Wirecard-Prozess kreist um das Phantom Marsalek
19.07.2023 - 12:01:51Im MĂŒnchner Wirecard-Prozess wird ein Abwesender zur Hauptfigur: Der seit drei Jahren untergetauchte Vertriebsvorstand Jan Marsalek hat in einem von seinem Anwalt aufgesetzten Brief an das Landgericht MĂŒnchen I massive Anschuldigungen gegen den Kronzeugen der Anklage erhoben. Das geht aus AuszĂŒgen des Schreibens hervor, die die Verteidigung des ehemaligen Vorstandschefs Markus Braun am Mittwoch im Gerichtssaal vortrug.
Ăber seinen Anwalt wirft der in Russland vermutete Marsalek dem Kronzeugen Oliver Bellenhaus vor, sich der Staatsanwaltschaft als «anpassungsfĂ€higer Zeuge» angedient zu haben, um sich spĂ€ter «in Freiheit mit von ihm veruntreuten Firmengeldern in Millionenhöhe als gelĂ€uterter BĂŒĂer nach Dubai zurĂŒckziehen zu können». Diese Zitate verlas Rechtsanwalt Nico Werning, einer der Verteidiger Brauns.
Am Vormittag hatte es in dem bunkerartigen unterirdischen Gerichtssaal im MĂŒnchner GefĂ€ngnis Stadelheim zunĂ€chst Wortgefechte gegeben. «Wollen Sie den Brief in der Schublade verschwinden lassen», fragte Brauns verĂ€rgerter Verteidiger Alfred Dierlamm in Richtung Richterbank.
Wie den im Gerichtssaal verlesenen Zitaten weiter zu entnehmen war, widerspricht Marsalek nicht nur Aussagen des Kronzeugen, sondern auch der EinschĂ€tzung des Insolvenzverwalters, dass ein GroĂteil der Wirecard-GeschĂ€fte erfunden gewesen sei. Das wĂŒrde die Verteidigung Brauns stĂŒtzen. Dessen AnwĂ€lte beantragten die Verlesung des vollstĂ€ndigen Schreibens in der Hauptverhandlung. Die Kammer entschied zunĂ€chst nicht ĂŒber den Antrag, sondern beendete den Prozesstag.
Ein Schaden von mehr als drei Milliarden Euro
Laut Anklage bildeten der seit Sommer 2020 in Untersuchungshaft sitzende Vorstandschef und seine Komplizen eine kriminelle BetrĂŒgerbande. Sie sollen Banken und Investoren nicht vorhandene GeschĂ€fte vorgegaukelt haben, um mit Hilfe von Krediten in Milliardenhöhe ihr defizitĂ€res Unternehmen ĂŒber Wasser zu halten.
Die MĂŒnchner Staatsanwaltschaft beziffert den Schaden fĂŒr die Kreditgeber auf ĂŒber drei Milliarden Euro, das wĂ€re der gröĂte Betrugsschaden in Deutschland seit 1945. Die Anklage stĂŒtzt sich ganz wesentlich auf die Aussage des Kronzeugen Bellenhaus, ehedem Leiter der Wirecard-Tochtergesellschaft in Dubai.
Der Prozess lÀuft seit Anfang Dezember - Ende offen
Braun und seinen Verteidigern zufolge war das «Tatbild» ein ganz anderes: Demnach waren die Wirecard-GeschĂ€fte echt, Drahtzieher Marsalek und seine MittĂ€ter sollen jedoch den Konzern ausgenommen und an die zwei Milliarden Euro auf eigene Konten umgelenkt haben. Ein ebenso ahnungsloser wie unschuldiger Ex-Vorstandschef Braun wĂ€re demnach selbst getĂ€uscht worden und weder TĂ€ter noch Mitwisser gewesen. Brauns Verteidiger haben den Kronzeugen Bellenhaus mehrfach der LĂŒge beschuldigt.
Diese Argumentation steht im Widerspruch nicht nur zur Anklage, sondern auch zur EinschĂ€tzung des Insolvenzverwalters Michael JaffĂ©: Der hatte kĂŒrzlich in einem neuen Sachstandsbericht bekrĂ€ftigt, keine Spur der vermissten Milliarden gefunden zu haben. Sollte das Gericht am Ende Dierlamms Argumenten folgen, wĂŒrde das sowohl fĂŒr die MĂŒnchner Staatsanwaltschaft als auch den Insolvenzverwalter einen groĂen Rufschaden bedeuten.
Der Prozess lĂ€uft seit Anfang Dezember, der Mittwoch war der 53. Prozesstag. Bisher haben jedoch nur Zeugen ausgesagt, die von den Ermittlern nicht zur Wirecard-Bande gezĂ€hlt werden, und nach Auffassung Dierlamms dementsprechend auch kein Insiderwissen zum gröĂten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte haben.
Marsalek soll seine GeschĂ€fte sogar vor dem ĂŒbrigen Vorstand abgeschottet haben, wie die frĂŒhere ProduktvorstĂ€ndin Susanne Steidl als Zeugin erlĂ€uterte. «Ich habe keine Passwörter gehabt», sagte die 52 Jahre alte Managerin. Wie Braun und Marsalek stammt auch sie aus Ăsterreich.
Die SchlĂŒsselfigur Marsalek
Marsalek verantwortete als Vertriebsvorstand das GeschĂ€ft mit sogenannten Drittpartnerfirmen. Externe Zahlungsdienstleister wickelten im Wirecard-Auftrag - echte oder erfundene - Kreditkartenzahlungen ĂŒberwiegend in Asien ab. Im Sommer 2020 war der einstige Dax-Konzern zusammengebrochen, weil 1,9 Milliarden Euro angeblicher Erlöse aus diesem DrittpartnergeschĂ€ft nicht auffindbar waren. Marsalek floh ins Ausland und wird in Russland vermutet, Braun stellte sich der Justiz.
Marsaleks DrittpartnergeschĂ€ft war nach Steidls Worten auch fĂŒr sie als Mitglied der Konzernspitze unzugĂ€nglich, die Transaktionen auf externen Computersystemen abgespeichert: «Auf den Wirecard-Servern war das nicht», sagte sie. «Ich hatte keine Vorstellung, wo das war.»
Steidl hatte eigenen Worten zufolge keine Ahnung, dass es bei dem Konzern kriminell zuging: «In meiner Wahrnehmung war Wirecard erfolgreich.» Zweifel hatte sie jedoch sowohl an Braun als auch an Marsalek: Steidl war in den Monaten vor dem Zusammenbruch des Konzerns der Meinung, dass beide «weg mĂŒssten», bestĂ€tigte sie eine Frage des Richters.
UngeklÀrt blieb am Mittwoch auch ein weiteres von vielen Wirecard-RÀtseln: Welches Motiv Marsalek dazu getrieben haben könnte, sich per Anwaltsbrief bei Gericht zu melden.


