EMFIS Market Recap Lateinamerika
Veröffentlicht: 04.11.2006 um 14:41 Uhr, Redaktion AD HOC NEWS, Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller (Chefredaktion)
Die lateinamerikanischen Aktienmärkte blieben von den schwachen Wirtschaftsdaten aus den USA in der vergangenen Woche ziemlich unberührt. Dies war einmal mehr der Entwicklung auf den Rohstoffmärkten zu verdanken. Insbesondere bei den Rohölnotierungen fand in der zweiten Wochenhälfte eine Erholung statt.
Daneben werden gerade vom internationalen Publikum zunehmend die Binnensektoren entdeckt. Auch die anhaltende Stärke der dortigen Währungen – insbesondere beim brasilianischen Real – veranlasst immer mehr Investoren dazu, einen Teil ihrer Gelder in die dort notierten Titel zu stecken. In den vergangenen Monaten ist es den Zentralbanken Brasiliens und Argentiniens nur mit Mühe gelungen, durch massive Verkäufe den Außenwert der eigenen Währung halbwegs konstant zu halten.
Insgesamt wird für die lateinamerikanischen Volkswirtschaften weiter von soliden und stetigen Wachstumsraten ausgegangen. Zuletzt hatte sich der Internationale Währungsfonds in seiner jüngsten Prognose zwar etwas skeptischer zu den kurzfristigen Aussichten Brasiliens geäußert und die Wachstumsprognose für 2006 von 3,6 auf (immerhin noch) 3,2 Prozent nach unten gesetzt. Für das kommende Jahr geht man aber davon aus, dass sich das Bruttoinlandsprodukt wieder auf 4 Prozent verbessern werde. Gleichzeitig setzte der IWF seine Wachstumsprognose für Mexiko im Jahr 2006 von 4,0 auf 4,4 Prozent nach oben. Allerdings solle sich hier 2007 der niedrigere Bedarf aus den USA bemerkbar machen und die Zuwachsrate auf 3,3 Prozent schrumpfen lassen.
Mitte der Woche wurde gemeldet, dass das Wirtschaftswachstum in den USA im dritten Quartal nur noch bei 1,6 Prozent gelegen hat. Neben den obigen Wachstumsraten von Brasilien und Mexiko nimmt sich dies in der Tat relativ gering aus. Freilich sind die Vereinigten Staaten nach wie vor einer der wichtigsten Abnehmermärkte für lateinamerikanische Produkte. Zum einen setzen die Anleger und Analysten aber – wie oben erwähnt – immer stärker auch auf die dortige Binnenmarktentwicklung. Zum anderen gehen viele Marktteilnehmer offenbar davon aus, dass die Sorgen über die Konjunkturentwicklung beim US-amerikanischen Nachbarn zum Teil übertrieben sein könnten. Immerhin kommen von dort ja auch immer wieder Signale, die Anlass zur Hoffnung auf eine weiche Landung geben könnten. Dies galt beispielsweise für die Arbeitsmarktdaten vom Freitag, die gerade in Lateinamerika mit üppigen Kursgewinnen gefeiert wurden. Zugleich rechnen die Investoren zunehmend damit, dass die Wachstumsabschwächung in den USA dort bald zu einer Zinswende führen könnte. Dies könnte dort zum einen die Wirtschaftsentwicklung wieder neu beleben und würde zum anderen lateinamerikanische Aktien als Anlageklasse für das „große Geld“ aus Nordamerika attraktiver erscheinen lassen.
In Brasilien legte der Bovespa in der vergangenen Woche um 2,8 Prozent auf 40.435 Zähler zu. Dabei war gemeldet worden, dass die Preisentwicklung im Monat Oktober wieder einen Tick angewachsen ist. Allerdings war dies größtenteils auf Preissteigerungen bei einigen Lebensmitteln wie Hühnerfleisch, Soja und Gemüse zurückzuführen. Auf Sicht eines Jahres liegt Brasiliens Inflationsrate nach wie vor bei rund 3,4 Prozent und damit auf dem niedrigsten Niveau seit 1993. Auf wenig Interesse ist am Markt die Meldung gestoßen, dass sich der Handelsbilanzüberschuss des Landes im Oktober auf 3,92 Milliarden Dollar verringert hat. Dies war insbesondere auf einen deutlichen Anstieg bei den Importen (plus 7,7 Prozent auf Monatssicht) zurückzuführen, was letztlich vor allem für die zunehmende Kaufkraft der brasilianischen Konsumenten zu sprechen schien.
