Frust, LĂŒcken

Frust ĂŒber LĂŒcken im Supermarktregal

24.11.2023 - 07:14:10

In vielen SupermĂ€rkten fehlen Produkte des tĂ€glichen Bedarfs. Die Ursache ist ein Tarifkonflikt. Wird er nicht gelöst, drohen weitere EngpĂ€sse - auch beim Einkauf fĂŒrs WeihnachtsmenĂŒ.

Die schwarz-weißen Zettel sind unĂŒbersehbar. Sie hĂ€ngen alle zwei Meter an den TĂŒren der großen KĂŒhlschrĂ€nke, die unter anderem mit Aufschnitt und KĂ€se gefĂŒllt sind. Auf den Ausdrucken steht: «Wichtige Info fĂŒr Kund:innen: Leider kann es aufgrund von Streiks in unseren Zentrallagern zu Fehlartikeln im Sortiment kommen.» Die Zettel hĂ€ngen in einem Rewe-Markt im nordrhein-westfĂ€lischen Hilden, sind so oder so Ă€hnlich jedoch zurzeit auch in anderen Teilen der Republik zu sehen.

Leere Regalmeter sind seit Monaten Alltag in deutschen SupermĂ€rkten. Die Auswirkungen von Streiks bei der Warenverteilung sind fĂŒr die Kunden vielerorts spĂŒrbar. Ursache sind die seit Monaten ergebnislosen und festgefahrenen Tarifverhandlungen zwischen Handel und der Gewerkschaft Verdi. Eine baldige Lösung ist jedoch nicht in Sicht. Kunden mĂŒssen beim Wocheneinkauf vermutlich noch lĂ€nger mit EinschrĂ€nkungen leben.

Wie schlimm ist die Situation? Nicht dramatisch, das ist die offizielle Kommunikation der Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels. Es gebe keine EngpĂ€sse, die Versorgung sei gesichert. Nur in EinzelfĂ€llen seien Produkte vorĂŒbergehend nicht verfĂŒgbar. FĂŒr die Verbraucher gebe es kaum Auswirkungen, so heißt es auf Nachfrage bei Rewe, Edeka & Co. Alles im Griff, so die Botschaft.

Aus Sicht des Handelsexperten Jörg Funder ist das Strategie. «Die Unternehmen wollen natĂŒrlich nicht zugeben, dass die Situation schwierig ist, alles andere wĂ€re ein Erfolg fĂŒr die Gewerkschaft», sagt er. Die Unternehmen wollten weder die andere Seite unnötig stark machen noch Kunden abschrecken, deshalb spiele man die Situation bewusst herunter. Martin Fassnacht, Handelsexperte von der Wirtschaftshochschule WHU, sagt: «Volle Regale wecken Kauflust und fĂŒhren zu mehr KĂ€ufen, leere sorgen bei den Kunden fĂŒr schlechte Stimmung, und es wird weniger gekauft.»

«Du weißt nie, was du morgen bekommst»

Welche Produkte sind besonders betroffen? WĂ€hrend die Zentralen von Rewe, Aldi & Co zu Detailfragen schweigen, sind die HĂ€ndler vor Ort auskunftsfreudiger. Die Auswirkungen des Streiks seien gravierend, es gebe große Probleme bei der Warenversorgung, sagt ein HĂ€ndler, der im Großraum Dortmund mehrere Filialen betreibt. Er will lieber nicht namentlich zitiert werden, weil er sonst Ärger mit seiner Regionalgesellschaft bekommen könnte.

Weil die Fahrer streiken, die die Waren zu seinen MĂ€rkten fahren, bucht er eine Spedition. Dadurch entstehen ihm zwar Extrakosten, aber immerhin bekommt er einen Großteil seiner Ware. Die Lage sei dennoch kritisch, die EngpĂ€sse teilweise Ă€hnlich wie in der Corona-Zeit. Vor allem bei gut laufenden Produkten liefen die Regale nach drei Tagen komplett leer.

