GESAMT-ROUNDUP: Zwischen Offensive und Defensive: Kanzler Merz in BrĂŒssel
09.05.2025 - 17:48:14Mit KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen, RatsprĂ€sident AntĂłnio Costa und ParlamentsprĂ€sidentin Roberta Metsola traf er in der belgischen Hauptstadt die drei Spitzenvertreter der EU, auch ein Treffen mit Nato-GeneralsekretĂ€r Mark Rutte stand auf dem Programm. Ein Ăberblick.
Merz: Grenzkontrollen sind kein Alleingang
Kritische Fragen musste sich Merz vor allem wegen der VerschĂ€rfung der Grenzkontrollen und ZurĂŒckweisungen von Asylsuchenden an den Grenzen gefallen lassen. Der Kanzler entgegnete, die ZurĂŒckweisungen stĂŒnden im Einklang mit europĂ€ischem Recht. Deutschland habe das Recht, verschĂ€rfte Kontrollen durchzufĂŒhren, sagte der CDU-Politiker.
Gleichzeitig machte der Kanzler deutlich, dass sich die MaĂnahmen nicht negativ auf den europĂ€ischen Binnenmarkt auswirken sollen. "Ich möchte das auch allen Staats- und Regierungschefs in der EuropĂ€ischen Union sagen, die in diesen Tagen vielleicht die Sorge haben, dass es hier zu EinschrĂ€nkungen kommt. Wir wollen unter allen UmstĂ€nden vermeiden, dass es zu EinschrĂ€nkungen im Grenzverkehr kommt." KommissionsprĂ€sidentin von der Leyen wollte das deutsche Vorgehen nicht abschlieĂend bewerten. Sie sagte, dass Grenzkontrollen an EU-Binnengrenzen möglich seien - aber nur zeitlich begrenzt und in enger Abstimmung.
Ukraine: Merz unterstĂŒtzt Trump und droht Putin
Dass Merz am Vorabend seiner BrĂŒssel-Reise mit US-PrĂ€sident Donald Trump telefonierte, war Zufall. Aus diesem GesprĂ€ch brachte er aber auch eine klare Ansage mit: Den VorstoĂ fĂŒr eine 30-tĂ€gige bedingungslose Waffenruhe im Ukraine-Krieg unterstĂŒtzte er und drohte Russland gleichzeitig mit weiteren Sanktionen, sollte es nicht darauf eingehen.
"Insbesondere Russland ist jetzt aufgefordert, sich endlich auf einen lĂ€ngeren Waffenstillstand einzulassen, der Raum geben muss fĂŒr einen echten Friedensvertrag", sagte er. "Wenn dies nicht geschieht, werden wir nicht zögern, zusammen mit unseren europĂ€ischen Partnern und den Vereinigten Staaten von Amerika den Sanktionsdruck weiter zu erhöhen."
Merz sagte auch etwa zum gewĂŒnschten Zeitplan: "Ich habe die groĂe Hoffnung, dass es ĂŒber dieses Wochenende eine Verabredung gibt fĂŒr einen Waffenstillstand in der Ukraine."
Zollkonflikt mit den USA - Merz wirbt fĂŒr "down to zero"
Wie geht es weiter im Zollkonflikt mit den USA? Und wie positioniert sich die neue deutsche Bundesregierung? Merz machte in BrĂŒssel deutlich, dass er die BemĂŒhungen um eine Verhandlungslösung aktiv unterstĂŒtzen will. Nach eigenen Angaben warb er in seinem ersten Telefonat mit Donald Trump fĂŒr eine Abschaffung aller Zölle zwischen den Vereinigten Staaten und der EU. "Ich habe ihm gesagt, das ist aus meiner Sicht keine gute Idee, diesen Zollstreit zu eskalieren. Die beste Lösung wĂ€re down to zero (runter auf null) fĂŒr alles und fĂŒr alle", sagte der CDU-Politiker. Trump habe ihn eingeladen, nach Washington zu kommen, und man werde in naher Zukunft ĂŒber diese Frage miteinander reden.
"Mein Eindruck ist, dass auch in Amerika die Diskussion ĂŒber die nachteiligen Auswirkungen der hohen Zölle fĂŒr die eigene Volkswirtschaft mittlerweile beginnt, und die nimmt er natĂŒrlich wahr", sagte Merz.
