EU-Behörde zu Glyphosat: Keine inakzeptablen Gefahren
06.07.2023 - 19:56:11In der Debatte um eine ZulassungsverlĂ€ngerung des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat sieht die EuropĂ€ische Behörde fĂŒr Lebensmittelsicherheit (Efsa) keine inakzeptablen Gefahren, aber DatenlĂŒcken in mehreren Bereichen. Wie aus einer am Donnerstag veröffentlichten EinschĂ€tzung der Behörde mit Sitz im italienischen Parma hervorgeht, sind die Risiken nicht so groĂ, dass eine weitere Zulassung untersagt werden muss, aber es bleiben offene Fragen.
Zu den Aspekten, die nicht abschlieĂend geklĂ€rt wurden, gehören etwa ernĂ€hrungsbedingte Risiken fĂŒr Verbraucher und die Bewertung der Risiken fĂŒr Wasserpflanzen, wie die Efsa mitteilte. Auch mit Blick auf den Artenschutz lieĂen die verfĂŒgbaren Informationen keine eindeutigen Schlussfolgerungen zu. Die Behörde veröffentlichte zunĂ€chst nur eine Mitteilung, die gesamte Analyse folgt den Angaben zufolge voraussichtlich Ende des Monats.
AuĂerdem seien bei der Risikobewertung keine sogenannten kritischen Problembereiche fĂŒr Mensch und Tier oder die Umwelt ermittelt worden. Ein Problem werde als «kritisch» definiert, wenn alle vorgeschlagenen Verwendungen von Glyphosat «betroffen» seien und dabei etwa schĂ€dliche Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen oder Tieren haben könnte.
Vor der Aussaat oder nach der Ernte
Zu den vorgeschlagenen Verwendungen zĂ€hlen den Angaben zufolge etwa, dass der Wirkstoff vor der Aussaat oder nach der Ernte ausgebracht wird. Insgesamt wurden 23 vorgeschlagene Verwendungen untersucht. Mit Blick auf die UmweltschĂ€dlichkeit von Glyphosat wurde zwar bei 12 der 23 vorgeschlagenen Verwendungen «ein hohes langfristiges Risiko fĂŒr SĂ€ugetiere ermittelt», teilte die Efsa mit. Damit dies als kritisches Problem betrachtet wird, das einer Zulassung im Weg steht, mĂŒssten nach Angaben der Behörde aber bei allen 23 vorgeschlagenen Verwendungen etwa schĂ€dliche Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen oder Tieren ermittelt werden. Warum die Behörde diese Definition benutzt, ging aus der Mitteilung nicht hervor.
Laut Guilhem de Seze, Leiter der zustĂ€ndigen Abteilung, ist die Risikobewertung das Ergebnis der Arbeit von Dutzenden Wissenschaftlern der Efsa und der EU-Mitgliedstaaten in einem dreijĂ€hrigen Verfahren. Dennoch gibt es harsche Kritik: Das Umweltinstitut MĂŒnchen wirft der Efsa vor, sich einseitig auf von der Industrie finanzierten Studien zu stĂŒtzen, die Glyphosat Harmlosigkeit bescheinigten. Die Schlussfolgerungen bezeichnete das Umweltinstitut als «fragwĂŒrdig». Dass die Efsa keine kritischen Problembereiche festgestellt habe, sei nicht nachvollziehbar.
Bayer begrĂŒĂt Ergebnisse
Glyphosat-Hersteller Bayer hingegen begrĂŒĂte die Ergebnisse der Efsa. «Diese abschlieĂende wissenschaftliche Schlussfolgerung legt den Grundstein fĂŒr die erfolgreiche Wiederzulassung von Glyphosat in der EU», hieĂ es. Sie stehe im Einklang mit den Bewertungen fĂŒhrender Gesundheitsbehörden.
Glyphosat ist noch bis zum 15. Dezember EU-weit zugelassen. Unter BerĂŒcksichtigung der Efsa-Ergebnisse wird die EU-Kommission einen Vorschlag zur weiteren Genehmigung entwickeln. Ăber eine Wiederzulassung entscheiden werden dann die Agrarministerinnen und Agrarminister der EU-Staaten.
Die Internationale Agentur fĂŒr Krebsforschung (IARC) war im Gegensatz zur EuropĂ€ischen Chemikalienagentur zu einer EinschĂ€tzung gekommen, die Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend einstuft. Darauf berufen sich auch Kritiker des Unkrautvernichters. «Die neue EinschĂ€tzung der EuropĂ€ischen Behörde fĂŒr Lebensmittelsicherheit zu Glyphosat widerspricht der Bewertung durch die Weltgesundheitsorganisation und zahlreichen wissenschaftlichen Studien», sagte der BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrer der Deutschen Umwelthilfe, JĂŒrgen Resch.
Glyphosat-Hersteller Bayer weist den Verdacht zurĂŒck, dass der Unkrautvernichter krebserregend sei und bezieht sich auf verschiedene Studien - unter anderem auf eine Stellungnahme der US-Umweltbehörde EPA. Des Weiteren war eine Bewertungsgruppe in Sachen Glyphosat innerhalb der EU - bestehend aus Frankreich, den Niederlanden, Schweden und Ungarn - zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Einstufung des Mittels als krebserregend nicht gerechtfertigt sei.
Die Bundesregierung will Glyphosat ab dem kommenden Jahr trotzdem verbieten. «Wir nehmen Glyphosat bis Ende 2023 vom Markt», heiĂt es im Koalitionsvertrag von SPD, GrĂŒnen und FDP. Die Zulassung des Unkrautvernichters zu verlĂ€ngern, sei nicht gerechtfertigt, weil die Auswirkungen auf die Artenvielfalt nicht berĂŒcksichtigt wĂŒrden, teilte das Bundesagrarministerium mit. Glyphosat «schĂ€digt unzweifelhaft die BiodiversitĂ€t als Teil unserer natĂŒrlichen Ressourcen, die die wesentliche Grundlage einer nachhaltigen und krisenfesten Landwirtschaft sind.» Ende 2022 hatte die EU-Kommission die Zulassung von Glyphosat um ein weiteres Jahr verlĂ€ngert.


