Gastronomie-Krise: Insolvenzen steigen um 40 Prozent trotz Rekordgäste
Veröffentlicht am: 08.08.2026 um 02:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die deutsche Gastronomie erlebt paradoxe Zeiten: Noch nie übernachteten so viele Gäste in hiesigen Hotels, doch die Betriebe kämpfen mit einer Insolvenzwelle und einem Arbeitsmarkt, der Arbeitgeber in die Defensive drängt.
Zwischen Kritikangst und Kündigungswelle
Viele Gastronomen zeigen sich verunsichert: Schon geringe Kritik am Personal kann offenbar kurzfristige Kündigungen auslösen. In einem Markt mit extremem Arbeitskräftemangel sitzen Arbeitnehmer am längeren Hebel – besonders in Regionen wie Güstrow. Während größere Häuser mühsam Personalstände von über 70 Mitarbeitern halten, entlassen andere Betriebe Servicekräfte wegen hoher Lohnkosten oder weichen auf Gymnasiasten als Aushilfen aus.
Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) verschärft den Druck: Anfang August forderte sie eine Reform der Trinkgeldregelungen und höhere Löhne. Der Nachwuchs bleibt trotzdem aus – im Landkreis Harburg und Kreis Mettmann sind zahlreiche Ausbildungsplätze in Hotels, Restaurants und Bäckereien unbesetzt. Die NGG rät Interessierten zu tariflichen Ausbildungsverträgen und zur Gründung von Jugend- und Auszubildendenvertretungen.
Rekordübernachtungen, aber dramatische Insolvenzen
Die Zahlen klingen zunächst positiv: 497,4 Millionen Übernachtungen verzeichnete Deutschland 2025 – ein Rekordwert. Der Branchenreport des Hotelverbandes IHA zeigt jedoch ein trügerisches Bild. Zwar stieg die Zimmerauslastung um 0,9 Prozentpunkte auf 68,1 Prozent, doch der durchschnittliche Netto-Zimmerpreis fiel um 2,8 Prozent auf 109 Euro.
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Die Schattenseite: Die Insolvenzen im Gastgewerbe legten laut IHA um 40,1 Prozent zu. Ein prominentes Beispiel ist die Revo Hospitality Group, deren Zusammenbruch rund 500 Kündigungen zur Folge hatte. Ein internationaler Investor will die 24 betroffenen Hotels übernehmen, während Arbeitnehmervertreter die Rechte der Entlassenen prüfen. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich in Belgien, wo die Insolvenzen im Gastgewerbe im Juni um fast 38 Prozent stiegen.
Arbeitszeiten, Minijobs und politischer Zündstoff
Die Branche hat sich in einem Jahrzehnt fundamental gewandelt: Zwischen 2015 und 2025 verdoppelte sich die Zahl der Beschäftigten mit Sonn- und Feiertagsarbeit auf rund 51.700. Parallel explodierten die Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz – ein Anstieg von 1.600 Prozent.
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Politisch brodelt es ebenfalls: Eine Empfehlung der Rentenkommission zur Abschaffung des Sonderstatus für Minijobs könnte 6,5 Millionen Beschäftigte betreffen. Wirtschaftsexperten warnen vor wachsender Schwarzarbeit, in der Bundesregierung herrscht Uneinigkeit über die Reform.
Digitalisierung als Rettungsanker
Der DEHOGA reagiert mit Technologie: Eine KI-gestützte App für Mitglieder in 15 Landesverbänden bündelt Wissen zu Arbeitsrecht und Hygiene, bietet Checklisten und einen KI-Chat für schnelle Hilfe im Alltag.
Auch das Berufsbild wandelt sich: Der Executive Chef entwickelt sich vom Küchenchef zum Manager für Kostenkontrolle, Business-Strategie und Personaltraining. Der Hintergrund ist ernüchternd – branchenübergreifend stieg die Zahl arbeitslos gemeldeter Manager um 14 Prozent.
Verbraucher bleiben trotz Steuersenkung zurückhaltend
Seit Anfang 2026 gilt wieder der reduzierte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent für die Gastronomie. Doch die Gäste reagieren verhalten: 80 Prozent der Befragten geben an, aus Kostengründen seltener auszugehen. Nur jeder Fünfte will wegen der Steuersenkung häufiger Restaurants besuchen. Verbraucherschützer raten angesichts der Insolvenzwelle zudem zur Vorsicht bei Vorauszahlungen für Hotelbuchungen.
