EU-Flottengrenzwerte: Lockerung könnte bis zu 185.000 Jobs kosten
Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 02:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deEine Lockerung der CO2-Flottengrenzwerte für neue Pkw in der Europäischen Union könnte bis zum Jahr 2035 bis zu 185.000 Arbeitsplätze kosten. Zu diesem Ergebnis kommt die Denkfabrik ICCT in einer 58-seitigen Studie namens Powering jobs, über die am 27. Oktober 2026 berichtet wurde.
Dieser Beschäftigungsrückgang entspräche einem Minus von rund -6 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2025 im Automobilsektor, der aktuell 3,3 Millionen Menschen beschäftigt. Hauptautorin Sandra Wappelhorst erklärte dazu, dass eine Aufweichung der Vorgaben zwar oft als Maßnahme zur Sicherung von Beschäftigung propagiert werde, die Berechnungen jedoch das genaue Gegenteil belegen würden.
Diskrepanz zwischen Beibehaltung und Lockerung der Vorgaben
Laut der Untersuchung des ICCT hängt die Beschäftigungsentwicklung entscheidend an der Stringenz des regulatorischen Rahmens. Würden die aktuell geltenden Standards – eine Reduktion der CO2-Emissionen um 55 Prozent bis 2030 und um 100 Prozent bis 2035 – beibehalten, läge die Beschäftigung im Jahr 2035 lediglich etwa 2 Prozent unter dem Stand von 2025. Werden diese Standards zusätzlich durch gezielte industriepolitische Maßnahmen flankiert, prognostiziert das ICCT sogar ein Plus von 10 Prozent beziehungsweise rund 320.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen bis 2035. Zwischen dem Szenario einer Abschwächung und einem forcierten Übergang klafft demnach eine Lücke von fast 500.000 Stellen.
Geografisch betrachtet träfen die potenziellen Verluste von bis zu 185.000 Stellen vor allem die großen europäischen Industriestandorte: Auf Deutschland entfielen fast 77.000 gefährdete Arbeitsplätze, auf Frankreich circa 28.000, auf Polen und Italien jeweils rund 21.000 sowie auf Spanien etwa 19.000 Stellen.
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Nach Berechnungen der Studienautoren könnte ein Zuwachs in den Bereichen batterieelektrische Fahrzeuge, Zellfertigung, Recycling und Ladeinfrastruktur die unvermeidlichen Einbußen bei der Fertigung herkömmlicher Verbrennungsmotoren kompensieren.
Brüsseler Verhandlungen über künftige Flottenziele
Die geltenden EU-Regeln schreiben für den Zeitraum 2025 bis 2027 einen Flottendurchschnitt von 93,6 Gramm CO2 pro Kilometer vor, was einem Rückgang von 15 Prozent gegenüber 2021 entspricht, gefolgt von einer Minderung um 55 Prozent im Jahr 2030 und 100 Prozent ab 2035. Am 22. Oktober 2026 einigten sich jedoch die Fraktionen von EVP, S&D und Renew im Verkehrs- und Industrieausschuss des Europäischen Parlaments auf einen Kompromiss. Dieser sieht vor, die CO2-Minderung für Neuwagen bis 2035 auf -87,5 Prozent gegenüber 2021 abzusenken statt der vollständigen Nullemission.
Die Europäische Kommission hatte zuvor -90 Prozent vorgeschlagen. Für leichte Nutzfahrzeuge sind Reduktionen von 35 Prozent bis 2030 und 80 Prozent bis 2035 vorgesehen.
Zudem verständigten sich die Fraktionen darauf, verbindliche E-Quoten für gewerbliche Flotten ab 2030 zu streichen und lediglich unverbindliche Orientierungsmarken ohne Strafandrohung vorzusehen. Gewerbliche Neuzulassungen machen bis zu 60 Prozent des EU-Marktes aus. Anfang November steht die Abstimmung im Umweltausschuss an, gefolgt von einer Plenarabstimmung Anfang Dezember, bevor die Verhandlungen mit den Mitgliedstaaten beginnen.
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Gespaltene Reaktionen in Industrie und Politik
Bereits am 16. Oktober 2026 hatten Deutschland und Frankreich eine gemeinsame Initiative vorgestellt, die eine Zielvorgabe von -90 Prozent bis 2035 ohne Ausgleichspflichten vorsieht, verbunden mit Vorgaben für europäische Wertschöpfungsanteile bei Bauteilen und Batterien.
Der Verband der Automobilindustrie bezeichnete diesen deutsch-französischen Vorstoß als wichtigen Schritt, stufte ihn jedoch als unzureichend ein und verwies auf eigene Prognosen, wonach in Deutschland bis 2035 rund 125.000 Stellen wegfallen könnten. Die Umweltorganisation Transport & Environment kritisierte jegliche Aufweichung der Vorgaben.
Unterdessen verzeichnete der europäische Herstellerverband ACEA für die ersten drei Quartale 2026 einen Anstieg des Marktanteils rein batterieelektrischer Neuzulassungen auf 22,7 Prozent nach 16,1 Prozent im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Hybride erreichten einen Anteil von 36,3 Prozent, während Benzin- und Dieselfahrzeuge zusammen auf 28,2 Prozent zurückgingen.
