

