GESAMT-ROUNDUP, Entsetzen

GESAMT-ROUNDUP 3: Entsetzen und Empörung nach Luftangriff Israels in Rafah

27.05.2024 - 19:03:57

GAZA/TEL AVIV - Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat den tödlichen Luftangriff in Rafah im sĂŒdlichen Gazastreifen Berichten zufolge als "tragischen Fehler" bezeichnet.

(neu: Aussage Netanjahus)

GAZA/TEL AVIV (dpa-AFX) - Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat den tödlichen Luftangriff in Rafah im sĂŒdlichen Gazastreifen Berichten zufolge als "tragischen Fehler" bezeichnet. Die Tragödie sei trotz der israelischen BemĂŒhungen, Schaden von Zivilisten abzuwenden, geschehen, sagte Netanjahu israelischen Medien zufolge am Montagabend im Parlament. Israels Regierungschef möchte die Offensive in Rafah demnach aber fortzusetzen.

Bei dem israelischen Luftangriff am Sonntagabend wurden nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde mindestens 45 Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt. Die Behörde sprach am Montag von einem "Massaker". Die meisten der Toten seien Frauen und MinderjÀhrige. Der Vorfall löste international Entsetzen und Empörung aus.

Neue Sorgen, dass der Gaza-Krieg sich ausweiten könnte, bereitete auch ein Schusswechsel zwischen israelischen und Ă€gyptischen Truppen nahe der Grenze zum Gazastreifen. Dabei sei ein Ă€gyptischer Soldat getötet worden, teilte ein Sprecher des Ă€gyptischen MilitĂ€rs am Montag mit. Es ist das erste öffentlich bekannte Todesopfer in den Reihen des Ă€gyptischen MilitĂ€rs seit Beginn des Gaza-Kriegs vor bald acht Monaten. Israels Armee bestĂ€tigte einen Schusswechsel. Der Vorfall werde geprĂŒft und es wĂŒrden GesprĂ€che mit dem Nachbarland gefĂŒhrt, teilte das israelische MilitĂ€r mit. Weitere Details nannte die Armee nicht. Ägypten hatte als erstes arabisches Land 1979 einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen.

Israel: Luftangriff galt zwei ranghohen Hamas-Mitgliedern

Das israelische MilitĂ€r bestĂ€tigte in der Nacht, es habe am Sonntagabend einen gezielten Luftangriff auf ein GelĂ€nde der islamistischen Hamas im Stadtteil Tal al-Sultan in Rafah gegeben. Er habe zwei ranghohen Hamas-Mitgliedern gegolten. Neben Jassin Rabia, dem maßgeblichen Kopf hinter den TerroraktivitĂ€ten der Islamistenorganisation im Westjordanland, sei auch das ranghohe Hamas-Mitglied Chaled Nagar getötet worden. Die Berichte, dass infolge des Luftangriffs ein Feuer ausgebrochen sei, bei dem Unbeteiligte zu Schaden gekommen seien, wĂŒrden ĂŒberprĂŒft.

Roter Halbmond: Horror-Szenen in humanitÀrer Zone

Der PalĂ€stinensische Rote Halbmond erklĂ€rte, das getroffene Gebiet sei eine der ausgewiesenen humanitĂ€ren Zonen fĂŒr jene Menschen, die wegen der israelischen Kampfhandlungen zur Evakuierung gezwungen gewesen seien.

Israels Armee wies die Berichte am Montag zurĂŒck. Der Luftangriff habe sich nicht in der humanitĂ€ren Zone Al-Mawasi ereignet. Die Armee teilte weiterhin mit, Vorkehrungen getroffen zu haben, um das Risiko fĂŒr Zivilisten zu verringern. So seien etwa prĂ€zise Munition eingesetzt und das Gebiet aus der Luft ĂŒberwacht worden.

In sozialen Medien kursierten verstörende Videos, die zeigten, wie verkohlte Leichen aus brennenden Zelten geborgen wurden. Der palÀstinensische Rettungsdienst berichtete von "Horror-Szenen", Krankenwagen hÀtten viele Tote und Verletzte transportiert.

Israels MilitÀranwÀltin: "Sehr schwerwiegender Vorfall" in Rafah

Israels oberste MilitÀranwÀltin stufte den Angriff in Rafah als "sehr schwerwiegenden" Vorfall ein. "Es liegt in der Natur der Sache, dass in einem Krieg von diesem Umfang und dieser IntensitÀt auch schwerwiegende VorfÀlle passieren", sagte Generalmajor Jifat Tomer-Jeruschalmi am Montag bei einer Juristenkonferenz in Eilat. "Ein Teil der VorfÀlle - wie jener gestern in Rafah - sind sehr schwerwiegend."

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen kritisierte: "Wir sind entsetzt angesichts dieses tödlichen Vorfalls, der einmal mehr zeigt, dass es (im Gazastreifen) nirgends sicher ist."

Der Internationale Gerichtshof (IGH) hatte Israel am Freitag verpflichtet, den MilitĂ€reinsatz in Rafah unverzĂŒglich zu beenden. Es dĂŒrften keine Lebensbedingungen geschaffen werden, "die zur vollstĂ€ndigen oder teilweisen Vernichtung der palĂ€stinensischen Bevölkerung in Gaza fĂŒhren könnten". Das höchste UN-Gericht ordnete aber keine Waffenruhe fĂŒr Gaza an. Entscheidungen des Weltgerichts sind bindend. Allerdings besitzen die UN-Richter keine Mittel, um einen Staat zur Umsetzung zu zwingen.

