Höhere, Ticketsteuer

Höhere Ticketsteuer belastet Urlauber und Tourismus-Branche

26.04.2024 - 10:29:43

Mit einer höheren Ticketsteuer will die Bundesregierung ab dem 1. Mai Milliardenlöcher im Haushalt stopfen. Das bleibt nicht ohne Folgen fĂŒr Branche und Urlauber.

Die Steuer auf Flugtickets von deutschen Abflugorten steigt zum 1. Mai erneut. Das hat Folgen fĂŒr Urlauberinnen und Urlauber. Zugleich befĂŒrchten Reiseveranstalter und Airlines Belastungen in Millionenhöhe und langfristige Probleme durch die Entscheidung der Ampel-Koalition. Die Steueranhebung ist Teil des Maßnahmenpakets, mit dem die Bundesregierung nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts Milliardenlöcher im Haushalt stopfen will.

Werden Pauschalreisen und Flugtickets kĂŒnftig teurer?

Wahrscheinlich, denn grundsĂ€tzlich mĂŒssen Wirtschaftsunternehmen wie Airlines oder Reiseanbieter immer versuchen, zusĂ€tzliche Kosten an ihre Kunden weiterzugeben. Steuern und Abgaben machen aber nur einen Teil des Preises einer Pauschalreise aus. Zu Buche schlagen vor allem die Kosten fĂŒr den Einkauf von Hotelkontingenten und FlugkapazitĂ€ten. Wie sich diese entwickeln hĂ€ngt auch von der allgemeinen Preisentwicklung im jeweiligen Urlaubsland ab. Bei den reinen Flugtickets wirkt sich die Konkurrenzsituation aus, die auf der jeweils gebuchten Strecke herrscht. Ist dort nur ein Anbieter unterwegs, werden die höheren Steuern voraussichtlich im vollen Umfang an die Kunden weitergegeben, was bei scharfer Konkurrenz nicht so einfach wĂ€re. 

Wie stark steigen die SteuersÀtze?

Die Erhöhung betrifft sĂ€mtliche PassagierflĂŒge, die von deutschen FlughĂ€fen abheben. Vom 1. Mai an liegen die SteuersĂ€tze je nach Endziel der Flugreise zwischen 15,53 und 70,83 Euro pro Ticket. Bislang waren in drei Entfernungsklassen zwischen 12,48 Euro und 56,91 Euro fĂ€llig. Die Steigerung zu den erst 2020 krĂ€ftig erhöhten SĂ€tzen betrĂ€gt zwischen 22,5 und 24,5 Prozent. Bei EuropaflĂŒgen ĂŒbertrifft der neue Steuersatz den historischen Tiefstand vom Jahresbeginn 2019 um mehr als das Doppelte. In der EU erheben nur 9 von 27 Mitgliedsstaaten eine Ticketsteuer. Die deutsche Abgabe gehört mit zu den höchsten. 

Welcher Steuersatz wird zu meinem Ziel fÀllig?

Die SteuersĂ€tze sind zwar grundsĂ€tzlich nach Entfernung gestaffelt, die tatsĂ€chliche Entfernung zwischen Start und Ziel spielt aber keine direkte Rolle. Stattdessen hat der Gesetzgeber in Anlagen zum Luftverkehrssteuergesetz LĂ€nder aufgelistet, fĂŒr die der jeweilige Satz gilt. In der niedrigsten Klasse mit 15,53 Euro sind alle europĂ€ischen Staaten enthalten einschließlich der TĂŒrkei und Russland sowie Algerien. Hier sind typische UrlaubsflĂŒge nach Mallorca ebenso abgedeckt wie ein GeschĂ€ftsflug nach London. 39,34 Euro werden fĂ€llig bei FlĂŒgen in viele afrikanische und asiatische LĂ€nder, die bis zu 6000 Kilometer entfernt sind. Typische Ziele sind hier beispielsweise Dubai, Tel Aviv oder Addis Abeba. FĂŒr noch lĂ€ngere FlĂŒge etwa nach China oder in die USA betrĂ€gt die Ticketsteuer dann 70,83 Euro.

Können Veranstalter und Airlines Steuern nachfordern? 

Das entsprechende Steuergesetz ist erst Ende MĂ€rz in Kraft getreten, also zu einem Zeitpunkt, zu dem bereits etliche Flugtickets und Pauschalreisen fĂŒr die Zeit nach dem 1. Mai verkauft waren, die nun unter den erhöhten Steuersatz fallen. Erst ab dem 28. MĂ€rz durften die Unternehmen die höheren Ticketsteuern in ihre Endpreise einberechnen. 

Bei Flugtickets sieht der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) dennoch keine rechtliche Grundlage fĂŒr Nachforderungen. Entsprechend hat beispielsweise die Lufthansa bei frĂŒhzeitig verkauften Tickets die erhöhte Steuer selbst getragen, wie eine Sprecherin versichert. Eine Summe wird nicht genannt. 

