GESAMT-ROUNDUP 2: Merz unterstĂŒtzt Ukraine - und appelliert an Putin
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 19:41 Uhr | dpa, AD HOC NEWS(Aktualisierung: Im 7. Absatz Zahlen aus Regierungskreisen zu den Regierungsabkommen aktualisiert: 14 Abkommen mit einem Wert von 6,6 Milliarden Euro)
KIEW (dpa-AFX) - Bundeskanzler Friedrich Merz hat den Ukrainern mit einem SolidaritĂ€tsbesuch in Kiew im Abwehrkampf gegen Russland den RĂŒcken gestĂ€rkt und eindringlich an den russischen PrĂ€sidenten appelliert: "Herr Putin, hören Sie diesen sinnlosen Krieg auf!" Er sei bereit zu GesprĂ€chen, sagte der Kanzler vor der Ruine der vor wenigen Tagen bei einem Drohnenangriff zerstörten Akademie der Wissenschaften. "Aber diese barbarischen Angriffe auf die Zivilbevölkerung der Ukraine mĂŒssen aufhören."
Russland setzte seine Luftangriffe auf Kiew und die gesamte Ukraine wĂ€hrend des Besuchs aber verstĂ€rkt fort. Auf der NordbrĂŒcke ĂŒber den Fluss Dnipro schlug erneut eine Drohne ein, die RauchsĂ€ule war weithin sichtbar. Mindestens zwei Menschen wurden nach offiziellen Angaben verletzt. Der Kanzler war zu der Zeit nur gut fĂŒnf Kilometer entfernt in der deutschen Botschaft in Sicherheit. Allein in den ersten fĂŒnf Stunden seines Besuchs wurde fĂŒnfmal Drohnenalarm in der Hauptstadt ausgelöst.
Die Sirenen heulten auch, als er zusammen mit dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj das besichtigte, was von dem historischen GebĂ€ude der Akademie der Wissenschaften ĂŒbriggeblieben ist. "Das sind tĂ€gliche Kriegsverbrechen, die hier verĂŒbt werden", sagte Merz dort.
Russland kĂŒndigt noch hĂ€rtere SchlĂ€ge gegen Ukraine an
Das russische Verteidigungsministerium kĂŒndigte wĂ€hrend Merz' SolidaritĂ€tsbesuch eine noch weitere VerschĂ€rfung seiner SchlĂ€ge gegen Kiew und andere Gebiete der Ukraine an. Damit reagiere Moskau auf Drohungen Selenskyjs, weitere militĂ€rische Objekte und RĂŒstungsbetriebe in Russland anzugreifen, teilte das Ministerium mit. Den Krieg begonnen hatte Russland.
Insgesamt 1,35 Milliarden Euro fĂŒr Waffen und Infrastruktur
Merz wurde in Kiew von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und zehn Unternehmern aus den Bereichen RĂŒstung und Energie in Kiew begleitet. Der Kanzler brachte konkrete Hilfe mit. In KĂŒrze soll die Auslieferung Tausender Abfangdrohnen beginnen, mit denen die schnellen und daher besonders gefĂ€hrlichen russischen Kampfdrohnen mit DĂŒsenantrieb bekĂ€mpft werden können.
Zudem soll die Produktion weitreichender Waffen vorangetrieben werden, mit denen Nachschublinien hinter der Front in Russland angegriffen werden können. Insgesamt sollen dafĂŒr eine Milliarde Euro aus bereits bewilligten Haushaltsmitteln freigegeben werden - und weitere 350 Millionen Euro fĂŒr die Reparatur und den Wiederaufbau zerstörter Kraftwerke.
Deutschland ist gröĂter UnterstĂŒtzer der Ukraine in ihrem seit mehr als viereinhalb Jahren dauernden Abwehrkampf gegen den russischen Angriffskrieg. WĂ€hrend des Besuchs wurden auch 14 Unternehmensabkommen unterzeichnet, nach Angaben aus der deutschen Delegation mit einem Wert von 6,6 Milliarden Euro. Dabei geht es vor allem um RĂŒstungsgĂŒter.
Selenskyj attestiert Deutschland "konsequente FĂŒhrungsstĂ€rke"
Selenskyj dankte Merz dafĂŒr, dass Deutschland "konsequent FĂŒhrungsstĂ€rke beim Schutz der Leben der Ukrainer und Ukrainerinnen vor russischen Angriffen beweist". Russland mĂŒsse "gemeinsam gestoppt werden".