Merz und die Nato
Bei seinem Antrittsbesuch im Hauptquartier der Nato bekam es Merz mit allen groĂen Themen zu tun, die das VerteidigungsbĂŒndnis derzeit beschĂ€ftigen. Neben den Forderungen von US-PrĂ€sident Trump nach Verteidigungsausgaben in Höhe von bis zu fĂŒnf Prozent der Wirtschaftskraft und Russlands Krieg war das unter anderem die Beitrittsperspektive der Ukraine. Merz Ă€uĂerte sich dazu nicht besonders optimistisch. "Die Ukraine hat eine Beitrittsperspektive in die EuropĂ€ische Union. Die wird zeitlich sicherlich vor dem Nato-Beitritt liegen - wenn der denn dann eines Tages zustande kommen sollte", sagte er. Zu zeitlichen Perspektiven Ă€uĂerte sich Merz nicht. Auch mit einem EU-Beitritt der Ukraine wird derzeit frĂŒhestens zu Beginn des nĂ€chsten Jahrzehnts gerechnet.
Aktuelle VorschlĂ€ge, das Nato-Ziel fĂŒr die Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent des BIP zu erhöhen und dann auch noch Ausgaben fĂŒr militĂ€risch nutzbare Infrastruktur in Höhe von 1,5 Prozent vorzusehen, wollte Merz nicht konkret bewerten. Er betonte aber, dass mehr Geld allein nicht die richtige Antwort auf die aktuellen Herausforderungen sei, und forderte unter anderem auch GesprĂ€che ĂŒber mehr Effizienz bei der Beschaffung von Waffensystemen. Zudem verwies Merz darauf, dass schon eine um einen Prozentpunkt höhere BIP-Quote fĂŒr Deutschland derzeit ungefĂ€hr 45 Milliarden Euro mehr an Verteidigungsausgaben bedeute. Derzeit sei die Bundesrepublik mit zwei Prozent schon bei fast 100 Milliarden Euro.
Merz will europÀisches Lieferkettengesetz abschaffen
In einer Pressekonferenz mit von der Leyen forderte Merz BĂŒrokratieabbau und die Abschaffung der europĂ€ischen Lieferkettenrichtlinie. "Wir werden in Deutschland das nationale Gesetz aufheben. Ich erwarte auch von der EuropĂ€ischen Union, dass sie diesen Schritt nachvollzieht und diese Richtlinie wirklich aufhebt", sagte der CDU-Politiker. Im schwarz-roten Koalitionsvertrag steht eigentlich, dass das deutsche Lieferkettengesetz durch ein Gesetz ĂŒber die internationale Unternehmensverantwortung ersetzt werden soll, "das die EuropĂ€ische Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) bĂŒrokratiearm und vollzugsfreundlich umsetzt".
EU-Schulden? Merz sieht schwierige Diskussion voraus
Vor den anstehenden Verhandlungen ĂŒber den nĂ€chsten langfristigen EU-Haushaltsplan betonte Merz in BrĂŒssel, dass gemeinsame europĂ€ische Schulden die Ausnahme bleiben mĂŒssten. Eine dauerhafte gemeinsame Aufnahme etwa zum Aufbau der Verteidigungsindustrie schloss er aus. Gleichzeitig rĂ€umte er ein, dass das eine schwierige Diskussion werden dĂŒrfte. Etliche Staaten wie beispielsweise Frankreich sind angesichts der Bedrohungen durch Russland offen fĂŒr die Aufnahme neuer gemeinsamer Schulden. Insbesondere Deutschland, die Niederlande und Ăsterreich lehnten dies aber bislang ab.
WĂŒnsche an den neuen deutschen Kanzler
Und was sind die Erwartungen an Merz? EU-RatsprĂ€sident Costa sagte, er setze darauf, dass Merz Deutschland in den Mittelpunkt des europĂ€ischen Entscheidungsprozesses stelle. Ein neuer Kopf bedeute immer neue Ideen und neue Impulse. Costa Ă€uĂerte sich zuversichtlich, dass Merz' Energie und Wille die EuropĂ€ische Union nach vorn bringen werden.

