MilliardengeschÀft mit Schwarzmarkt-Kippen brummt
03.06.2026 - 05:00:18 | dpa.deDeutschlands Raucherinnen und Raucher kaufen immer hĂ€ufiger gefĂ€lschte oder geschmuggelte Zigaretten. Wie aus einer KPMG-Studie im Auftrag des Marlboro-Herstellers Philip Morris International (PMI) hervorgeht, wurden im vergangenen Jahr in Deutschland schĂ€tzungsweise 1,9 Milliarden illegale Zigaretten konsumiert und damit 0,2 Milliarden mehr als 2024 und 0,3 Milliarden mehr als 2023. Der Schwarzmarkt-Anteil am Zigarettenmarkt insgesamt stieg im vergangenen Jahr den Angaben zufolge von 2,2 auf 2,5 Prozent (2023: 2,1 Prozent).Â
FĂŒr die Studie wurden leere Zigarettenpackungen aus MĂŒlleimern geholt und in Entsorgungsanlagen eingesammelt, um sie auf ihre Steuerzeichen und Echtheit zu ĂŒberprĂŒfen. In Deutschland waren das rund 100.000 Packungen. Illegale Ware wird hĂ€ufig in Hinterhöfen angeboten oder erst auf Nachfrage aus einem Bereich hinter der Ladentheke hervorgeholt.
In EU-Nachbarstaaten wie den Niederlanden, Belgien und Frankreich ist der illegale Anteil deutlich höher. Teilweise kommen die dort verkauften gefÀlschten Kippen aus illegalen Fabriken in Deutschland. Der Zoll und die Polizei gehen immer mal wieder gegen solche Anlagen vor, den Sumpf trockenlegen können sie aber nicht. Die Studienautoren schÀtzen, dass in Europa im vergangenen Jahr 55,3 Milliarden gefÀlschte oder geschmuggelte Zigaretten verkauft wurden und damit 5,9 Prozent mehr als 2024.
Europaweit wurden im vergangenen Jahr mehr als 100 illegale Fabriken ausgehoben. Die Bundesrepublik gewinne fĂŒr kriminelle Strukturen an Bedeutung und werde vom Transitland fĂŒr Schmuggelware zunehmend zum Produktionsland gefĂ€lschter Ware, sagt Philip-Morris-Experte Tammo Körner. Das bestĂ€tigt auch Thomas Liebel von der Deutschen Zoll- und Finanzgewerkschaft BDZ: Der illegale Tabakmarkt werde professioneller, arbeitsteiliger und fĂŒr den Staat schwieriger kontrollierbar.
In Frankreich grassiert der SchwarzmarktÂ
Frankreich ist die Hochburg des europĂ€ischen Kippen-Schwarzmarktes, dort betrĂ€gt der Anteil illegaler Zigaretten am Gesamtverkauf der Studie zufolge 41,4 Prozent, das waren 20,5 Milliarden StĂŒck und damit 1,8 Milliarden mehr als 2024. Die Preise sind in Frankreich so hoch, dass Kriminelle am Schwarzmarkt besonders profitable GeschĂ€fte machen.Â
Tabakzigaretten sind in Frankreich etwa zwei Drittel teurer als in Deutschland. Laut dem Deutschen Zigarettenverband betrug der Durchschnittspreis fĂŒr eine 20-StĂŒck-Packung hierzulande im Jahr 2024 7,33 Euro, wĂ€hrend es in Frankreich damals 12,07 Euro waren. Seither sind die Preise gestiegen, Markenzigaretten sind ohnehin teurer.Â
Auch Belgien ist von der KriminalitÀt hart getroffen, dort wurden der Erhebung zufolge binnen eines Jahres 2,1 Milliarden illegaler Kippen verkauft. Das waren mehr als in Deutschland, wo siebenmal so viele Menschen leben wie in Belgien. In dem EU-Staat schÀtzen die Studienautoren die schwarzmarktbedingt entgangenen Steuereinnahmen auf knapp eine Milliarde Euro. In Deutschland fÀllt dieser finanzielle Schaden mit knapp 0,5 Milliarden Euro zwar geringer aus, in Zeiten knapper Staatskassen wirkt aber auch das wie ein herber Verlust.