Von Hinweiszetteln in seinen MĂ€rkten hĂ€lt er nichts. «Das sieht doch gruselig aus.» Mehr Waren bestellen und lagern kann er nicht. Seine KapazitĂ€ten und KĂŒhlflĂ€chen seien begrenzt, bei frischen Produkten ließen die Mindesthaltbarkeitsdaten es nicht zu. Deshalb ist er darauf angewiesen, dass neue Ware nachkommt. Eine Beilegung des Tarifstreits in diesem Jahr erwartet er nicht. «Wir werden noch eine Weile mit den LĂŒcken leben mĂŒssen.»

VerĂ€rgert ĂŒber die Situation ist auch ein anderer HĂ€ndler aus Nordrhein-Westfalen. Bei ihm sind es nicht die Fahrer, die streiken, sondern die Kommissionierer im Lager, die fĂŒr die Zusammenstellung der bestellten Waren zustĂ€ndig sind. Das hat bei ihm noch drastischere Folgen. HĂ€ufig erreichten nur 20 Rollcontainer pro Tag seinen Markt anstatt wie ĂŒblich 60. «Du weißt nie, was du morgen bekommst.»

Die Folge seien LĂŒcken im Regal, quer durchs ganze Sortiment. Er kann weder mehr bestellen, noch sich direkt von Herstellern beliefern lassen. Die Kunden hĂ€tten zwar VerstĂ€ndnis fĂŒr die Situation, aber trotzdem seien sie sauer, wenn sie ihr LieblingsmĂŒsli nicht bekĂ€men. Zettel hat er keine aufgehĂ€ngt in seinem Laden. Die erweckten den Eindruck, dass nur die Gewerkschaft schuld an der Situation sei. Das findet er nicht richtig. Angesprochen auf die Kommunikation der Konzerne des Lebensmitteleinzelhandels sagt er: «Die reden die Probleme klein.»

Welche Produkte sind betroffen?

Laut Experte Funder kommt es vor allem bei Produkten mit kurzer Lebensdauer wie Obst, GemĂŒse, Fleisch und TiefkĂŒhlwaren immer wieder zu EngpĂ€ssen. Gestreikt wird seit Monaten in unterschiedlichen Formen und je nach Bundesland in unterschiedlicher IntensitĂ€t. Mal dauerten die Streiks einige Stunden, mal zogen sie sich ĂŒber Tage hin. Betroffen sind vor allem Lager und Logistik, dadurch fehlen hĂ€ufig Kommissionierer und Fahrer. Verdi zufolge sind vor allem Nordrhein-Westfalen und Bayern betroffen. In NRW befinden sich seit vergangener Woche Lagerstandorte von Edeka und Rewe erneut im Streik.

Wie stark Kunden betroffen sind, hĂ€ngt laut Funder auch vom Wohnort ab. Im lĂ€ndlichen RĂ€umen und in kleineren MittelstĂ€dten, wo es oft nur kleine und mittelgroße Filialen mit weniger LagerflĂ€chen gebe, seien die LĂŒcken in den Regalen oft sichtbarer.

Verdi fordert mindestens 2,50 Euro mehr pro Stunde fĂŒr die 3,2 Millionen BeschĂ€ftigten im Einzelhandel und eine Laufzeit von einem Jahr. Die Arbeitgeberseite bietet eine Erhöhung um bis zu 1,78 Euro und eine InflationsausgleichsprĂ€mie in Höhe von 750 Euro - bei einer Laufzeit von zwei Jahren. Seit Mai verliefen gut 60 regionale Verhandlungstermine erfolglos. Zuletzt hatten die Arbeitgeber die Verhandlungen abgesagt.

Am Donnerstag trafen sich der Handelsverband Deutschland (HDE) und die Gewerkschaft Verdi in Berlin zum SpitzengesprĂ€ch und einigten sich auf das weitere Vorgehen. Die Verhandlungen auf Landesebene sollen nun wieder aufgenommen werden. Kommt es nicht bald zu einer Einigung, drohen sogar verschĂ€rfte Streiks. Die wĂ€ren vor allem fĂŒr Verbraucherinnen und Verbraucher schmerzhaft spĂŒrbar. «Zu Weihnachten kommt die Familie zusammen und will sich etwas gönnen, zum Beispiel einen guten Braten. Der Kunde hat kein VerstĂ€ndnis dafĂŒr, wenn der nicht verfĂŒgbar ist», sagt Handelsexperte Fassnacht.

@ dpa.de