Europa, USA

EU-Kommission: UnabhÀngigkeit bei Chips und Clouds retten

03.06.2026 - 15:39:15 | dpa.de

GefĂ€hrliche AbhĂ€ngigkeit? Wichtige Daten liegen bei US-Cloud-Anbietern, Europas Autoindustrie zĂ€hlt auf Chips aus China. BrĂŒssel schlĂ€gt vor, wie eine digitale Entflechtung funktionieren könnte.

Die EU-Kommission will unter anderem die Versorgung mit Halbleitern sicherstellen. Im Bild: Zwischenprodukte, sogenannte Wafer, in den RĂ€umen des Halbleiterproduzenten Nexperia. (Symbolbild) - Bild: David Hammersen/dpa
Die EU-Kommission will unter anderem die Versorgung mit Halbleitern sicherstellen. Im Bild: Zwischenprodukte, sogenannte Wafer, in den RĂ€umen des Halbleiterproduzenten Nexperia. (Symbolbild) - Bild: David Hammersen/dpa

Die EU-Kommission will mit einem umfassenden Maßnahmenpaket dafĂŒr sorgen, dass Europa unabhĂ€ngiger von digitaler Infrastruktur aus den USA und China wird. DafĂŒr soll unter anderem die Nachfrage nach europĂ€ischen Halbleitern wachsen, wie aus einem Vorschlag der BrĂŒsseler Behörde hervorgeht. 

Zudem soll der öffentliche Sektor in Deutschland und anderen MitgliedslÀndern bei der Speicherung von sensiblen Daten in Clouds sorgfÀltig auswÀhlen, wem die Daten anvertraut werden und mehr auf europÀische Lösungen setzen. 

Trump den Ausschalter wegnehmen? 

Hintergrund sind unter anderem Sorgen, China oder die US-Regierung unter PrĂ€sident Donald Trump könnten durch Sanktionen oder Exportkontrollen das Angebot von Tech-Firmen fĂŒr europĂ€ische Kunden einschrĂ€nken - oder die europĂ€ische Industrie angesichts der Konkurrenz dauerhaft abgehĂ€ngt werden. Experten gehen davon aus, dass die EU bei ĂŒber 80 Prozent ihrer digitalen Produkte, Dienstleistungen und der Infrastruktur strukturell von Anbietern außerhalb der EU abhĂ€ngig ist. 

Besonders wegen des von den US-Konzernen dominierten Cloud-Marktes gibt es in Europa die Angst vor einem Ausschalter («Kill-Switch») in den HĂ€nden von US-PrĂ€sident Trump. SpĂ€testens seit dessen zweiter Amtszeit wird die US-Übermacht als potenzielle Bedrohung eingeschĂ€tzt. Zugleich könnten zu drastische EinschrĂ€nkungen fĂŒr Wettbewerber aus den Vereinigten Staaten Trump verĂ€rgern und das ohnehin angespannte VerhĂ€ltnis zwischen Washington und Europa weiter belasten. 

Warum die Cloud-AbhÀngigkeit ein Problem sein könnte 

Die digitalen Anwendungen der modernen Wirtschaft laufen nicht mehr auf lokalen Servern, sondern in der Cloud. Und hier ist die europĂ€ische AbhĂ€ngigkeit eklatant. Über 70 Prozent des europĂ€ischen Cloud-Marktes werden von nur drei US-Giganten beherrscht: Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud. EuropĂ€ische Alternativen wie OVHcloud oder Schwarz Digits spielen im globalen Maßstab bislang nur eine untergeordnete Rolle. 

In Europa wird daher besonders kritisch gesehen, dass US-Anbieter durch Vorgaben der Politik gezwungen werden können, Dienste in bestimmten FĂ€llen abzuklemmen. So wurden Anfang 2025 Richter des Internationalen Strafgerichtshofs ĂŒber Nacht von ihren Microsoft-Konten getrennt, weil sie plötzlich auf einer Sanktionsliste der USA standen. Zudem wollen sich die EuropĂ€er nicht mit dem US-Cloud Act abfinden, der den Behörden in den Vereinigten Staaten den Zugriff auf Daten bei den US-Firmen ermöglicht. 

MitgliedslÀnder sollen Risiken bei Cloud-Diensten beachten 

Daher sollen Deutschland und andere EU-Staaten nach den VorschlĂ€gen aus BrĂŒssel kĂŒnftig bei der Nutzung von Cloud-Diensten im öffentlichen Sektor, also in der Verwaltung, in Schulen oder bei der Bundeswehr, verschiedene Sicherheitsstufen (1-4) berĂŒcksichtigen. 

Je nachdem, wie wichtig und sensibel die Daten sind, die dort hinterlegt werden sollen, mĂŒssten Anbieter dann entsprechend strenge Kriterien erfĂŒllen, um den Zuschlag zu bekommen. So wĂ€re das in einer Cloud abgespeicherte MenĂŒ in einer Kantine eher Stufe 1. Die GebĂ€udeplĂ€ne von MilitĂ€reinrichtungen könnten dagegen als Stufe 4 bewertet werden. 