Kanzler Merz war am Morgen mit dem Zug in Kiew eingetroffen. Nur wenige Stunden zuvor warnte das russische AuĂenministerium auslĂ€ndische Besucher und Diplomaten mit Hinweis auf bevorstehende Angriffe vor einem Aufenthalt in Kiew. Sie sollten die Stadt verlassen und sich vor allem nicht in der NĂ€he von militĂ€rischen Objekten und RegierungsgebĂ€uden aufhalten, hieĂ es in einer Mitteilung.
"Auf unsere Hilfe könnt ihr weiter zÀhlen"
Merz lieĂ sich davon nicht von seinen ReiseplĂ€nen abbringen. Er sei trotz der Drohungen bewusst mit einer groĂen Regierungs- und Wirtschaftsdelegation nach Kiew gekommen, sagte er auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Selenskyj. "Das zeigt: Wir lassen uns nicht einschĂŒchtern. Wir lassen uns auch nicht einschĂŒchtern durch einen Drohnenangriff zum selben Zeitpunkt unseres Besuchs."
Sechsmal gab es wĂ€hrend des Aufenthalts des Kanzlers Drohnenalarm. Es war aber nie so kritisch, dass er in einen Schutzraum musste. Er gehe davon aus, "dass es keine persönliche GefĂ€hrdung fĂŒr die Mitglieder meiner Delegation und auch fĂŒr mich persönlich gibt", sagte er.
Die Kernbotschaft des Kanzlers an die Ukrainer in Kiew war: "Auf unsere Hilfe könnt ihr weiter zĂ€hlen." Merz hatte der Ukraine bereits am Donnerstag in einer Grundsatzrede in MĂŒnster die anhaltende SolidaritĂ€t Deutschlands zugesichert - trotz aller WiderstĂ€nde gegen weitere Milliardenhilfen im eigenen Land. "Wanken wir in Deutschland, dann wankt Europa. Wankt Europa, dann wankt auch die Ukraine", mahnte er bei der Verleihung des WestfĂ€lischen Friedenspreises.
Mit der Reise wollte Merz nun auch ganz sichtbar machen, dass Deutschland an der Seite der Ukraine steht. Und den Kritikern der Hilfe in Deutschland sagte er erneut, dass die Hilfe in zutiefst eigenem Interesse sei. "Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie frĂŒher oder spĂ€ter gegen uns."
Vierter Kanzlerbesuch seit Kriegsbeginn
Es ist der vierte Besuch eines Kanzlers seit der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022. Merz' VorgÀnger Olaf Scholz (SPD) war in seiner dreieinhalbjÀhrigen Amtszeit zweimal im Kriegsgebiet. Merz (CDU) besuchte Kiew im Mai vergangenen Jahres nur vier Tage nach seiner Vereidigung als Kanzler im Bundestag - zusammen mit Frankreichs PrÀsident Emmanuel Macron, dem damaligen britischen Premierminister Keir Starmer und dem polnischen Regierungschef Donald Tusk.
Es war die erste gröĂere gemeinsame diplomatische Initiative der EuropĂ€er, um zu einem Frieden in der Ukraine zu kommen. Von Kiew aus forderten die vier Staats- und Regierungschefs damals Russland ultimativ zu einem bedingungslosen Waffenstillstand auf. Daraus wurde nichts, auch spĂ€tere diplomatische Initiativen verliefen zunĂ€chst im Sande.
Merz hofft nun darauf, Russland mit anhaltendem militĂ€rischen Druck an den Verhandlungstisch zu bewegen. AuĂenminister Johann Wadephul hatte vor wenigen Tagen erstmals seit Jahren wieder TuchfĂŒhlung mit Moskau aufgenommen und den russischen AuĂenminister Sergej Lawrow in New York getroffen. Das Ergebnis war ernĂŒchternd. Lawrow Ă€uĂerte sich anschlieĂend abschĂ€tzig ĂŒber das GesprĂ€ch: Es habe nichts Neues gebracht.
Moskau: Merz will Image aufpolieren
Zum Besuch des Kanzlers in der Ukraine kamen nun auch wieder abfĂ€llige ĂuĂerungen aus Moskau. "Mörder kehren zum Tatort zurĂŒck", sagte die Sprecherin des russischen AuĂenministeriums, Maria Sacharowa, der Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda" in Moskau. Sie vermute, dass der Kanzler auf diese Weise "sein sich zunehmend verschlechterndes Image nach einer Reihe fĂŒr ihn erfolgloser Wahlen und Auseinandersetzungen innerhalb der Regierungskoalition wieder aufzupolieren" versuche.
