Was Projekte von der Luftfahrt lernen können
17.04.2026 - 09:42:47 | presseportal.deWenn ein Flugzeug abstĂŒrzt, obwohl technisch alles einwandfrei funktioniert, liegt die Ursache hĂ€ufig nicht in der Maschine, sondern im Zusammenspiel der Menschen im Cockpit. Informationen werden ĂŒbersehen, Hinweise nicht gehört, Entscheidungen zu spĂ€t getroffen. Genau dieses Muster zeigt sich auch in Projekten: Risiken entstehen selten durch fehlendes Wissen, sondern durch den Umgang damit. Beim 20. PM-Tag Frankfurt/Main wurde deutlich, dass diese "unsichtbaren" Faktoren - Kommunikation, Wahrnehmung und Entscheidungsverhalten - in vielen FĂ€llen ĂŒber Erfolg oder Scheitern entscheiden.
Die Tagung fand am 14. April 2026 auf dem Campus der Deutschen Flugsicherung (DFS) in Langen statt und widmete sich unter dem Titel "Fokus FĂŒhrung - Impulse aus der Luftfahrt" der Frage, wie Projekte unter Unsicherheit verlĂ€sslich gesteuert werden können. Im Zentrum standen dabei nicht klassische Methoden, sondern konkrete FĂŒhrungsprinzipien und Routinen aus sicherheitskritischen Systemen. Die Veranstaltung bildete zugleich den Auftakt zur GPM Sommertour. Mit diesem Format bringt die GPM Deutsche Gesellschaft fĂŒr Projektmanagement e.V. ihre Themen gezielt in die Regionen, fördert den Dialog mit Mitgliedern und Praxispartnern und macht sichtbar, wie Projektmanagement in unterschiedlichen Kontexten gelebt wird. Persönliche Begegnungen und der Austausch vor Ort stehen dabei bewusst im Mittelpunkt.
In seinem GruĂwort betonte GPM PrĂ€sident Prof. Dr. Peter Thuy die wachsende Bedeutung von Projektmanagement als zentrale Disziplin moderner Organisationen. Strategien und BeschlĂŒsse allein reichten nicht aus - entscheidend sei die FĂ€higkeit, Vorhaben wirksam in die Umsetzung zu bringen. Projekte bewegten sich dabei regelmĂ€Ăig in einem Spannungsfeld aus hohen Erwartungen, begrenzten Ressourcen und fehlender direkter Weisungsbefugnis. Gerade deshalb komme der FĂŒhrung eine SchlĂŒsselrolle zu. Kompetenzen wie Kommunikation, Vertrauen, KonfliktfĂ€higkeit und Zusammenarbeit seien keine ergĂ€nzenden FĂ€higkeiten, sondern grundlegende Voraussetzungen fĂŒr erfolgreiche Projekte.
Den fachlichen Einstieg lieferte Thorsten Nottebaum, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der PROJEKTERFOLG GmbH und Experte fĂŒr innovatives Projektmanagement. Er zeigte, dass die Arbeit im Cockpit in vielerlei Hinsicht mit der Arbeit in Projekten vergleichbar ist: Entscheidungen mĂŒssen unter Zeitdruck getroffen werden, Informationen klar und prĂ€zise kommuniziert werden, und Teams mĂŒssen auch in kritischen Situationen handlungsfĂ€hig bleiben. Die Luftfahrt habe in den vergangenen Jahrzehnten genau in diesen Bereichen erhebliche Fortschritte erzielt und ihre Sicherheitsstandards deutlich verbessert. Daraus lasse sich ableiten, dass nicht allein Technik oder Prozesse entscheidend sind, sondern vor allem die FĂ€higkeit, menschliche Faktoren systematisch zu berĂŒcksichtigen.
Tim-Felix Anderten, ehemaliger Fluglotse im Tower Frankfurt und heute Leiter des Human-Factors-Trainings an der DFS-Akademie, vertiefte diese Perspektive mit dem Konzept des "Drift into Failure". Er machte deutlich, dass Probleme in komplexen Systemen selten plötzlich auftreten, sondern sich schleichend entwickeln. Kleine Abweichungen von Regeln oder Standards werden im Alltag hĂ€ufig akzeptiert, weil sie kurzfristig Vorteile bringen oder als unkritisch erscheinen. Mit der Zeit etablieren sich diese Abweichungen jedoch als neue NormalitĂ€t. Gerade diese schrittweise Verschiebung sei gefĂ€hrlich, weil sie Risiken unsichtbar mache und Organisationen in eine trĂŒgerische Sicherheit fĂŒhre.
Einen weiteren Schwerpunkt setzte Andreas LĂŒcker, Verkehrspilot und Ausbilder mit langjĂ€hriger Erfahrung im Cockpit. Anhand konkreter Beispiele aus der Luftfahrt zeigte er, wie strukturierte Entscheidungsmodelle helfen, auch unter Zeitdruck belastbare Entscheidungen zu treffen. Entscheidend sei zunĂ€chst eine klare Trennung von Fakten und Annahmen, da gerade unter Stress die Tendenz bestehe, ungesicherte EinschĂ€tzungen als gegeben zu betrachten. Darauf aufbauend mĂŒssten Optionen systematisch entwickelt und bewertet werden. Ein weiterer zentraler Punkt sei das Timing: Entscheidungen sollten nicht hinausgezögert, sondern bewusst und rechtzeitig getroffen werden.
Im zweiten Beitrag von Thorsten Nottebaum, der seine eigenen Erfahrungen als Pilot einbrachte, stand die Fehlerkultur im Mittelpunkt. Er plĂ€dierte fĂŒr einen grundlegenden Perspektivwechsel im Umgang mit Fehlern. Diese sollten nicht primĂ€r einzelnen Personen zugeschrieben werden, sondern als Ergebnis komplexer Systeme verstanden werden. Selbst erfahrene FachkrĂ€fte seien nicht vor Fehlern gefeit - insbesondere unter Bedingungen wie Zeitdruck, hoher KomplexitĂ€t oder ErmĂŒdung. Konzepte wie die "Just Culture" aus der Luftfahrt zeigten, wie Organisationen einen offenen Umgang mit Fehlern etablieren können, ohne Verantwortung auszublenden.
Die Veranstaltung machte deutlich, dass erfolgreiche Projekte weniger von perfekten Planungen als von einem bewussten Umgang mit Unsicherheit abhĂ€ngen. FrĂŒhzeitige Wahrnehmung von Risiken, klare Entscheidungsstrukturen, eine offene Kommunikation im Team und eine funktionierende Fehlerkultur bilden die Grundlage fĂŒr stabile Projektergebnisse. Die Luftfahrt liefert dafĂŒr nicht nur anschauliche Beispiele, sondern auch erprobte Prinzipien. Der 20. PM-Tag Frankfurt/Main zeigte, wie sich diese AnsĂ€tze auf das Projektmanagement ĂŒbertragen lassen - und welche konkreten Impulse sich daraus fĂŒr die Praxis ergeben.
Weitere Informationen zur GPM Regionalgruppe Frankfurt/Rhein-Main: https://www.gpm-ipma.de/pmtag-luftfahrt
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Pressekontakt:
Sebastian Wieschowski
GPM Deutsche Gesellschaft fĂŒr Projektmanagement e. V.
E-Mail: s.wieschowski@gpm-ipma.de
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