Energiewende-Barometer, Firmen

Energiewende-Barometer: 37,5 Prozent der hessischen Firmen erwägen Auslandsverlagerung

Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 00:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Hohe Kosten und Planungsunsicherheit gehen mit gestrichenen Klimazielen und erwogenen Produktionsverlagerungen hessischer Betriebe einher.
Weitläufige Industrielandschaft mit Fabrikgebäuden und Schornsteinen vor einem bewölkten Himmel. Illustration mit AI erstellt.

In der hessischen Wirtschaft wachsen die Bedenken gegenüber den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Transformation: Unternehmen stufen die Energiewende laut Medienberichten vom 23. Oktober 2026 zunehmend als Belastung für ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit ein. Als wesentliche Treiber der Skepsis gelten anhaltend hohe Energiepreise, bürokratische Auflagen und eine zunehmende Planungsunsicherheit.

Hohe Kosten belasten die Betriebe

Die Stimmungslage spiegelt sich deutlich im aktuellen Energiewende-Barometer wider, das die Handwerkskammer HIHK vorstellte. Auf einer Skala von minus 100 bis plus 100 Punkten liegt der Gesamtwert bei minus 9,6, während die Industrie allein einen Wert von minus 25 Punkten verzeichnet.

Demnach melden 54,6 Prozent der hessischen Unternehmen gestiegene Strompreise. Bei den Ausgaben für das Heizen mit Gas oder Öl verzeichnen 67,7 Prozent einen Zuwachs, und 87,1 Prozent sehen sich mit gestiegenen Kraftstoffkosten konfrontiert.

Die Auswirkungen auf die Marktposition werden immer kritischer beurteilt: 35,9 Prozent der hessischen Betriebe sehen negative oder sehr negative Folgen für ihre Wettbewerbsfähigkeit, verglichen mit 24,9 Prozent im Vorjahr. In den Sektoren Industrie und Bau liegt der Anteil der negativ gestimmten Unternehmen bei jeweils 47,4 Prozent.

Rückzug von Klimazielen und Verlagerungspläne

Die veränderten Vorzeichen wirken sich spürbar auf die strategischen Vorhaben aus. 51,2 Prozent der hessischen Betriebe haben mittlerweile kein festes Klimaziel mehr beziehungsweise konkrete Jahreszahlen aus ihren Plänen gestrichen. Im Vorjahr lag dieser Anteil noch bei 11 Prozent, im Jahr 2024 bei 9,6 Prozent.

An der Wegmarke für eine Klimaneutralität bis 2045 halten aktuell nur noch 6,5 Prozent der Betriebe fest, nachdem es im Vorjahr noch 49,7 Prozent waren. Das Zieljahr 2040 streben 14,2 Prozent an (Vorjahr: 13,9 Prozent), während 18,4 Prozent eine Erreichung bis 2030 anvisieren und 5 Prozent angeben, bereits jetzt klimaneutral zu wirtschaften.

Gleichzeitig nehmen Abwanderungs- und Schrumpfungsprozesse konkretere Formen an. Über alle hessischen Betriebe hinweg haben 3,6 Prozent eine Einschränkung oder Verlagerung der Produktion bereits umgesetzt, 7,1 Prozent befinden sich im laufenden Prozess und 6,6 Prozent planen entsprechende Schritte. Mehr als ein Drittel der Firmen – konkret 37,5 Prozent – zieht eine Produktionsverlagerung ins Ausland in Betracht.

Anzeige

Wer sich mit dem Thema IT-Sicherheit in kleinen und mittleren Unternehmen befasst, sollte proaktive Schutzmaßnahmen nicht vernachlässigen. Dieses kostenlose E-Book enthüllt, wie Unternehmer Sicherheitslücken schließen und gleichzeitig neue gesetzliche Anforderungen erfüllen. IT-Sicherheit stärken ohne teure Investitionen

Besonders ausgeprägt ist dieser Trend im produzierenden Gewerbe. Fast 38 Prozent der hessischen Industriebetriebe haben eine Verlagerung oder Drosselung umgesetzt, eingeleitet oder geplant; im Vorjahr waren es knapp 29 Prozent und im Jahr 2023 noch 43 Prozent.

Während die bereits abgeschlossenen Maßnahmen von 13 Prozent auf 4 Prozent sanken, stiegen laufende Schritte von 9 Prozent im Jahr 2025 auf 18 Prozent. Bei den geplanten Maßnahmen gab es einen Zuwachs von fast 7 Prozent auf über 15 Prozent. In der Industrie planen 15,3 Prozent Einschränkungen, 18,1 Prozent setzen sie aktuell um und 4,2 Prozent haben sie abgeschlossen.

Bei Großbetrieben mit mehr als 500 Beschäftigten ist sogar mehr als die Hälfte betroffen: 52,6 Prozent denken über eine Verlagerung ins Ausland nach, nach 42,9 Prozent im Jahr 2025. HIHK-Vizepräsident Heusler warnte angesichts dieser Entwicklung vor einer schleichenden Deindustrialisierung und stellte fest, dass bei den Betrieben Ernüchterung eingezogen sei.

Rufe nach Entlastung und politischer Flankierung

Die Entwicklung beschäftigt auch die Politik. Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori erörterte die Lage im Rahmen einer Betriebsrätekonferenz mit Vertretern hessischer Industrieunternehmen und Gewerkschaften, darunter Betriebsräte von VW Kassel, Opel-Stellantis Rüsselsheim, Siemens sowie die IG Metall Mitte. Im Mittelpunkt standen hohe Energiekosten, lange Genehmigungsverfahren und der Fachkräftemangel.

Anzeige

Neben wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stellen neue technologische Entwicklungen wie die KI Unternehmen vor zusätzliche Herausforderungen. Dieser kostenlose Report klärt auf, welche rechtlichen Pflichten und Bedrohungen Unternehmer jetzt kennen müssen. Gratis-Report zu neuen KI-Gesetzen und Cyberrisiken

Mansoori begrüßte eine deutsch-französische Einigung, staatliche Kaufanreize stärker an europäische Wertschöpfung zu binden, und befürwortete eine Bundesratsinitiative für einen europäischen Herkunftsnachweis bei der Förderung von Elektroautos bereits in der laufenden Förderperiode statt ab 2028. Hessen selbst hatte im April ein Industriepaket beschlossen.

Parallel forderte Hessens Ministerpräsident Boris Rhein eine Senkung der Stromsteuer für Unternehmen und Privathaushalte auf das europäische Mindestmaß. Rhein verwies auf entsprechende Absprachen im Koalitionsvertrag von Union und SPD und regte eine Finanzierung über zusätzliche Steuereinnahmen an.

Auch deutsche Wirtschaftsverbände drängen auf einen rascheren Bürokratieabbau sowie Steuerentlastungen und warnen davor, dass die hohen inländischen Energiekosten vor allem kleine und mittlere Unternehmen im Wettbewerb gefährden.

Disclaimer...
de | wirtschaft | 70401231 |