Wie die Bundesregierung die maritime Wirtschaft stÀrken will
29.04.2026 - 18:09:13 | dpa.deDie Bundesregierung möchte die maritime Sicherheit Deutschlands und die WettbewerbsfĂ€higkeit der maritimen Wirtschaft stĂ€rken - helfen soll dabei ein Aktionsplan mit 15 Punkten. «Wie schnell wir in beiden Bereichen zugleich vorankommen, entscheidet darĂŒber, wie gut, wie frei, wie wohlhabend wir in Deutschland im 21. Jahrhundert leben», sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zu Beginn der Nationalen Maritimen Konferenz im ostfriesischen Emden. Er ist Schirmherr des Spitzentreffens der maritimen Branche, das planmĂ€Ăig alle zwei Jahre ausgerichtet wird.
Was die Regierung plant
Die Bundesregierung möchte Tempo machen und hat dazu zu Konferenzbeginn einen Plan vorgelegt. Das Papier umfasst unter anderem folgende Ziele und Absichten:Â
- die maritime Sicherheit stĂ€rken und kritische Infrastrukturen wie Seekabel, Pipelines und HĂ€fen schĂŒtzen
- die SeehĂ€fen fĂŒr einen möglichen Konfliktfall ertĂŒchtigen
- klimafreundliche Antriebe und Kraftstoffe fĂŒr Schiffe entwickeln
- den Bau von Konverterplattformen fĂŒr Offshore-Windenergie fördern
- die Tonnagesteuer, eine besondere Art der Gewinnermittlung fĂŒr Handelsschiffe im internationalen Verkehr, auf Offshore-Schiffe ausweiten
- den Offshore-Windkraftausbau optimieren
- Behördenschiffe als sicherheitsrelevante SchlĂŒsseltechnologie beschaffen
Bei der zweitĂ€gigen Konferenz (NMK) berĂ€t die Bundesregierung mit rund 800 Vertretern von WirtschaftsverbĂ€nden, Unternehmen, Gewerkschaften und Behörden ĂŒber die strategische Ausrichtung ihrer maritimen Politik.
Koordinator erwartet mehr als 100.000 neue ArbeitsplÀtze
Bekannt ist bereits, dass die Bundesregierung die Branche unter anderem mit Investitionen in die maritime Forschung und einem GroĂbĂŒrgschaftsprogramm fĂŒr den Schiffbau unterstĂŒtzen möchte. «In Zukunft werden Millionen- oder sogar milliardenschwere Projekte in Deutschland durch den Bund abgesichert», sagte Christoph PloĂ (CDU), Koordinator der Bundesregierung fĂŒr maritime Wirtschaft. «FrĂŒher sind solche Projekte hĂ€ufig nach Asien gegangen, und damit sind aber auch ArbeitsplĂ€tze und die Wertschöpfungsketten nach Asien gegangen.»
Bis zu 400.000 Stellen hĂ€ngen laut Bundesregierung direkt oder indirekt von der maritimen Wirtschaft ab - und es dĂŒrften noch deutlich mehr werden. «Ăber 100.000 neue ArbeitsplĂ€tze erwarten wir dort in den nĂ€chsten Jahren», sagte PloĂ. «Das ist eine echte Zukunftsbranche.»
Die maritime Wirtschaft zĂ€hlt zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen der hierzulande. Rund 60 Prozent aller deutschen Im- und Exporte werden nach Angaben des Zentralverbandes der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) ĂŒber den Seeweg abgewickelt. Zur Branche gehören auch der Schiffbau, die Offshore-Industrie und die Fischerei.Â
Kommt eine Reform bei der HĂ€fenfinanzierung?
GesprĂ€chsbedarf zeichnet sich beim Geld ab. ZDS und die KĂŒstenlĂ€nder beklagen seit Jahren eine strukturelle Unterfinanzierung der SeehĂ€fen. Die Bundesregierung investiert jĂ€hrlich 38,3 Millionen Euro, was auch «Hafenlastenausgleich» genannt wird. Aus Sicht des Verbandes reicht das hinten und vorn nicht aus - er fordert 500 Millionen Euro im Jahr.
Doch der Kanzler macht wenig Hoffnung. Der Betrag lasse sich nicht so einfach erhöhen, sagte Merz mit Blick auf eine dafĂŒr notwendige Ănderung der Verfassung. Demnach sind nĂ€mlich die LĂ€nder - und nicht der Bund - fĂŒr die Finanzierung der HĂ€fen zustĂ€ndig. «Aber wir können als Bund unserer Verantwortung fĂŒr die HĂ€fen und fĂŒr die KĂŒstenlĂ€nder anderweitig nachkommen, und das tun wir auch.» Als ein Beispiel nannte Merz geplante Investitionen in Bremerhaven: Rund 1,35 Milliarden Euro steckt der Bund dort in den Ausbau der militĂ€rischen Hafeninfrastruktur.Â
Wie Sicherheit und Wirtschaft zusammenhÀngen
Der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) zeigte sich enttĂ€uscht. «Das erhoffte Aufbruchsignal beim zentralen Thema der Seehafenfinanzierung hat in der Rede des Bundeskanzlers leider gefehlt», sagte HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Florian Keisinger. Statt einer dringend notwendigen strukturellen Neuordnung sei faktisch «der Status quo zementiert» worden. «Angesichts der groĂen gesamtstaatlichen Herausforderungen â von WettbewerbsfĂ€higkeit ĂŒber Energieversorgung bis hin zur Sicherheits- und VerteidigungsfĂ€higkeit â ist das bedauerlich und eine verpasste Chance.»
Wie wichtig Sicherheit auch fĂŒr die maritime Wirtschaft ist, stellte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche heraus. «Sicherheit und Wirtschaft sind auf See nicht mehr zu trennen.» Die aktuelle geopolitische Lage zeige, dass freie Seewege und stabile Lieferketten keine SelbstverstĂ€ndlichkeit seien. Kritische Infrastruktur wie Seekabel und Offshore-Windparks mĂŒssten geschĂŒtzt werden.
Emden nach 26 Jahren wieder Konferenzort
Vor dem Konferenzort demonstrierten mehrere hundert Menschen. Nach Angaben der Polizei gab es insgesamt neun Kundgebungen im Umfeld des Tagungsortes, der Emder Nordseehalle. Gewerkschaftsvertreter nahmen den Besuch von Bundeskanzler Merz zum Anlass, gegen den von ihnen befĂŒrchteten sozialen Kahlschlag zu protestieren. Klima- und Umweltgruppen wandten sich gegen die umstrittenen Gasbohrungen vor Borkum.
FĂŒr Emden, der Stadt mit einem der gröĂten AutomobilumschlaghĂ€fen Europas, markiert die Konferenz auch ein beinahe rundes JubilĂ€um: Vor 26 Jahren hatte die Stadt die erste Nationale Maritime Konferenz ausgerichtet, damals unter Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und mit lediglich rund 300 GĂ€sten.
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