ROUNDUP, Referendum

Referendum in Moldau: EU-Kurs mit Mehrheit knapp angenommen

21.10.2024 - 15:59:11

In der Ex-Sowjetrepublik Moldau hat die Bevölkerung bei einem Referendum mit hauchdĂŒnner Mehrheit fĂŒr die Verankerung des EU-Kurses in der Verfassung gestimmt.

Nach AuszĂ€hlung fast aller Wahlzettel (99,7 Prozent) stimmten laut Wahlkommission 50,46 Prozent der Teilnehmer fĂŒr die Änderung der Verfassung, in der ein proeuropĂ€ischer Kurs unabĂ€nderlich als strategisches Ziel festgeschrieben werden soll.

Laut moldauischen Medien stimmten die Menschen in der Mehrheit der Regionen im Land gegen die VerfassungsÀnderung. Den Ausschlag in die andere Richtung gaben die Hunderttausende Moldauer, die im Ausland leben - vor allem in der EU. Die prowestliche Staatschefin Maia Sandu dankte der Diaspora, die die Abstimmung gerettet habe.

Moldau mit 2,5 Millionen Einwohnern ist zwischen dem Westen und Russland traditionell hin- und hergerissen. Das verarmte Agrarland, gelegen zwischen EU- und Nato-Mitglied RumÀnien und der von Russland angegriffenen Ukraine, ist ein EU-Beitrittskandidat.

Die 52 Jahre alte Sandu, die auch die PrÀsidentenwahl im ersten Wahlgang gewann, hatte mit einem deutlich besseren Ergebnis gerechnet. Sie ging nach Meinung von Beobachtern nicht gestÀrkt aus dem Wahlsonntag hervor.

Das Referendum ist zwar gĂŒltig, muss aber durch das Verfassungsgericht bestĂ€tigt werden. Die Richter könnten es etwa wegen UnregelmĂ€ĂŸigkeiten noch kippen. Wenn sie es bestĂ€tigen, wird die Verfassung geĂ€ndert.

Sandu kam bei der zeitgleich abgehaltenen PrĂ€sidentenwahl unter den insgesamt elf Kandidaten zwar als erste durch Ziel, verfehlte aber die absolute Mehrheit und muss deshalb in zwei Wochen in eine Stichwahl. Sandu bat um die Stimmen jener WĂ€hler, die fĂŒr einen der vier anderen proeuropĂ€ischen Kandidaten gestimmt hĂ€tten.

Entscheidung ĂŒber PrĂ€sidentenamt am 3. November

Die Beteiligung an der Abstimmung ĂŒber das PrĂ€sidentenamt lag nach Angaben der Wahlkommission bei 51,68 Prozent. Nach AuszĂ€hlung von mehr als 99 Prozent der Wahlzettel kam Sandu auf rund 42,3 Prozent der Stimmen. Bei der zweiten Runde am 3. November wird der frĂŒhere Generalstaatsanwalt Alexandru Stoianoglo ihr Gegner sein. Er erhielt 26 Prozent der Stimmen und trat fĂŒr die traditionell starke Sozialistische Partei des prorussischen Ex-PrĂ€sidenten Igor Dodon an.

Prorussische WĂ€hlerbestechung aufgedeckt

Es gebe Beweise, dass 300.000 Stimmen gekauft worden seien, sagte Sandu bei einem nĂ€chtlichen Auftritt in der Hauptstadt Chisinau. Dutzende Millionen Euro seien von kriminellen Gruppierungen im Zusammenspiel mit auslĂ€ndischen MĂ€chten ausgegeben worden, um LĂŒgen und Propaganda zu verbreiten. "Wir haben es mit einem beispiellosen Angriff auf die Freiheit und die Demokratie in unserem Land zu tun", sagte Sandu.

Details nannte die Staatschefin nicht. Allerdings hatten moldauische SicherheitskrĂ€fte schon vor der Abstimmung WĂ€hlerbestechung und prorussische Desinformation aufgedeckt. Die Bundesregierung in Berlin verurteilte anhaltende Manipulations- und Einflussversuche. Russland fordere Beweise fĂŒr die von Sandu erhobenen schweren Anschuldigungen, sagte hingegen Kremlsprecher Dmitri Peskow.

Prorussische Einflussnahme

Als einflussreicher Akteur in der moldauischen Politik gilt neben Russland der ins Ausland geflĂŒchtete moskautreue Oligarch Ilan Shor. Er wurde in seiner Heimat wegen GeldwĂ€sche und Betrug in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft verurteilt und ist zur Fahndung ausgeschrieben. Russischen Staatsmedien zufolge warf Shor seiner Rivalin Sandu vor, bei der Wahl gescheitert zu sein - Moldau brauche die EU nicht.

Russland wirft der EuropĂ€ischen Union vor, mit Versprechen in Milliardenhöhe Einfluss auf die Abstimmung genommen zu haben. EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen hatte bei einem Besuch in Chisinau und einem Treffen mit Sandu kurz vor der Abstimmung 1,8 Milliarden Euro an Fördergeld in Aussicht gestellt. Die Finanzspritze soll erklĂ€rtermaßen vor allem das Wachstum ankurbeln, ArbeitsplĂ€tze schaffen sowie Dienstleistungen und Infrastruktur verbessern.

Kritik an Volksabstimmung und Sandus Politik

Auch am Wahlsonntag gab es teils scharfe Kritik daran, dass Sandu die PrĂ€sidentenwahl und das EU-Referendum miteinander verknĂŒpfte. Mehrere Politiker von Parteien aus dem russlandfreundlichen Lager boykottierten das Referendum und sprachen von einem rechtswidrigen Prozess. "Die GesprĂ€che mit der EuropĂ€ischen Union sollen fortgesetzt werden, doch die Entscheidung ĂŒber eine Mitgliedschaft in der EU sollten erst nach dem Abschluss dieser Verhandlungen getroffen werden, wenn alle Bedingungen klar sind", sagte Ex-PrĂ€sident Dodon. Erst dann sei ein Referendum möglich.

Das Bewerberfeld bei der PrĂ€sidentenwahl dĂŒrfte auch deshalb so groß gewesen sein, weil viele Menschen mit Sandus Politik unzufrieden sind. Sie sehen seit ihrer Wahl 2020 zu wenig Fortschritte - etwa im immer wieder proklamierten Kampf gegen Korruption. Weil sie einen Verzicht auf russisches Gas durchsetzte, stiegen die Energiepreise, was viele Verbraucher Ă€rgert.

Um Reformen umzusetzen, ist Sandu auf eine Mehrheit im Parlament angewiesen, die sie derzeit noch hat. Der politische Machtkampf in Moldau könnte seinen Höhepunkt bei der Parlamentswahl im kommenden Sommer erreichen. "FĂŒr eine starke, politikgestaltende Rolle als PrĂ€sidentin ist ein loyaler Premierminister und eine Mehrheit im Parlament notwendig", sagte Expertin Brigitta Triebel von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Chisinau der Deutschen Presse-Agentur. Sie erwartet nicht, dass Russlands versuchte Einflussnahme in Moldau nachlassen wird.

@ dpa.de