GefÀngnis, VW-DieselaffÀre

GefÀngnis wegen der VW-DieselaffÀre? - Urteil erwartet

23.05.2025 - 04:30:41

Fast vier Jahre Prozess zum Abgas-Skandal bei VW haben ihre Spuren hinterlassen. Nach zÀhen Phasen in den Tiefen der Technik wurde es zum Ende emotional. Am Montag soll das Urteil fallen.

«Manipulieren und Volkswagen, das darf nie wieder vorkommen» - mit diesem Satz trat Vorstandschef Martin Winterkorn am 22. September 2015 vor die Kamera. «Mr. Volkswagen» entschuldigte sich, rÀumte Fehlverhalten ein und versprach: «Wir klÀren das auf». 

Einen Tag spĂ€ter trat Winterkorn zurĂŒck und die umfassende KlĂ€rung der Verantwortung fĂŒr die Manipulationen dauert bis heute an. Ein riesiges Betrugsverfahren gegen vier frĂŒhere Manager und Ingenieure - aber ohne Winterkorn auf der Anklagebank - steht nun kurz vor dem Abschluss. Das Urteil soll am Montag (26. Mai) verkĂŒndet werden. 

Worum geht es in dem Strafprozess genau?

Im April 2019 informierte die Staatsanwaltschaft Braunschweig ĂŒber ihre Anklage gegen den ehemaligen VW-Chef Winterkorn und vier weitere frĂŒhere FĂŒhrungskrĂ€fte beim Autobauer. Die Strafverfolger warfen ihnen eine «Mehrzahl von StraftatbestĂ€nden», vor allem aber einen besonders schwereren Fall des Betruges vor. 

Nach mehreren coronabedingten Verzögerungen begann das komplexe Verfahren unter den Pandemie-EinschrĂ€nkungen mit Masken und Abstand in der Braunschweiger Stadthalle. Vor der Weltpresse startete die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts ihren Versuch, die mutmaßliche persönliche Verantwortung von VW-FĂŒhrungskrĂ€ften fĂŒr einen der grĂ¶ĂŸten deutschen Wirtschaftsskandale ĂŒberhaupt aufzuklĂ€ren. 

Aber schon vor dem Beginn war klar geworden, dass Winterkorn auf der Anklagebank fehlen wĂŒrde. Sein Komplex war aus gesundheitlichen GrĂŒnden abgetrennt worden. Die meisten Beteiligten kritisierten das Fehlen des einst bestbezahlten deutschen Konzernlenkers scharf. Viele Beobachter sprachen von einem Auftakt ohne die eigentliche Hauptperson. 

Fast vier Jahre Verhandlung - Wie verlief der Prozess?

Ohne Winterkorn als SchlĂŒsselfigur ebbte die Aufmerksamkeit fĂŒr den Prozess schnell ab. Die Gruppe von Journalisten und anderen Interessierten dĂŒnnte schnell aus, bis irgendwann nur der Kern der Prozessbeteiligten blieb. Das Verfahren zog in normale GerichtssĂ€le im Landgericht um und fand dort vertieft in die technischen Details nahezu ohne mediale Begleitung statt. 

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft sollen die Ingenieure und Manager tief in die Entwicklung und den Einsatz der Manipulations-Software in Millionen Fahrzeugen verstrickt gewesen sein. Zur KlĂ€rung der Frage, wer wusste wann was ĂŒber das geheime Programm, ĂŒberzogen die vier Angeklagten ihren damaligen obersten Chef Winterkorn und sich gegenseitig mit VorwĂŒrfen. 

So steht Aussage gegen Aussage. Ingenieure, die die Abschalteinrichtung vorgeschlagen haben sollen, sagen sinngemĂ€ĂŸ: Wir haben Bedenken geĂ€ußert und vor Konsequenzen gewarnt. Die Vorgesetzten entgegnen: Es wurde ĂŒber Probleme gesprochen, nie aber ĂŒber ungesetzliches Handeln oder gar Betrug. An dieser Konstellation Ă€nderte sich in 174 Verhandlungstagen mit rund 150 Zeugen nichts Wesentliches. 

Was weiß man heute zur DieselaffĂ€re?

Der Ursprung eines der grĂ¶ĂŸten deutschen Industrieskandale geht weit zurĂŒck. Mitte der Nullerjahre wollte VW mit Dieselautos in den USA gegenĂŒber der Konkurrenz aufholen. Probleme bei der Einhaltung von Abgasnormen haben nach Überzeugung der Ermittler zu einer Serie von Verschleierungen rund um den Software-Trick gefĂŒhrt. 

Der Skandal flog im September 2015 auf, als die US-Umweltbehörde EPA ĂŒber Manipulationen bei Abgastests von Dieselautos informierte. Kurz zuvor hatte VW falsche Testergebnisse eingerĂ€umt. Wenige Tage spĂ€ter trat Konzernchef Winterkorn zurĂŒck und der Autobauer schlitterte in eine der grĂ¶ĂŸten Krisen der Unternehmensgeschichte. 

