Immobilienkrise, Evergrande

Chinas Wirtschaft schwĂ€chelt: «Es wird kein ZurĂŒck geben»

28.08.2023 - 08:30:19

Immobilienkrise, Jugendarbeitslosigkeit, schwache Exporte: Chinas Wirtschaft steht unter Druck. Doch mit großen Rettungspaketen wie in der Vergangenheit hĂ€lt sich Peking zurĂŒck. Was steckt dahinter?

Haoyang hat alles versucht. Der 24-JĂ€hrige hat einen Master in Marketing von einer renommierten chinesischen UniversitĂ€t in der Tasche. Auch mehrere Praktika hat er hinter sich. Doch einen passenden Job hat er auch nach mehr als einem halben Jahr Suche nicht gefunden. «Niemand stellt ein», sagt Haoyang, der nun ĂŒberlegt, einfach wieder an die Uni zu gehen und vielleicht noch zu promovieren.

Ähnlich geht es derzeit vielen Chinesen. Sie spĂŒren, dass sich etwas verĂ€ndert. Die Zeiten des ungebremsten Wachstums sind schon etwas lĂ€nger vorbei. Doch die Pandemie, auf die China mit schĂ€rferen Restriktionen reagierte als jedes andere Land, hat den wirtschaftlichen Druck fĂŒr viele noch einmal erhöht. Statt jedes Jahr ein bisschen wohlhabender zu werden, wie es die Kommunistische Partei dem Volk fĂŒr den Verzicht auf politische Einmischung versprochen hat, muss der GĂŒrtel enger geschnallt werden.

Deutsche Unternehmen spĂŒren die Krise

Das bekommen auch deutsche Unternehmen zu spĂŒren. «Der PandemiebekĂ€mpfung wurde vieles untergeordnet und strukturelle Probleme nicht angegangen», sagte Jens Hildebrandt, geschĂ€ftsfĂŒhrendes Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer (AHK) in Peking. Dies zeige sich nun in einer Vertrauenskrise, geringem Wachstum und hoher Jugendarbeitslosigkeit. «FĂŒr chinesische VerhĂ€ltnisse steht die Wirtschaft still. Es wird kein ZurĂŒck zum China von vor fĂŒnf oder zehn Jahren geben», sagt Hildebrandt.

FĂŒr Unruhe sorgt derzeit vor allem, dass Peking die Immobilienkrise nicht in den Griff zu bekommen scheint. Viele Immobilienentwickler, die sich auf der Jagd nach immer mehr Profit hoch verschuldet und oft am Bedarf vorbei gebaut haben, wissen nicht mehr, wie sie das geliehene Geld zurĂŒckzahlen sollen. Allein Evergrande, der grĂ¶ĂŸte Entwickler des Landes, hat Schulden von ĂŒber 300 Milliarden Dollar angehĂ€uft. Erstmals seit 17 Monaten wurde die Aktie von Evergrande am Montag wieder gehandelt, der Kurs sauste um mehr als 80 Prozent nach unten. Zuletzt geriet mit Country Garden ein weiterer Immobilienriese wegen seiner Probleme in die Schlagzeilen. In vielen StĂ€dten sinken die Immobilienpreise.

Menschen verunsichert wegen Krise am Immobilienmarkt

Der Trend dĂŒrfte vorerst anhalten. «Die Regierung versucht seit Jahren, die im Immobiliensektor schlummernden Risiken kontrolliert aufzulösen», erklĂ€rt Ökonom Max Zenglein vom China-Instiut Merics in Berlin: «Der Immobiliensektor wird derzeit gesundgeschrumpft, mit schmerzhaften Konsequenzen fĂŒr das Wirtschaftswachstum».

In vielen Familien macht sich Verunsicherung breit, weil der Wert ihrer Eigentumswohnungen sinkt. Das macht sich auch an der Ladenkasse bemerkbar. Die Nachfrage der chinesischen Konsumenten ist so schwach, dass sich die HĂ€ndler nur noch mit hohen Rabatten zu helfen wissen. Inzwischen ist die Wirtschaft offiziell in die Deflation gerutscht.

Probleme auch beim Außenhandel

«Die Jahre der Pandemie sowie das harte regulatorische Vorgehen der Regierung etwa im Tech- oder Immobiliensektor, aber auch die geopolitischen Risiken, haben die wirtschaftlichen Aussichten der Bevölkerung getrĂŒbt», sagt Zenglein. US-PrĂ€sident Joe Biden spricht im Hinblick auf China gar von einer «tickenden Zeitbombe».

Nicht nur der Binnenkonsum und der Immobilienmarkt machen Probleme. Auch der Außenhandel, das dritte wichtige Standbein der Wirtschaft, ist eingebrochen. WĂ€hrend die Exporte im Juli im Jahresvergleich um 14,5 Prozent zurĂŒckgingen, sanken die Importe um 12,4 Prozent. Insgesamt wuchs die chinesische Wirtschaft zuletzt nur noch um 0,8 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal des Jahres.

Regierung hĂ€lt sich mit Hilfe zurĂŒck

Dennoch hĂ€lt sich Peking mit weitreichenden Maßnahmen zur Ankurbelung des Wachstums zurĂŒck. Eher vage stellt das PolitbĂŒro neue Hilfen fĂŒr den Immobiliensektor und zur Ankurbelung des Konsums in Aussicht. Zudem hat die Zentralbank seit Mitte Juni bereits zweimal die Zinsen gesenkt. Am Montag wurden der Aktienhandel etwas angeregt durch eine Senkung der Börsenumsatzsteuer, und unprofitable Unternehmen sollen schwerer an frisches Geld kommen.

Der Verzicht auf weitreichende Maßnahmen deute auf klamme Kassen hin, glaubt Hildebrandt von der Pekinger Handelskammer: «Nach vielen Jahren der Infrastrukturförderung hat es sich aus-stimuliert.» Ökonom Zenglein sieht darin aber auch eine positive Entwicklung: Letztlich sei es eine gute Entscheidung, ein geringeres Wachstum in Kauf zu nehmen und dafĂŒr zu versuchen, die Risiken im Finanzsystem einzudĂ€mmen.

Unliebsame Wirtschaftsdaten werden zensiert

FĂŒr Arbeitssuchende wie Haoyang bringt das allerdings erst einmal nichts. Mehr als jeder fĂŒnfte Chinese unter 25 Jahren war im Juni arbeitslos. Wie viele es im Juli waren, lĂ€sst sich nur vermuten. Das Nationale Statistikamt teilte mit, dass die entsprechenden Daten vorerst nicht mehr veröffentlicht werden.

Nicht nur die Probleme auf dem Arbeitsmarkt versucht Peking nach KrÀften zu verschleiern. Mit Zensur und Propaganda wird versucht, ein möglichst positives Bild der Wirtschaftslage zu zeichnen. «Das Zudrehen des Informationshahns wird dem gestörten Vertrauensklima kaum zutrÀglich sein. Transparenz ist jetzt mehr denn je notwendig», meint Kammer-Chef Hildebrandt.

@ dpa.de