Anders sieht die Rechtslage fĂŒr Reiseveranstalter aus: Sie dĂŒrfen unter bestimmten Bedingungen die nachtrĂ€glich erhöhten Kosten an ihre Touristen weitergeben. «Der Vertrag muss das vorsehen und zugleich einen Hinweis darauf enthalten, dass auch umgekehrt der Reisende eine Senkung des Reisepreises verlangen kann, wenn beispielsweise der Kerosinpreis sinkt», erlĂ€utert Felix Methmann vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Erhöhungen nach Vertragsabschluss seien unter diesen Voraussetzungen möglich bei höheren Treibstoffkosten, Erhöhung von Steuern und sonstigen Abgaben fĂŒr vereinbarte Reiseleistungen oder Änderung der fĂŒr die Pauschalreise geltenden Wechselkurse. Der Veranstalter mĂŒsse die Berechnung der Preiserhöhung offenlegen und die Urlauber spĂ€testens 20 Tage vor Reisebeginn darĂŒber informieren. Veranstalter wie Branchenprimus Tui und DER Touristik haben rĂŒckwirkende Preiserhöhungen ausgeschlossen.

Haben die Veranstalter ihre Kunden zur Kasse gebeten?

Die Veranstalter haben die Mehrkosten selbst getragen, sagt der PrĂ€sident des Deutschen Reiseverbands (DRV), Norbert Fiebig. «Die sehr kurzfristige Erhöhung der Ticketsteuer bereits zum 1. Mai und damit noch vor Beginn der Hauptreisezeit fĂŒhrt nach unseren Berechnungen zu einer Mehrbelastung bei den Reiseveranstaltern von rund 21 Millionen Euro», sagt Fiebig. «Diese zusĂ€tzlichen Kosten können nicht auf die Reisenden umgelegt werden, da eine nachtrĂ€gliche Erhöhung der Reisepreise bei Pauschalreisen de facto nicht möglich ist», meint er mit Blick auf die damit verbundenen Bedingungen. 

Welche langfristigen Folgen befĂŒrchten die Touristiker? 

Fiebig kritisiert, dass Reisen durch Entscheidungen der Politik immer teurer werde. So könnten ab kommendem Jahr beispielsweise die LuftsicherheitsgebĂŒhren um 50 Prozent angehoben werden. «Der Urlaub musste durch Inflation und gestiegene Energiekosten ohnehin schon Preissteigerungen hinnehmen und zusĂ€tzlich verteuern auch die politischen EntscheidungstrĂ€ger das Reisen immer weiter.»

Wie viel bringt die Steuererhöhung dem Staat?

Die 2011 von der schwarz-gelben Regierung eingefĂŒhrte Ticketsteuer brachte im Jahr 2022 knapp 1,2 Milliarden Euro Einnahmen fĂŒr den Staat ein. In diesem Jahr sollen durch die höhere Ticketsteuer rund 400 Millionen Euro mehr Steuern in die Staatskasse fließen. FĂŒr die Folgejahre rechnet die Regierung mit Mehreinnahmen von 580 Millionen Euro.

Welche lÀngerfristigen Folgen drohen im Luftverkehr?

In den vergangenen Jahren wurde nicht nur die Luftverkehrsteuer mehrfach erhöht. Gleichzeitig stiegen die Kosten fĂŒr die Passagier- und GepĂ€ckkontrollen, fĂŒr die Leistungen der Fluglotsen auf der Strecke wie beim Starten und Landen und fĂŒr die Abfertigung an den FlughĂ€fen. Beim Start eines Mittelstreckenjets vom Typ Airbus A320 werden an deutschen FlughĂ€fen rund 4000 Euro staatliche Abgaben fĂ€llig, klagt die Lufthansa in ihrem jĂŒngsten Politikbrief. Der gleiche Start in Madrid oder Barcelona werde hingegen nur mit 600 Euro belastet. 

Dass Deutschland ein teures Pflaster fĂŒr PassagierflĂŒge geworden ist, hat den BranchenverbĂ€nden zufolge auch langfristige Auswirkungen. WĂ€hrend das Sitzplatzangebot hierzulande erst rund 80 Prozent des Vor-Corona-Niveaus erreicht, wird in den meisten anderen europĂ€ischen LĂ€ndern lĂ€ngst wieder so viel geflogen wie vor der Pandemie. 

Billiggesellschaften wie Ryanair, Easyjet oder Wizz Air setzen ihre Flugzeuge in MĂ€rkten mit geringeren Eingangskosten ein, weil sie dort einfacher ihre Gewinnschwelle erreichen. Ihr Angebot von FlĂŒgen mit billigen Tickets wĂ€chst in Italien, Spanien oder Polen, wĂ€hrend es fĂŒr die Konsumenten in Deutschland schon deutlich geschrumpft ist. Eine Umkehr könne es nur geben, wenn die Kosten an den deutschen FlughĂ€fen sinken, hat Ryanairs Marketing-Chef Dara Brady erst kĂŒrzlich wieder erklĂ€rt. 

@ dpa.de