In der Folge gab es durchaus scharfe Konsequenzen wie Haftstrafen in den USA, VW zahlte ein Milliardenbußgeld an das Land Niedersachsen und EntschĂ€digung fĂŒr rund eine Viertelmillion Dieselkunden. In einem Anlegerverfahren gegen den Volkswagen-Konzern und die Dachholding Porsche SE wird seit 2018 um Schadenersatz fĂŒr Investoren gestritten, die nach der Dieselgate-AffĂ€re Kursverluste in Milliardenhöhe erlitten. 

Im ersten strafrechtlichen Urteil in Deutschland wurde Ex-Audi-Chef Rupert Stadler in MĂŒnchen wegen Betrugs zu einem Jahr und neun Monaten Haft auf BewĂ€hrung und einer Zahlung von 1,1 Millionen Euro verurteilt. Dabei hatte es zunĂ€chst eine VerstĂ€ndigung gegeben, anschließend legten die Verteidiger aber ĂŒberraschend Revision ein. Das Urteil ist nicht rechtskrĂ€ftig. 

Kurz vor dem Urteil - Was droht den Angeklagten?

In Braunschweig war die Überraschung in den Gesichtern vieler Prozessbeteiligter deutlich erkennbar, als die AnklĂ€ger vor wenigen Tagen ihre Forderungen fĂŒr das Strafmaß vertrugen. FĂŒr drei der Angeklagten reicht aus sich der Staatsanwaltschaft eine BewĂ€hrungsstrafe nicht aus. FĂŒr sie beantragten die Strafverfolger zwischen drei und vier Jahren GefĂ€ngnis. Die Verteidigung dagegen plĂ€dierte auf drei FreisprĂŒche und eine Verwarnung. 

In emotionalen Schlussworten betonten die Angeklagten, wie krĂ€ftezehrend und ermĂŒdend sie den fast vier Jahre langen Prozess empfanden. Die von Haft bedrohten MĂ€nner machten deutlich, dass sie das geforderte Strafmaß zehn Jahre nach dem Auffliegen des Skandals fassungslos mache. Sie bezeichneten aber auch die jeweiligen PlĂ€doyers fĂŒr die anderen Angeklagten unter anderem als «irritierend und erschreckend». 

WĂ€hrend die vier MĂ€nner aus Sicht der Staatsanwaltschaft des Betrugs ĂŒberfĂŒhrt sind, wehren sie sich vehement und sehen sich eher als Bauernopfer. Zum Ende des Prozesses wiederholten sie auch ihre Verwunderung darĂŒber, dass Ermittlungen gegen andere Betroffene eingestellt wurden. Dabei schwingt der Vorwurf mit, dass sich einige Beschuldigte mit GefĂ€lligkeitsaussagen bei den Ermittlern aus der Verantwortung stehlen konnten. 

Das Urteil fÀllt nun am Montag, dem 175. Verhandlungstag. 

Wie geht es weiter und was ist mit Winterkorn?

Die juristische Aufarbeitung, die allein VW nach jĂŒngsten Konzernangaben 33 Milliarden Euro kostete, ist auch nach dem Urteil nicht beendet. In Braunschweig sind neben dem ersten Prozess und dem Verfahren gegen Winterkorn noch vier weitere Strafverfahren aus dem Komplex gegen insgesamt 31 Angeklagte offen, wie ein Sprecher des Landgerichts sagte. 

Bei neun Angeklagten wurden die Verfahren nach Angaben der Staatsanwaltschaft gegen Geldauflagen eingestellt. Gegen weitere 47 ursprĂŒnglich Beschuldigte des Gesamtkomplexes wurden die Verfahren demnach schon wĂ€hrend der Ermittlungen gegen Geldauflagen und mit Zustimmung des Landgerichts eingestellt. 

Und Winterkorn? Nach Jahren ohne große Auftritte in der Öffentlichkeit wurde er Anfang 2024 vom Oberlandesgericht Braunschweig als Zeuge im Investorenprozess befragt und wies dabei die Verantwortung fĂŒr den Dieselskandal von sich. «Ich halte diese VorwĂŒrfe fĂŒr unzutreffend», sagte Winterkorn. 

Ein paar Monate spĂ€ter Ă€ußerte sich der mittlerweile 78-JĂ€hrige als Angeklagter vor Gericht. Dabei widersprach er erneut den VorwĂŒrfen gegen sich und sah seine erfolgreiche Karriere durch die DieselaffĂ€re beschĂ€digt. Ein Unfall Winterkorns unterbrach den Prozess aber nach nur wenigen Tagen. Ob und wann das Verfahren fortgesetzt werden kann, ist völlig offen.

@ dpa.de