Das Außenministerium in Jerusalem teilte nach dem Urteil mit, Israel habe in Rafah keine MilitĂ€raktionen durchgefĂŒhrt, die Lebensbedingungen schafften, "die zur vollstĂ€ndigen oder teilweisen Vernichtung der palĂ€stinensischen Zivilbevölkerung fĂŒhren könnten". Nach Medienberichten interpretierte der israelische Richter Aharon Barak das Urteil so, dass kein vollstĂ€ndiger Stopp der MilitĂ€roffensive in Rafah angeordnet worden sei.

Am Sonntag hatte die Hamas erstmals seit vier Monaten wieder Raketen auf den Großraum Tel Aviv gefeuert - nach Armeeangaben handelte es sich um acht Geschosse, die aus Rafah abgefeuert wurden. In Herzlija nördlich von Tel Aviv wurde ein Haus von Raketenteilen getroffen und beschĂ€digt.

Bundesregierung: Untersuchung zu Israels Angriff in Rafah abwarten

Die Bundesregierung geht davon aus, dass es im Zusammenhang mit dem Angriff einen Fehler der israelischen Seite gegeben habe. Derzeit liefen in Israel Untersuchungen, ob es sich um einen gezielten Angriff gehandelt habe, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Montag in Berlin. "Auf alle FĂ€lle ist ein Fehler passiert, das kann man jetzt schon sagen", fĂŒgte er hinzu. Es mĂŒsse noch die Frage der Motivation fĂŒr den Angriff geprĂŒft werden.

Auf Nachfragen sagte Hebestreit: "Der Schluss, ob das ein Kriegsverbrechen ist im Sinne des Völkerrechtes, das ist etwas, was man Juristen ĂŒberlassen muss, die die genauen Sachverhalte kennen." Der Regierungssprecher mahnte: "Erst mal untersuchen, was genau passiert ist und dann urteilen. Und nicht anhand von Bildern sofort ein Urteil fĂ€llen." Angesichts der jĂŒngsten Raketenangriffe aus Rafah auf Tel Aviv betonte Hebestreit zugleich: "Israel hat das Recht, sich zu verteidigen im Rahmen des Völkerrechts."

Kanzler Olaf Scholz (SPD), Vizekanzler Robert Habeck und Außenministerin Annalena Baerbock (beide GrĂŒne) hĂ€tten immer wieder deutlich gemacht, "dass sich Israel bei seiner gerechtfertigten Verteidigung gegen die Terrororganisation Hamas an das Völkerrecht zu halten hat. Und das gilt in allen FĂ€llen", sagte Hebestreit. Auf die Frage, ob Habeck mit seiner Äußerung vom Wochenende, militĂ€rische Angriffe auf FlĂŒchtlingslager seien mit dem Völkerrecht nicht vereinbar, die Haltung der gesamten Bundesregierung vertrete, sagte Hebestreit: "Ja".

Baerbock sagte am Montag in BrĂŒssel: "Es gab weitere Raketen auf Tel Aviv von der Hamas und zugleich sehen wir, dass es kein Gewinn fĂŒr Israels Sicherheit ist, dass keine Geisel freikommt, wenn jetzt Menschen in Zelten verbrennen.". Die GrĂŒnen-Politikerin sagte weiter: "Das internationale Völkerrecht, das humanitĂ€re Völkerrecht, das gilt fĂŒr alle." Auch Entscheidungen des Internationalen Gerichtshofs (IGH) seien bindend und mĂŒssten natĂŒrlich befolgt werden, sagte Baerbock. "Wir erleben gerade das Gegenteil."

Frankreich und arabische Staaten empört

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron reagierte empört auf den Angriff in Rafah. "Diese Operationen mĂŒssen aufhören", schrieb Macron auf X. Es gebe keine sicheren Zonen fĂŒr palĂ€stinensische Zivilisten in Rafah. Macron rief zu einer sofortigen Feuerpause und zu einer vollstĂ€ndigen Einhaltung des internationalen Rechts auf.

Auch mehrere arabische Staaten verurteilten den Angriff aufs SchĂ€rfste. Israels "absichtliche Bombardierung der Zelte der GeflĂŒchteten" stelle einen "neuen und eklatanten Verstoß gegen das Völkerrecht" dar, kritisierte das Ă€gyptische Außenministerium am Montagmorgen. Jordanien verurteilte die "eklatante Missachtung der Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs" scharf. Das Außenministerium in Amman bezeichnete den jĂŒngsten Angriff als "abscheuliches Kriegsverbrechen der israelischen Besatzungstruppen im Gazastreifen".

BemĂŒhungen um Waffenruhe erhalten DĂ€mpfer

Wegen des tödlichen israelischen Luftangriffs in Rafah setzte die islamistische PalĂ€stinenserorganisation Hamas ihre Teilnahme an den Verhandlungen ĂŒber eine Waffenruhe vorerst aus. Dies teilten Hamas-ReprĂ€sentanten der Deutschen Presse-Agentur am Montag mit.

Die indirekten Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas, bei denen Ägypten, Katar und die USA vermitteln, waren zuletzt nach mehrtĂ€gigen GesprĂ€chen in Kairo und Doha in eine Sackgasse geraten. Medienberichten zufolge sollten sie in dieser Woche "auf der Basis neuer VorschlĂ€ge" wiederaufgenommen werden.

Auslöser des Gaza-Kriegs war ein Terroranschlag der Hamas im israelischen Grenzgebiet am 7. Oktober. Mehr als 1200 Menschen wurden getötet und mehr als 250 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Bei der israelischen Offensive im Gazastreifen wurden nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde bisher mehr als 36 000 Menschen getötet.

@ dpa.de