ROUNDUP, Harris

Harris wirbt in TV-Interview fĂŒr politischen Neuanfang

30.08.2024 - 08:48:59

In ihrem ersten TV-Interview seit ihrer Nominierung als Kandidatin der US-Demokraten hat Kamala Harris die Erfolge der Regierung von PrĂ€sident Joe Biden verteidigt und fĂŒr einen politischen Neuanfang geworben.

"Was das amerikanische Volk meiner Meinung nach verdient, ist ein neuer Weg nach vorn und eine Abkehr vom letzten Jahrzehnt", sagte die VizeprÀsidentin.

Das Interview war fĂŒr Harris eine BewĂ€hrungsprobe - die sie wohl bestanden hat: GrĂ¶ĂŸere Patzer blieben in dem rund halbstĂŒndigen GesprĂ€ch mit dem Sender CNN aus. Doch einige Chancen, zu punkten, verpasste die 59-JĂ€hrige. Ihr politischer Kontrahent bei der PrĂ€sidentenwahl am 5. November, der Republikaner Donald Trump, reagierte nach dem Interview auf seinem Sprachrohr Truth Social mit einem Wort in Großbuchstaben: "Langweilig."

Harris wirbt fĂŒr Meinungsvielfalt bei Entscheidungen

Harris kĂŒndigte an, bei einem Wahlsieg auch einen Republikaner in ihr Kabinett holen zu wollen. "Ich habe noch 68 Tage bis zur Wahl, also will ich das Pferd nicht von hinten aufzĂ€umen", sagte sie in dem gemeinsamen Interview mit ihrem Vize-Kandidaten Tim Walz.

Sie sei aber ĂŒberzeugt, dass es wichtig sei, dass bei den bedeutendsten Entscheidungen Leute mit am Tisch sitzen mĂŒssten, die andere Ansichten und andere Erfahrungen hĂ€tten, sagte Harris. "Und ich denke, dass es fĂŒr die amerikanische Öffentlichkeit von Vorteil wĂ€re, ein Mitglied meines Kabinetts zu haben, das Republikaner ist."

Einzelne Minister aus der anderen Partei hatte es in den USA auch in der Vergangenheit vereinzelt schon gegeben, etwa zeitweise unter den damaligen PrÀsidenten Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama.

Eine verpasste Chance

Das Interview wurde wĂ€hrend einer Wahlkampftour in der KĂŒstenstadt Savannah im Bundesstaat Georgia aufgezeichnet und einige Stunden spĂ€ter ausgestrahlt. Gleich bei der ersten Frage verpasste Harris die Gelegenheit fĂŒr einen starken Einstieg. Die Journalistin Dana Bash fragte Harris, was ihre PlĂ€ne fĂŒr den ersten Tag im Amt seien. Harris blieb in ihrer Antwort unkonkret und sagte, dass sie die Mittelschicht stĂ€rken wolle.

In dem GesprĂ€ch musste Harris auch erklĂ€ren, warum sie in manchen Bereichen eine Kehrtwende hingelegt habe - etwa beim Thema Fracking. Einst hatte sich Harris gegen die Erdgasgewinnung durch Fracking ausgesprochen, nun sagt sie: "Ich werde Fracking nicht verbieten." Es handelt sich dabei um eines der Themen, fĂŒr das sie von Trump immer wieder angegriffen wird - ebenso wie beim Thema Migration. Auch hier musste sich Harris in dem Interview fĂŒr ihre Leistung als US-Vize in dem Bereich verteidigen.

Harris: "NĂ€chste Frage bitte."

Aussagen Trumps ĂŒber ihre IdentitĂ€t als schwarze Amerikanerin bezeichnete Harris als "dieselbe alte, abgestandene Masche". - "NĂ€chste Frage, bitte." Harris ist die erste Frau, die erste Schwarze und die erste Amerikanerin mit asiatischen Wurzeln, die den Eid als US-VizeprĂ€sidentin abgelegt hat. Ihre Herkunft und ihr Geschlecht macht Harris im Wahlkampf so gut wie gar nicht zum Thema - dazu passt auch die knappe Antwort in dem Interview. Trump greift die Demokratin immer wieder sexistisch und rassistisch an.

Pfannkuchen, Speck und ein historischer RĂŒckzug

Seit dem Ausstieg Bidens aus dem Rennen ums Weiße Haus nach dessen katastrophaler TV-Debatte gegen Trump vor mehr als einem Monat setzte Harris auf choreografierte Auftritte und wich kritischen Fragen der Presse so gekonnt aus. Kritik an diesem Verhalten kam nicht nur vom 78-jĂ€hrigen Trump und dessen AnhĂ€ngern.

Harris blieb in dem CNN-Interview in vielen Bereichen unkonkret und wirkte stellenweise blass - gab aber zum Beispiel einen unterhaltsamen Einblick in den Tag, an dem sie von Bidens RĂŒckzug aus dem Rennen erfahren hat. "Meine Familie war bei uns zu Gast, einschließlich meiner kleinen Nichten, und es gab Pfannkuchen", sagte Harris. Ihre Nichten hĂ€tten sie gefragt: "Tantchen, kann ich mehr Speck haben?" Als sie mit ihrer Familie habe puzzeln wollen, habe plötzlich das Telefon geklingelt und Biden habe sie ĂŒber seine PlĂ€ne informiert.

Harris verteidigte Biden (81) in dem Interview erneut entschlossen. Sie pries sowohl seinen Charakter als auch die Erfolge der gemeinsamen Regierung an.

Harris geht mit Sender auf Nummer Sicher

Mit dem als liberal geltenden CNN entschied sich die WahlkĂ€mpferin fĂŒr einen Sender, der den Demokraten eher wohlgesonnen ist. Interviewt wurde Harris von Bash, die auch schon gemeinsam mit Jake Tapper das TV-Duell zwischen Biden und Trump im Juni moderiert hatte, und eine gestandene Politikjournalistin ist. Trump gibt hĂ€ufig Interviews - vorrangig allerdings Sendern wie Fox News, die eisern hinter ihm stehen. Dabei hat er es sich zur Angewohnheit gemacht, auf die ihm gestellten Fragen gar nicht wirklich zu antworten.

Harris' Vizekandidat Walz fiel - wie erwartet - in dem Interview eine eher untergeordnete Rolle zu. Der Gouverneur des Bundesstaats Minnesota sagte auf die Frage zu einer fehlerhaften Angabe zu seiner MilitÀrkarriere, dass seine Grammatik nicht immer "korrekt" sei. Der 60-jÀhrige Walz hat deutlich bessere Beliebtheitswerte als Trumps Running Mate J.D. Vance. Allerdings sind die Vizekandidaten bei US-PrÀsidentenwahlen in der Regel nicht der entscheidende Faktor bei der Stimmabgabe.

Knappes Rennen

Bei der Wahl lĂ€uft es auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Harris und Trump hinaus. Nach Bidens RĂŒckzug aus dem Wettbewerb haben sich die Umfragen fĂŒr die Demokraten zwar verbessert, ihr Vorsprung in den nationalen Umfragen liegt aber innerhalb der Fehlertoleranz und ist daher nur begrenzt aussagefĂ€hig. Entscheidend sind bei der PrĂ€sidentenwahl wegen des besonderen Wahlsystems ohnehin die sogenannten Swing States. In diesen Bundesstaaten steht nicht von vornherein fest, ob die Demokraten oder Republikaner gewinnen werden. Hier liegen Trump und Harris in Umfragen zum Teil fast gleichauf.

@ dpa.de