Besonders sensible Bereiche sollen immun gegen Eingriffe sein 

Wer auf der höchsten Stufe seine Dienste anbieten möchte, muss vor allem sicherstellen, dass Drittstaaten keine Chance haben einzugreifen. Das wĂŒrde die großen Anbieter aus den USA vermutlich ausschließen. Allerdings sollen Deutschland und die anderen EU-Staaten selbst die Sicherheitsstufen fĂŒr die verschiedenen Bereiche der öffentlichen Verwaltung festlegen.

FĂŒr die private Wirtschaft gibt es zwar die gleiche Empfehlung, verbindlich sollen die EU-Regeln hier aber in jedem Fall nicht sein, betonten ranghohe Mitarbeiter der EU-Kommission. 

Mehr Mikrochips aus Europa

Neben Clouds soll Europa dem Vorschlag der EU-Kommission nach auch bei Mikrochips mehr auf eigenen Beinen stehen. Mikrochips werden unter anderem aus Halbleitermaterial, insbesondere Silizium, hergestellt, und in nahezu allen modernen GegenstÀnden gebraucht - etwa in Smartphones, Computern und Autos.

In der EU gibt es mit dem niederlĂ€ndischen Konzern ASML immerhin einen wichtigen Player in der Chipindustrie. Hier ist es umgekehrt: Die USA und auch Taiwan sind komplett von ASML abhĂ€ngig, das Maschinen fĂŒr hoch entwickelte Chips baut. Bei der tatsĂ€chlichen Fertigung der modernsten Mikrochips (unter 3 Nanometer) ist Europa jedoch ein Entwicklungsland und wiederum auf Hersteller aus Taiwan und SĂŒdkorea angewiesen. 

Mikroelektronik gilt als SchlĂŒsseltechnologie

Die VorschlĂ€ge der BrĂŒsseler Behörde sehen vor, die Mitgliedstaaten dazu anzuregen, bei öffentlichen AuftrĂ€gen auf Mikrochips aus Europa zurĂŒckzugreifen. AngekĂŒndigt werden außerdem schnellere Genehmigungsverfahren, eine vertiefte Zusammenarbeit und ein neues Exzellenzlabel fĂŒr Europas Halbleiterregionen. Letzteres soll helfen, Investoren zu ĂŒberzeugen. 

Ein EU-Beamter nannte als Beispiel die ESMC-Baustelle in Dresden als «grĂ¶ĂŸte Baustelle Europas». Dort soll eine moderne Halbleiterfabrik entstehen. Ein Label «Exzellenzregion fĂŒr Halbleiter» könne es Regionen erleichtern, sich zu profilieren, Investoren anzuziehen und solche ProduktionsstĂ€tten vorzubereiten, sagte der Beamte.

Die Mikroelektronik gilt als SchlĂŒsseltechnologie. Die EU hat das Ziel, ihren Anteil an der weltweiten Halbleiterfertigung bis 2030 auf 20 Prozent zu steigern. Derzeit liegt der Anteil laut EU-Kommission bei rund 10 Prozent. 

KĂŒnstliche Intelligenz: Rechenpower gesucht

KI treibt derzeit mit hohem Tempo die technologische VerĂ€nderung an. Und dabei sitzt Europa wieder nur in der zweiten Reihe. Zwar verfĂŒgt der alte Kontinent mit Start-ups wie Mistral AI in Frankreich ĂŒber exzellente Softwareschmieden, doch ansonsten tun sich die europĂ€ischen Player schwer.

KI benötigt vor allem zwei Ressourcen: gewaltige Datenmengen und gigantische RechenkapazitĂ€ten. Der europĂ€ische Markt fĂŒr KĂŒnstliche Intelligenz soll den PlĂ€nen der EU-Kommission nach nun durch neue KI-Zentren gestĂ€rkt werden. 

Ziel sei es, die KapazitĂ€t von Rechenzentren in Europa in den nĂ€chsten fĂŒnf bis sieben Jahren zu verdreifachen, teilte die EU-Kommission mit. Voraussichtlich im Juli will die Behörde eine Ausschreibung fĂŒr KI-Gigafabriken veröffentlichen. 

Von der Leyen mahnt - Digitalverband lobt Vorstoß

Bevor die VorschlĂ€ge umgesetzt werden können, mĂŒssen sich die EU-Staaten und das Europaparlament noch damit befassen und ihnen zustimmen. EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen warnte: «Wir können es uns nicht leisten, bei den Technologien, die den Betrieb unserer KrankenhĂ€user, die StabilitĂ€t unserer Energienetze und die Sicherheit unserer Dienste gewĂ€hrleisten, von anderen abhĂ€ngig zu sein.» 

Der deutsche Digitalverband Bitkom begrĂŒĂŸte die VorschlĂ€ge aus BrĂŒssel. PrĂ€sident Ralf Wintergerst lobte, die EU-Kommission setze die richtigen Akzente. Gleichzeitig brauche Europa nun Tempo.

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