Ein Teil der neuerlichen Kursgewinne war wohl auch dem Wahlsieg des bisherigen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva zu verdanken. Dieser hat in der vergangenen Woche bei zahlreichen Gelegenheiten ausgeführt, seine als vergleichsweise konservativ geltende Fiskalpolitik im weitesten Sinne fortsetzen zu wollen.
Unter den Einzelwerten waren unter anderem die Titel des Mobilfunkanbieters Vivo gefragt, dessen Quartalszahlen von einer langersehnten Erholung zeugten und den Markt positiv überrascht hatten. Brasil Telecom legten ebenfalls zu, nachdem sich der Konzern im dritten Quartal zurück in die Gewinnzone arbeiten konnte. Cia Vale do Rio Doce verbesserten sich im Zuge der Übernahme des kanadischen Nickelminenbetreibers Inco ebenfalls. Verschiedene Analysten hatten zuletzt erklärt, dass der Kaufpreis von 17,2 Milliarden Dollar den Konzern wohl nicht übermäßig belasten werde.
Der mexikanische IPC Index zog um weitere 1,8 Prozent auf 23.169 Punkte an. Laut einer vorläufigen Regierungsschätzung ist das Bruttoinlandsprodukt Mexikos im dritten Quartal um 4,3 Prozent gestiegen. Gleichzeitig hatte sich der Handelsbilanzüberschuss in den ersten neun Monaten gegenüber dem Vorjahr um satte 32,4 Prozent nach oben entwickelt. Die Freude über den heimischen Wirtschaftsboom wurde aber zeitweise durch den skeptischen Blick in die USA gedämpft, die 85 Prozent der mexikanischen Exporte abnehmen.
Zugleich lasteten auch die Unruhen im Bundesstaat Oaxaca auf den Gemütern. Hier ist die Situation in den letzten Wochen spürbar eskaliert. Bei den Protesten gegen den regierenden Gouverneur Ulises Ruiz sind bereits ein knappes Dutzend Menschen zu Tode gekommen. Händler rechnen allerdings für den mexikanischen Markt mit einem gewissen zusätzlichen Schub, sofern sich diese Problematik in den kommenden Wochen lösen lassen sollte.
Sehr gebannt verfolgt man in Mexico City den Versuch des mexikanischen Zementriesen Cemex, die australische Rinker Group zu übernehmen. Inzwischen wird am Markt allerdings davon ausgegangen, dass Cemex die Offerte von 12,8 Milliarden US-Dollar wohl noch einmal anheben müsse. Dies brachte die Titel in der zweiten Wochenhälfte moderat unter Druck.
In Argentinien sah man für die dort notierten Titel offenbar weiteren Nachholbedarf. Der Markt ist im bisherigen Jahresverlauf hinter den Pendants in Brasilien und Mexiko zurückgeblieben, konnte aber insbesondere in den vergangenen Wochen spürbar aufholen. Der Leitindex Merval gewann 3,2 Prozent auf 1841 Punkte hinzu und hat sich dadurch in den vergangenen drei Wochen um über 10 Prozent verbessern können. Dabei waren wieder einmal die Titel der Banken überdurchschnittlich gefragt. Auch die Papiere des Marktschwergewichts Tenaris konnten in der vergangenen Woche merklich hinzugewinnen. Der Konzern ist der weltgrößte Lieferant von Rohren für Pipelines. Hier schien sich unter den Marktteilnehmern allmählich die Erkenntnis durchzusetzen, dass die Investitionsausgaben der Ölindustrie unabhängig von der Ölpreisentwicklung auf hohem Niveau bleiben dürften.
Gerhard Heinrich
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