Industriepolitik: Reiche setzt auf Made with Europe statt EU-Abschottung
20.06.2026 - 19:27:18 | boerse-global.de
Bei Gesprächen in Ankara Mitte Juni warb sie für einen Industriepolitik-Ansatz unter dem Motto „Made with Europe“. Das Modell soll eine Alternative zum geplanten „Industrial Accelerator Act“ (IAA) der EU-Kommission sein.
Streit um Wertschöpfungsquoten
Der IAA-Entwurf von EU-Industriekommissar Stéphane Séjourné sieht strenge Regeln vor. Für Schlüsselindustrien wie die Elektromobilität wären feste Quoten Pflicht. Konkret: Rund 70 Prozent der Bauteile eines EU-Elektroautos müssten aus den 27 Mitgliedstaaten kommen – die Batterie ausgenommen.
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Europäische Autobauer wie Volkswagen, Renault und Stellantis fordern einfache „Made in Europe“-Regeln. Die deutsche Industrie sieht die Pläne kritisch. Reiche betonte in Ankara: Eine exklusive „Made in EU“-Regelung gefährde Lieferketten und schrecke wichtige Partner ab.
TĂĽrkei warnt vor Abschottung
Der türkische Handelsminister Ömer Bolat schlug beim JETCO-Treffen deutliche Töne an. Ein Ausschluss aus den neuen Industriestandards würde die Zusammenarbeit massiv beschädigen. Die Warnung hat Gewicht: Über 800 deutsche Unternehmen produzieren in der Türkei, insgesamt sind mehr als 8.600 Firmen mit deutscher Beteiligung aktiv.
Das Handelsvolumen liegt bei über 50 Milliarden US-Dollar. Beide Seiten wollen die Zollunion von 1995 modernisieren. Auch die Visa-Ablehnungsquote für türkische Staatsbürger ist gesunken – ein Zeichen für bessere Beziehungen.
Energiepartnerschaft wird ausgebaut
Die Rohstoffversorgung stand ebenfalls auf der Agenda. Beim 7. Türkisch-Deutschen Energieforum vereinbarten die Minister eine Erweiterung der Energiepartnerschaft auf kritische Mineralien. Die Türkei gewinnt als Transitland an Bedeutung – etwa zehn Prozent der europäischen Gasimporte deckt das Land bereits ab.
Bis 2035 plant die Türkei Investitionen von über 80 Milliarden US-Dollar in die Energiewende. Deutsche Unternehmen sollen sich verstärkt an den Infrastrukturprojekten beteiligen.
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Europa sucht den Ausweg aus der Abhängigkeit
Die IAA-Debatte ist Teil einer größeren Strategie. Die EU will ihre Abhängigkeit von China reduzieren. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kritisierte nach dem EU-Gipfel am 20. Juni: Unternehmen bauen Risiken in Lieferketten noch zu langsam ab. Besonders bei Seltenen Erden und kritischen Rohstoffen – China hatte schon im Frühjahr 2025 Exportbeschränkungen verhängt.
Das EU-Handelsdefizit mit China lag 2025 bei 360 Milliarden Euro. Erstmals verzeichneten alle Mitgliedstaaten ein Defizit. Ifo-Präsident Clemens Fuest warnte zudem vor einer zu starken Dominanz von US-KI-Anbietern. Die USA hatten den Zugang zu fortschrittlichen KI-Modellen für ausländische Akteure eingeschränkt. Fuest fordert einen massiven Ausbau europäischer Rechenzentren und Energiekapazitäten.
