Pleitewelle in Deutschland: Insolvenzen schieĂen durch die Decke â was das jetzt bedeutet
Veröffentlicht: 13.07.2026 um 13:00 Uhr, presseportal.de
Insolvenzen kommen nicht plötzlich â sie sind das Ergebnis von monatelangem, ja oft jahrelangem wirtschaftlichem Druck, der zu lange unterschĂ€tzt wurde. Hier erfahren Sie, warum die Pleitewelle jetzt Fahrt aufnimmt, welche Branchen besonders gefĂ€hrdet sind und was Unternehmen, BeschĂ€ftigte und GlĂ€ubiger aus der aktuellen Entwicklung ableiten sollten.
Rekordzahlen nach Jahren der StĂŒtzung
Die amtlichen Daten sprechen eine klare Sprache. Mit rund 23.900 Unternehmensinsolvenzen erreichte das Jahr 2025 den höchsten Stand seit 2005. Bereits von Januar bis November wurden 22.027 AntrĂ€ge registriert â ein Plus von rund zehn Prozent gegenĂŒber dem Vorjahreszeitraum. Im Dezember lagen die Regelinsolvenzen sogar 15,2 Prozent ĂŒber dem Wert des Vorjahresmonats.
Auch die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich. Die geschĂ€tzte Schadenssumme belief sich 2025 auf etwa 57 Milliarden Euro. Rund 285.000 Arbeitnehmer waren von Unternehmensinsolvenzen betroffen. FĂŒr das erste Quartal 2026 erwarten Wirtschaftsforscher weiterhin sehr hohe Fallzahlen. Von einer schnellen Entspannung kann daher keine Rede sein.
Der âperfekte Sturmâ nach Corona
Die aktuelle Entwicklung ist das Ergebnis mehrerer, ineinandergreifender Belastungen. WĂ€hrend der Pandemie hatten staatliche Hilfen, ausgesetzte Insolvenzantragspflichten und umfangreiche Kreditprogramme viele Betriebe stabilisiert. Dadurch blieb die befĂŒrchtete Insolvenzwelle zunĂ€chst aus.
Mit dem Auslaufen dieser Sonderregelungen verschoben sich die Risiken jedoch in die Gegenwart. KfW-Kredite mĂŒssen zurĂŒckgezahlt werden, gleichzeitig bleiben UmsĂ€tze in zahlreichen Branchen hinter dem Vorkrisenniveau zurĂŒck. Hinzu kommen gestiegene Energiepreise, höhere Personalkosten sowie eine insgesamt zurĂŒckhaltende Konsumnachfrage.
ZusĂ€tzlich erschweren internationale Handelskonflikte und zunehmende regulatorische Anforderungen die Planung. Unternehmen sehen sich damit einer doppelten Belastung ausgesetzt: steigende Fixkosten auf der einen und unsichere Erlösen auf der anderen Seite. Was ĂŒber Jahre hinweg abgefedert wurde, wirkt nun mit Verzögerung.
Besonders betroffene Branchen und wachsende Risiken
Die InsolvenzhÀufigkeit ist derzeit im Bereich Verkehr und Lagerei, im Gastgewerbe sowie im Baugewerbe besonders hoch. Gleichzeitig verzeichnen das verarbeitende Gewerbe und der Handel zweistellige ZuwÀchse bei den Fallzahlen.
Bemerkenswert ist zudem ein struktureller Wandel. Seit 2019 ist die Insolvenzwahrscheinlichkeit ĂŒberproportional im Gesundheits- und Sozialwesen, im GrundstĂŒcks- und Wohnungswesen sowie in der IT- und Kommunikationsbranche gestiegen. Bereiche, die lange als vergleichsweise stabil galten, geraten damit zunehmend unter Druck.
Die Folgen bleiben selten auf einzelne Betriebe begrenzt. GerĂ€t ein Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten, betrifft das regelmĂ€Ăig auch Lieferanten, Dienstleister und Finanzierungspartner. Offene Forderungen können weitere Betriebe in Schwierigkeiten bringen. Je lĂ€nger notwendige Entscheidungen hinausgezögert werden, desto gröĂer wird das Risiko eines Dominoeffekts entlang der Lieferkette.
Sanierungsinstrumente im Ăberblick
Neben der klassischen Regelinsolvenz existieren inzwischen Instrumente, die auf Sanierung und FortfĂŒhrung ausgerichtet sind. Seit der Reform durch das ESUG im Jahr 2012 können Unternehmen im Rahmen der Eigenverwaltung unter Aufsicht eines Sachwalters handlungsfĂ€hig bleiben. Zudem steht seit 2021 mit dem StaRUG ein vorinsolvenzliches Restrukturierungsverfahren zur VerfĂŒgung, das nicht öffentlich gefĂŒhrt wird und sich gezielt auf ausgewĂ€hlte GlĂ€ubiger konzentriert.
Diese Verfahren verfolgen ein gemeinsames Ziel: Unternehmen sollen möglichst frĂŒhzeitig reagieren, bevor ZahlungsunfĂ€higkeit eintritt. Dadurch lassen sich Strukturen anpassen, Verbindlichkeiten neu ordnen und wirtschaftliche Perspektiven erhalten.
Auswirkungen auf BeschÀftigte und GlÀubiger
Wird hingegen zu lange gewartet, verengt sich der Handlungsspielraum erheblich. In solchen FĂ€llen rĂŒcken hĂ€ufig Zerschlagung oder Verkauf in den Vordergrund. FĂŒr BeschĂ€ftigte bedeutet die aktuelle Lage vor allem Unsicherheit. Zwar greifen Instrumente wie das Insolvenzgeld, dennoch gehen Restrukturierungen oft mit Stellenabbau einher. Auch GlĂ€ubiger mĂŒssen sich auf erhöhte Ausfallrisiken einstellen und ihre Engagements sorgfĂ€ltig prĂŒfen.
Die derzeitige Pleitewelle ist damit kein isoliertes Ereignis, sondern Ausdruck aufgestauter struktureller Probleme. Sie zwingt Unternehmen, GeschÀftsmodelle, Kostenstrukturen und Finanzierungsstrategien kritisch zu hinterfragen. Gleichzeitig zeigt sie, wie entscheidend Transparenz, realistische Planung und rechtzeitiges Handeln sind. Ob sich die Situation im weiteren Jahresverlauf stabilisiert, hÀngt von wirtschaftlicher Dynamik, politischem Rahmen und der Investitionsbereitschaft ab. Klar ist jedoch schon jetzt: Wirtschaftliche Resilienz entsteht nicht im Krisenmoment, sondern durch vorausschauende Entscheidungen.
Ăber Ulrich Kammerer
Ulrich Kammerer ist GrĂŒnder und Vorstand der UKMC eG sowie Initiator der Ulrich Kammerer Akademie. Seit ĂŒber einem Jahrzehnt begleitet er Unternehmen in Eigenverwaltungs-, Schutzschirm- und StaRUG-Verfahren und hat mehr als 350 Restrukturierungen betreut. Zuvor fĂŒhrte er sein eigenes IT-Unternehmen mit rund 700 Mitarbeitern erfolgreich durch ein Schutzschirmverfahren. Weitere Informationen unter: https://www.ukmc.de/ und https://www.ulrichkammerer.de/akademie
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Ruben SchÀfer
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