FachkrÀftemangel, ArbeitskrÀfte aus dem Ausland

Warum verlassen auslÀndische ArbeitskrÀfte Deutschland?

06.07.2023 - 08:06:39

GĂŒnstige FlĂŒge und dank Internet immer Kontakt nach Hause - mal hier, mal da zu arbeiten, ist kein Problem. Ein Land muss attraktiv sein, damit ArbeitskrĂ€fte bleiben. Ist Deutschland das?

FĂŒnf Jahre hat Raymund Guevara als Pflegekraft in einem Krankenhaus in Niedersachsen gearbeitet. Seit Januar lebt der 37-jĂ€hrige Filipino nun mit seiner Frau in Florida in den USA.

«Wir wollten uns unseren Traum erfĂŒllen», erzĂ€hlt er am Telefon. Ein Haus zu kaufen, das sei in Deutschland sehr schwierig gewesen, schon allein wegen der Kredite. In Florida erhalte er als Pflegekraft dabei staatliche UnterstĂŒtzung. Auch den FĂŒhrerschein zu machen oder eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, sei in Deutschland komplizierter, die Sprache sowieso. «In den USA haben wir mehr Möglichkeiten, und es lebt sich bequemer.»

ArbeitskrÀftemangel in Deutschland

PflegekrĂ€fte wie Guevara werden in Deutschland hĂ€nderingend gesucht. Doch nicht nur sie: In jedem sechsten Beruf fehlen nach einer Analyse der Bundesagentur fĂŒr Arbeit FachkrĂ€fte. Da setzt die Reform des FachkrĂ€fteeinwanderungsgesetzes der Ampel-Koalition an. Es soll ArbeitskrĂ€ften aus dem Ausland leichter machen, nach Deutschland zu kommen. Doch diese mĂŒssen nicht nur kommen, sie mĂŒssen auch bleiben wollen - zumindest einige Zeit.

Die MobilitĂ€t steige durch gĂŒnstige Transportmittel und die Kommunikationstechnik, sagt Herbert BrĂŒcker vom Institut fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in NĂŒrnberg. «Die temporĂ€re Migration nimmt zu.»

Die MobilitÀt von ArbeitskrÀften nimmt zu

Ein Beispiel dafĂŒr ist Raymund Guevara. 2018 kam er nach Deutschland. FĂŒnf Jahre spĂ€ter hatten er und seine Frau keine Probleme, alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben in Florida zu beginnen. Doch wie bewegt man Menschen dazu, zu bleiben? Um das zu beantworten, muss man auch die GrĂŒnde kennen, wieso ArbeitskrĂ€fte Deutschland wieder verlassen.

Dazu hat das TĂŒbinger Institut fĂŒr Angewandte Wirtschaftsforschung im Auftrag der Bundesagentur fĂŒr Arbeit fast 1900 Menschen ĂŒber Facebook befragt. Das Ergebnis: Viele ArbeitskrĂ€fte aus dem Ausland kehren Deutschland vor allem aus aufenthaltsrechtlichen und beruflichen GrĂŒnden den RĂŒcken, wie das Ende einer befristeten BeschĂ€ftigung oder weil die berufliche Qualifikation nicht anerkannt wurde.

«Es hat aber auch mit dem Leben hier zu tun», sagt Studienleiter Bernhard Boockmann. So erklĂ€rten zwei von drei hoch qualifizierten FachkrĂ€ften aus außereuropĂ€ischen LĂ€ndern, Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft erfahren zu haben. «Das ist aus meiner Sicht durchaus ernst zu nehmen», sagt Boockmann. «Jeder einzelne Grund kann der sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.» Also der, der Leute bewegt, das Land zu verlassen. Die Studie ist dem Experten zufolge nicht reprĂ€sentativ, da es sich um eine Vorstudie fĂŒr eine grĂ¶ĂŸer angelegte Untersuchung handelt. Dennoch gebe sie wichtige Anhaltspunkte.

