Gießerei-Krise: 588.000 Arbeitsplätze gefährdet, Produktion bricht ein
11.06.2026 - 02:18:11 | boerse-global.de
Die Geschäftsführung der Nord Alu GmbH hat in einem Krisengespräch zugesagt, die Produktion wieder anzufahren und ausstehende Löhne zu zahlen. Am Runden Tisch im Neumünsteraner Rathaus saßen am Mittwoch neben der Unternehmensleitung auch Betriebsrat, IG Metall, Agentur für Arbeit und Vertreter des Wirtschaftsministeriums. Seit über einer Woche ruht die Produktion, die Belegschaft wartet auf ihr Geld.
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Hoffnung auf Neustart
Die Zusage: Die ausstehenden Entgelte sollen zeitnah ausgezahlt werden, die Produktion wieder hochfahren. Im Fokus standen die Sicherung der Liquidität und die Energieversorgung – beides Voraussetzungen für einen dauerhaften Betrieb. Die Teilnehmer werteten die Ergebnisse als ersten Schritt zur Rettung des Standorts.
Parallel dazu gibt es Bewegung in anderen Branchen. Für den Opel-Standort Rüsselsheim wurde ebenfalls am Mittwoch eine Einigung erzielt: Ein Astra-Nachfolgemodell soll kommen, Azubis werden unbefristet übernommen.
Gießerei-Industrie in der Krise
Die Lage bei Nord Alu ist kein Einzelfall. Der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG) spricht von der schwersten Krise der Nachkriegszeit. Der Produktionsindex liegt 35 Prozent unter dem Niveau von 2018. Hauptgründe: hohe Energie- und CO2-Kosten sowie wachsende Bürokratie.
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Eine Studie von IW Consult warnt vor den Folgen: Ein weiterer Produktionsrückgang von 50 Prozent würde einen Wertschöpfungsverlust von 65 Milliarden Euro bedeuten. Rund 588.000 Arbeitsplätze wären gefährdet. Der vom Bund mit über 30 Milliarden Euro subventionierte Industriestrompreis erreiche viele Betriebe nicht, kritisiert der BDG.
Industrie unter Druck
Trotz einzelner Rettungsversuche bleibt die Lage angespannt. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) meldet für Mai 2026 zwar einen Rückgang der Insolvenzen auf 1.518 Fälle – 15 Prozent weniger als im April. Doch der Wert liegt noch immer 57 Prozent über dem Vorkrisendurchschnitt. Besonders betroffen: Verkehr und Lagerei wegen gestiegener Kraftstoffpreise.
Die Nachfrage schwächelt. Der Auftragseingang der Industrie sank im April um 3,8 Prozent. Die Elektroindustrie verzeichnete ein Minus von 16,3 Prozent, der Maschinenbau minus 7,4 Prozent, die Autoindustrie minus 5,3 Prozent. Die Paul Köster GmbH aus Medebach, ein Sondermaschinenbauer für die Autobranche, stellte am 8. Juni einen Insolvenzantrag in Eigenverwaltung – 320 Jobs sollen so stabilisiert werden.
Politik reagiert
Die Krise beschäftigt das Kanzleramt. Am Mittwoch berieten Spitzenvertreter von Arbeitgebern und Gewerkschaften über Reformen bei Steuern, Bürokratie und Arbeitsrecht. Kanzler Merz forderte gemeinsame Vorschläge zur Standortstärkung.
Regional formiert sich Widerstand. Die Lausitzrunde verlangt in einem Schreiben an das Kanzleramt ein Bekenntnis zum Industriestandort und kritisiert Pläne, Kraftwerksneubauten in Süddeutschland zu bevorzugen. Saarlands Wirtschaftsminister Jürgen Barke fordert Entschädigungen für Stahlunternehmen – der milliardenschwere Umbau zur klimaneutralen Produktion dürfe nicht durch Änderungen im EU-Emissionshandel gefährdet werden.
Während die Perlon-Gruppe durch einen chinesischen Investor gerettet werden konnte (Kaufvertrag seit 3. Juni in Kraft), zeigt die Abwicklung der Hamburger Kaffeerösterei Torrefaktum die anhaltenden Schwierigkeiten: Gescheiterte Mietverhandlungen und Altschulden aus der Pandemie wurden dem Mittelständler zum Verhältnis.
