Wirecard-Prozess, Richter

Wirecard-Prozess: Richter glaubt drittem Angeklagten nicht

22.07.2024 - 13:20:02

Im Wirecard-Prozess kommt ein RÀtsel ans Licht: Der Konzern veröffentlichte Quartalsberichte, bevor die drei wichtigsten Partnerfirmen GeschÀftszahlen lieferten. Wie konnte das sein?

Im Wirecard-Prozess ist der frĂŒhere Chefbuchhalter des Konzerns in ErklĂ€rungsnot geraten. Der Vorsitzende Richter Markus Födisch konfrontierte den Angeklagten E. am Montag mit massiven Ungereimtheiten bei der Aufstellung der Wirecard-GeschĂ€ftszahlen: Demnach veröffentlichte der Konzern in den Jahren vor der Milliardenpleite 2020 sehr hĂ€ufig vorlĂ€ufige Ergebnisse, bevor die drei wichtigsten Partnerfirmen ihre jeweiligen GeschĂ€ftszahlen ĂŒberhaupt vollstĂ€ndig abgeliefert hatten. «Das ist der zentrale Punkt», sagte Födisch am Montag zu dem 49-JĂ€hrigen, der ehedem fĂŒr die Zusammenstellung der Bilanzzahlen maßgeblich verantwortlich war. 

Födisch legte E. im Gerichtssaal eine umfangreiche Auswertung der Staatsanwaltschaft vor. Ein Beispiel: Wirecard veröffentlichte am 26. Oktober 2016 den vorlĂ€ufigen GeschĂ€ftsbericht fĂŒr das dritte Quartal jenes Jahres. Doch die drei Partnerfirmen Senjo, Al Alam und Payeasy ĂŒbermittelten ihre jeweiligen GeschĂ€ftszahlen per Mail erst im November. Diese VerspĂ€tung war demnach kein Einzel-, sondern quasi Normalfall, wie der Tabelle der Ermittler zu entnehmen. 

Richter nimmt Ungereimtheiten in den Blick

Die drei Unternehmen wickelten im Wirecard-Auftrag Kreditkartenzahlungen im Mittleren Osten und SĂŒdostasien ab. Laut Anklage existierte dieses sogenannte TPA-GeschĂ€ft gar nicht, die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass UmsĂ€tze und Gewinne erfunden waren. «Ohne TPA-Zahlen war es nicht möglich, die vorlĂ€ufigen Berichte zu machen», sagte der Vorsitzende Richter zum Angeklagten. «Es passt nicht zu dem, was Sie uns sagen.»

Einige Daten nicht mehr nachprĂŒfbar

Der frĂŒhere Chefbuchhalter hatte vergangene Woche sein ĂŒber eineinhalbjĂ€hriges Schweigen in dem Prozess gebrochen und umfangreich zur Anklage Stellung genommen, nicht jedoch das von der Kammer angemahnte umfassende GestĂ€ndnis abgeliefert. Sein Verteidiger betonte, dass die drei Partnerfirmen sehr wohl Zahlen geliefert hĂ€tten. Doch seien diese teilweise ĂŒber Screenshots gekommen, die der Mitangeklagte und als Kronzeuge auftretende Manager Oliver Bellenhaus aus Dubai per Mobiltelefon ĂŒber den Chatdienst Telegram geschickt habe - Daten, die heute verloren und damit nicht mehr nachprĂŒfbar sind. «FĂŒr die endgĂŒltigen Zahlen lagen alle Abrechnungen immer vor», betonte der Anwalt. 

Bellenhaus hat die AnklagevorwĂŒrfe weitestgehend eingerĂ€umt, der frĂŒhere Vorstandschef Markus Braun hingegen mehrfach vollstĂ€ndig zurĂŒckgewiesen. Der frĂŒhere Chefbuchhalter hat wie auch Braun seinerseits Bellenhaus der Falschaussage beschuldigt. Der im Dezember 2022 eröffnete MĂŒnchner Mammutprozess geht nun fĂŒr knapp vier Wochen in die Sommerpause. 

@ dpa.de