«Je höher die Besteuerung ausfĂ€llt, desto gröĂer sind die Gewinne fĂŒr die organisierte KriminalitĂ€t und desto höher sind die SteuerausfĂ€lle», sagt Jan MĂŒcke vom Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse (BVTE). Er warnt daher vor steuerbedingten «Preisschocks» in Deutschland. UnlĂ€ngst hatte die Bundesregierung erwogen, die Tabaksteuer deutlich anzuheben und Zigaretten in Deutschland dadurch wesentlich zu verteuern. «Das wĂ€re ein Konjunkturprogramm fĂŒr den Schwarzmarkt und ein Bremsklotz fĂŒr den ehrlichen HĂ€ndler», warnt MĂŒcke.
Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) sieht es anders. «Tabaksteuererhöhungen sind die wirksamste MaĂnahme, um Jugendliche vom Rauchen abzuhalten und rauchende Menschen zum Rauchstopp zu motivieren», sagt die Krebsforscherin. «Durch reduzierte Folgeerkrankungen spart das nicht nur viel Leid, sondern auch der Gesellschaft hohe Kosten.»Â
Kriminelle entdecken Nikotinbeutel als ZusatzgeschÀft
Erstmals haben die Studienautoren auch die Situation bei Nikotinbeuteln unter die Lupe genommen. Das sind tabakfreie Beutelchen, die man sich zwischen Backe und ZĂ€hne klemmt und dann Aromen schmeckt sowie Nikotin absorbiert. In einigen EU-Staaten ist ihr Verkauf erlaubt, in Deutschland nicht - dieses Verkaufsverbot ist ein Ărgernis fĂŒr die Hersteller, die Nikotinbeutel als weniger schĂ€dliche Alternative zu Tabakzigaretten bewerben.
FĂŒr die Studie gingen TestkĂ€ufer in GeschĂ€fte. In jedem sechsten GeschĂ€ft wurden sie fĂŒndig, obwohl diese Produkte dort gar nicht hĂ€tten sein dĂŒrfen. Dieser Nischenmarkt ist inzwischen so groĂ geworden, dass die organisierte KriminalitĂ€t nach Erkenntnissen der Studienautoren eingestiegen ist: Ein Drittel der TestkĂ€ufe waren gefĂ€lschte Produkte. Bei den oralen Nikotinprodukten inkludiert ist Snus, also Beutelchen mit Tabak. Sie spielen nur eine Nebenrolle.
Philip Morris und andere Anbieter fordern die Legalisierung von Nikotinbeuteln, um auch hierzulande eintrĂ€gliche GeschĂ€fte zu machen und den Schwarzmarkt zurĂŒckzudrĂ€ngen. «Die organisierte KriminalitĂ€t nutzt die bestehende Nachfrage und den unsicheren Rechtsrahmen, wodurch Verbraucher hĂ€ufig auf Produkte aus dem Schwarzmarkt zurĂŒckgreifen», sagt Philip-Morris-Experte Körner. «Diese unterliegen keinen QualitĂ€tsstandards, untergraben jeden Verbraucher- und Jugendschutz und verhindern Steuereinnahmen fĂŒr den Staat.»
Krebsforscherin Schaller sieht die Produkte kritisch. «Nikotin macht abhÀngig und birgt gesundheitliche Risiken.» Die Verpackungen dieser Produkte sÀhen harmlos aus wie bunte Bonbonpackungen, seien dies aber nicht. Sie kÀmen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gut an, was ein weiterer Grund zur Besorgnis sei. Bei Jugendlichen könne Nikotin die Hirnreifung beeintrÀchtigen, dies möglicherweise mit langfristigen Folgen, warnt Schaller und gibt zu bedenken, dass diese Produkte bislang nicht ausreichend erforscht seien.
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