Weltwirtschaft stabilisiert sich auf niedrigem Niveau
11.06.2024 - 15:51:31Die Weltwirtschaft stabilisiert sich einer Prognose der Weltbank zufolge trotz geopolitischer Spannungen und hoher Zinsen erstmals seit drei Jahren wieder - allerdings auf niedrigem Niveau. Wie im vergangenen Jahr werde die Weltwirtschaft in diesem Jahr um 2,6 Prozent wachsen, teilte die Weltbank in Washington mit. Damit hob sie Prognose fĂŒr 2024 im Vergleich zum Januar leicht an (plus 0,2 Prozentpunkte).
Dass sich die Weltwirtschaft schneller als erwartet stabilisiere und die Inflation zurĂŒckgehe, sei ein gutes Zeichen, sagte Chefökonom Indermit Gill. Weniger positiv sei allerdings, dass das durchschnittliche Wachstum im Prognosezeitraum rund einen halben Prozentpunkt niedriger als im Jahrzehnt vor der Coronapandemie sei. Eine schlechte Nachricht sei auch, dass die Ă€rmsten LĂ€nder der Welt weiter wirtschaftlich besonders schlecht dastĂŒnden.
Vorsichtig optimistische Prognose
FĂŒr die Jahre 2025 und 2026 sagt die Weltbank ein Wirtschaftswachstum um 2,7 Prozent voraus. Die Weltwirtschaft scheine sich endgĂŒltig auf eine sogenannte sanfte Landung einzustellen, heiĂt es in dem Bericht. Das bedeutet weniger Inflation, ohne dass es zu einer Rezession und hoher Arbeitslosigkeit kommt. Doch mehr als vier Jahre nach dem Beginn der Pandemie und den nachfolgenden globalen Schocks sei klar, dass die Welt - und insbesondere die EntwicklungslĂ€nder - noch keinen verlĂ€sslichen Weg zum Wohlstand gefunden hĂ€tten, warnt die Weltbank.
TrĂŒbe Aussichten fĂŒr Ă€rmere LĂ€nder
«FĂŒr die kleinsten und Ă€rmsten Volkswirtschaften sieht es weder in Bezug auf StabilitĂ€t noch in Bezug auf Wachstum gut aus», sagt Chefökonom Gill. Sie litten unter einer hohen Verschuldung und Klimakatastrophen. Die Weltbank mahnt, dass am Ende dieses Jahres jedes vierte Entwicklungsland Ă€rmer sein werde als am Vorabend der Pandemie. Bis 2026 werden die LĂ€nder, in denen mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung leben, der Prognose zufolge im Durchschnitt immer noch langsamer wachsen als in den zehn Jahren vor der Coronapandemie. Die Weltbank geht davon aus, dass viele EntwicklungslĂ€nder ihren RĂŒckstand gegenĂŒber den Industrienationen in naher Zukunft nicht aufholen werden.
USA sind stark, Europa gewinnt wieder an StÀrke
Anders sieht es in den USA aus. Der Weltbank zufolge handelt es sich bei der Konjunkturentwicklung in der gröĂten Volkswirtschaft der Welt um einen «bemerkenswerten Lichtblick». Die US-Wirtschaft habe eine beeindruckende WiderstandsfĂ€higkeit bewiesen. «Das Wachstum ist trotz der hĂ€rtesten geldpolitischen Straffung seit vier Jahrzehnten krĂ€ftig geblieben», so die Weltbank. Die Dynamik in den USA sei ein Grund dafĂŒr, dass die Weltwirtschaft in den kommenden zwei Jahren ein gewisses AufwĂ€rtspotenzial habe.
FĂŒr Europa zieht die Weltbank eine gemischte Bilanz. Nachdem sich das Wachstum im Jahr 2023 im Euroraum deutlich verlangsamt hatte, prognostiziert die Weltbank fĂŒr 2024 ein Wachstum von 0,7 Prozent (Januar: 0,7 Prozent) und fĂŒr das kommende Jahr 1,4 Prozent (Januar: 1,6 Prozent). Das Wachstum scheine die Talsohle durchschritten zu haben, wenn auch mit deutlichen Unterschieden zwischen einzelnen Sektoren und MitgliedslĂ€ndern, heiĂt es in dem Bericht. Die Dienstleistungskonjunktur deute auf eine beginnende Verbesserung hin. Diese werde jedoch durch eine schwĂ€cher als erwartet ausgefallene Industriekonjunktur ausgeglichen - besonders im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland.
Wachstum in Russland verlangsamt sich
Wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine belegte der Westen Russland mit weitreichenden Sanktionen - die dortige Konjunktur erwies sich dennoch als widerstandsfĂ€hig. Das lag der Weltbank zufolge an der hochgefahrenen Kriegswirtschaft, Subventionen und der privaten Nachfrage, die stĂ€rker ausgefallen sei als erwartet. FĂŒr 2024 prognostiziert die Weltbank ein Wirtschaftswachstum von 2,9 Prozent (Januar: 1,3 Prozent), fĂŒr das kommende Jahr werden 1,4 Prozent (Januar: 0,9 Prozent) geschĂ€tzt. Die MilitĂ€rproduktion habe weiter positive Effekte, die private Nachfrage dĂŒrfte allerdings zurĂŒckgehen. Die Weltbank betont, dass vor allem Russlands Handelsbeziehungen mit China gewachsen seien.
Weltbank sieht Risiken
Die Weltbank blickt mit Sorge in den Nahen Osten und die Ukraine. Konfliktbedingte Unterbrechungen der Ăllieferungen aus dem Nahen Osten könnten zu betrĂ€chtlichen Ălpreiserhöhungen fĂŒhren, warnt der Bericht. Im schlimmsten Fall könnte das die Fortschritte im Kampf gegen die hohe Inflation blockieren. Auch der russische Angriffskrieg in der Ukraine berge Unsicherheiten fĂŒr die RohstoffmĂ€rkte - besonders mit Blick Ăl und Getreide.
Die weltweite Inflation wird der Prognose zufolge in diesem Jahr voraussichtlich im Schnitt bei 3,5 Prozent liegen, im kommenden Jahr bei 2,9 Prozent. Das sei eine langsamere AbschwĂ€chung als erwartet. Die Weltbank geht davon aus, dass die Zentralbanken angesichts des anhaltenden Inflationsdrucks bei der Lockerung der Geldpolitik zurĂŒckhaltend bleiben. Die Expertinnen und Experten schĂ€tzen, dass die durchschnittlichen Leitzinsen in den kommenden Jahren etwa doppelt so hoch sein werden wie im Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2019.
Zuletzt hatte die EuropĂ€ische Zentralbank EZB die Zinsen um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Am Mittwoch wird die US-Notenbank Fed ĂŒber ihre weitere Geldpolitik entscheiden. Beobachter gehen davon aus, dass die Fed den Leitzins auf hohem Niveau belassen wird.