Herausforderungen bei der Integration

Dass sich auslĂ€ndische ArbeitskrĂ€fte nicht immer willkommen fĂŒhlen, kann auch die Hamburger Wirtschaftspsychologin Grace Lugert-Jose bestĂ€tigen. Diese wurde auf den Philippinen geboren und lebt seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Ihre eigenen Erfahrungen nutzt sie, um KrankenhĂ€user und Pflegeeinrichtungen bei der Integration internationaler FachkrĂ€fte zu beraten. Im vergangenen Jahr befragte sie mehr als 100 philippinische PflegekrĂ€fte ĂŒber die sozialen Medien, wie zufrieden diese mit ihrem Job sind. Viele erklĂ€rten ihr zufolge, dass sie sich nicht wertgeschĂ€tzt fĂŒhlten und ihnen die Anerkennung ihrer beruflichen Qualifikation fehlte.

Ohne dass sie danach gefragt habe, habe außerdem etwa ein FĂŒnftel berichtet, Diskriminierung und Rassismus erlebt zu haben, sagt Lugert-Jose. «Zum Beispiel Beleidigungen und herablassendes Verhalten, weil man eben noch nicht so perfekt Deutsch spricht.» Oft sorgten aber auch kulturelle Unterschiede fĂŒr MissverstĂ€ndnisse. Das sei inzwischen auch bei den Arbeitgebern angekommen, hat sie festgestellt. Integrationsbeauftragte und interkulturelles Training sollen beim Ankommen helfen und alte und neue BeschĂ€ftigte fĂŒr Unterschiede sensibilisieren.

Dass manche Betriebe schon eine Menge tun, bestĂ€tigt auch Alexander Kritikos vom Deutschen Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Dennoch mĂŒssten alle Unternehmen bereit sein, da mehr zu investieren. «Das beginnt mit trivialen Dingen wie Fahrgemeinschaften. Das kann das Eis brechen.»

Das allein reicht nach Ansicht von Wirtschaftsprofessorin Jutta Rump von der Hochschule fĂŒr Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen nicht. «Nichtsdestotrotz ist man an Weihnachten oder Geburtstagen doch wieder alleine.» Einsamkeit und Heimweh spielten eine große Rolle. FĂŒr die ersten Jahre brauche es deshalb nicht nur ein Begleitprogramm im Betrieb, sondern auch privat. «Die HĂŒrden abzubauen, dass die Leute bleiben, ist ein gesellschaftliches Thema. Das hat auch mit den Menschen im Umfeld zu tun.»

Gesellschaftliche Faktoren und Lebensbedingungen

Die Lebensbedingungen insgesamt in Deutschland seien ausschlaggebend, sagt BrĂŒcker. «EngpĂ€sse in der Kinderbetreuung treffen alle, aber Migranten mehr. Und sind unsere Schulen so inklusiv, dass Migrantenkinder gleiche Chancen haben?». Auch der soziale Wohnungsbau in den Ballungszentren mĂŒsse gestĂ€rkt werden. Denn wenn Migranten viel fĂŒr Wohnungen zahlten, werde der Lohnvorteil im Vergleich zu anderen LĂ€ndern verspielt. «Man muss bei allem, was man tut, Migration mitdenken», sagt BrĂŒcker.

All das lĂ€sst sich nicht auf die Schnelle Ă€ndern und kann nur dazu beitragen, dass auslĂ€ndische ArbeitskrĂ€fte hier lĂ€ngerfristig oder dauerhaft bleiben. Letztlich seien es ganz individuelle GrĂŒnde, wieso jemand gehe, gibt BrĂŒcker zu bedenken. Zum Beispiel eine andere Lebensplanung, enttĂ€uschte Erwartungen oder zu geringe Verdienste. «Wichtig ist, den Menschen die Möglichkeit und das GefĂŒhl zu geben, dass sie wiederkommen können, wenn es fĂŒr sie in Deutschland passende Jobs gibt», sagt DIW-Experte Kritikos.

Bei Raymund Guevara ist das jedenfalls nicht ausgeschlossen. «Deutschland ist ein wunderbares Land», sagt er. «Und wir vermissen unsere Freunde. Vielleicht kommen wir irgendwann zurĂŒck, wenn wir genug Geld gespart haben.»

@ dpa.de