Widerspenstiger Nachbar - Kanada legt sich mit Trump an
Veröffentlicht am: 26.08.2026 um 16:23 Uhr | dpa, AD HOC NEWS«Kiss my ass» - Doug Ford braucht derzeit nicht viele Worte, um seinem Ărger ĂŒber Donald Trump Luft zu machen. Der Regierungschef der wirtschaftsstĂ€rksten kanadischen Provinz Ontario nennt den US-PrĂ€sidenten einen «Diktator», einen «Verlierer» und den «König der Bankrotte». Ford ist mit seinem Trotz gegenĂŒber dem mĂ€chtigen Nachbarn nicht allein.
Seit dem Scheitern der HandelsgesprĂ€che Ende vergangener Woche ist der Streit eskaliert. Die Vereinigten Staaten verhĂ€ngten am Wochenende Zölle von 50 Prozent auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar â darunter etwa HockeyschlĂ€ger, Möbel, Honig und Wein. Kanada verhĂ€ngte daraufhin Gegenzölle von bis zu 50 Prozent auf Importe aus dem Nachbarland in etwa gleicher Höhe. Die GegenmaĂnahmen sollen insbesondere auf Produkte aus den Bereichen Stahl und Aluminium, HaushaltsgerĂ€te, landwirtschaftliche AusrĂŒstung, Zellstoff und Papier sowie Elektronik angewendet werden.
Eskalation nach zahlreichen Drohungen aus den USA
«Unsere bevorzugte Lösung war ein Abkommen, das beiden LĂ€ndern zugutekommt. Wir glauben nach wie vor, dass dies möglich ist. Aber in der Zwischenzeit warten wir nicht tatenlos auf einen Anruf», erklĂ€rte der kanadische Handelsminister Dominic LeBlanc.Â
Die Spannungen schwelen schon lange. Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit ĂŒberzieht Trump den Nachbarn immer wieder mit VorwĂŒrfen und Provokationen â vom Vorwurf, Kanada unternehme zu wenig gegen den Schmuggel von Fentanyl in die USA, bis zur wiederholten Drohung, das Land zum 51. US-Bundesstaat zu machen. Erst am Montag nannte US-VizeprĂ€sident JD Vance Kanada einen «State» statt ein Land und sprach anschlieĂend von einem «freudschen Versprecher».Â
Doch nun ist der Konflikt auf einem neuen Niveau angekommen: Der kanadische Premierminister Mark Carney warf den USA vor, kanadische SchlĂŒsselindustrien wie die Automobil-, Stahl- und Aluminiumindustrie «zerstören» wollen. Erst am Montag hatte Trump mit einer Erhöhung der Importabgaben fĂŒr Autos, groĂe und kleine Lastwagen, Autoteile und Stahl auf 50 Prozent ab dem 1. Januar 2027 gedroht.Â
85 Prozent aller aus Kanada exportierten Autos gingen 2024 in die Vereinigten Staaten. Trump begrĂŒndet seine Zölle unter anderem damit, dass Kanada die Vereinigten Staaten seit Jahren «ausbeute». Er behauptete, dass sein Land nicht auf den Handel mit dem Nachbarn angewiesen sei. Laut US-Zensus ist Kanada derzeit der zweitgröĂte Handelspartner der USA.
Millionen Jobs hÀngen an Beziehungen der NachbarlÀnder
Besonders eng sind die beiden LĂ€nder im Energiesektor miteinander verflochten. Kanada ist der mit Abstand wichtigste auslĂ€ndische Lieferant von Rohöl fĂŒr die USA. Auch Erdgas und Strom flieĂen ĂŒber die gemeinsame Grenze. In beiden LĂ€ndern hĂ€ngen Millionen von Jobs an dem Handel der beiden LĂ€nder.Â
Vor dem Hintergrund drohte Doug Ford aus Ontario mit EinschrÀnkungen bei der Stromversorgung der USA aus Kanada und dem Zugang zu kritischen Rohstoffen. Die Provinz liefert Strom in die US-Bundesstaaten New York, Michigan und Minnesota.
FĂŒr Premierminister Carney ist die Krise auch eine BewĂ€hrungsprobe: Der frĂŒhere Zentralbankchef wirbt immer wieder dafĂŒr, dass sich sogenannte MittelmĂ€chte gemeinsam dem wirtschaftlichen Druck von GroĂmĂ€chten entgegenstellen und angesichts neuer Machtwirklichkeiten neue Allianzen schmieden mĂŒssten. SouverĂ€nitĂ€t eines Landes sei zunehmend abhĂ€ngig von der FĂ€higkeit eines Landes, dem Druck standzuhalten, argumentiert er.
Ob Kanada mit seinem Dagegenhalten einen Domino-Effekt bewirken kann, ist nicht sicher. Experten sind sich uneinig darĂŒber, ob Gegenzölle der richtige Weg sind, sich den USA entgegenzustellen. Gemeinsam mit den Vergeltungszöllen verkĂŒndete die kanadische Regierung UnterstĂŒtzungsmaĂnahmen fĂŒr die betroffene Industrie in Höhe von 7,5 Milliarden kanadischen Dollar.Â
Die Zeichen stehen weiter auf Eskalation
In Kanada stellt man sich auf kein baldiges Ende des Konflikts mit Trumps Regierung ein. «Wissen Sie, sehr kluge Leute haben gesagt, dass man mit einem schlechten Menschen kein gutes GeschĂ€ft machen kann. Und ich denke, diese Regel gilt auch hier», sagte Web Kinew, Premierminister aus der kanadischen Provinz Manitoba. «Er hat noch zwei Jahre im Amt. Wir sollten darauf vorbereitet sein, uns zwei Jahre lang mit ihm auseinanderzusetzen, und dann kehrt hoffentlich die Vernunft nach Amerika zurĂŒck.»
Auf eine Deeskalation deutet auch nichts aus Washington hin. Es gebe zunĂ€chst keinen neuen Termin fĂŒr Verhandlungen, hieĂ es. Trump hatte am Dienstag die Umbenennung des Lake Ontario, durch den die Grenze zwischen den USA und Kanada verlĂ€uft, in «Lake America» ins Spiel gebracht. Er rechne nicht mehr damit, in Zukunft nennenswerte GeschĂ€fte mit Ontario zu tĂ€tigen, schrieb Trump auf seiner Plattform Truth Social.
