Deutschland, Indiens

Warum Deutschland auf Indiens FachkrÀfte setzt

03.05.2024 - 08:15:16

Jede sechste Person der Welt kommt aus Indien. Und die Bundesregierung will, dass deutlich mehr von ihnen in Deutschland arbeiten. Viele Inderinnen und Inder wollen das auch. Woran hapert es?

Wie ein Headhunter hat Kanzler Olaf Scholz (SPD) zuletzt in Indien fĂŒr Deutschland geworben. In einem CafĂ© im sĂŒdlichen Bengaluru tauschte er sich mit einem Hochbauingenieur, zwei Maurern und einer Krankenschwester aus, die bald in die Bundesrepublik auswandern wollen - und Scholz versprach bĂŒrokratische HĂŒrden fĂŒr indische Spezialistinnen und Spezialisten abzubauen. Die Bundesregierung sieht in dem Subkontinent ein großes Potenzial, um den FachkrĂ€ftemangel zu bekĂ€mpfen. Immerhin ist Indien die bevölkerungsreichste Nation der Welt mit 1,4 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohnern - und ein Auswanderungsland par excellence mit Hunderttausenden Studierenden und FachkrĂ€ften, die jedes Jahr ihr GlĂŒck im Ausland suchen.

Ganz neu ist das deutsche Interesse an indischen ArbeitskrĂ€ften zwar nicht - frĂŒher jedoch tat man sich schwerer damit. Bereits Scholz-Vor-VorgĂ€nger Gerhard Schröder wollte mit einer Green-Card-Initiative vor allem Techniker ins Land holen. Aus der CDU gab es krĂ€ftigen Gegenwind, spĂ€ter reduziert auf den Slogan: «Kinder statt Inder». Richtig in Gang kam die Migration indischer FachkrĂ€fte nicht.

Inzwischen gibt es ein FachkrĂ€fteeinwanderungsgesetz sowie ein MobilitĂ€tsabkommen mit Indien, das die Zuwanderung vereinfachen soll. Und dieses praktisch einhellige deutsche Interesse stĂ¶ĂŸt auf Gegenliebe. Die Zahl sozialversicherungspflichtig BeschĂ€ftigter aus dem Land hat sich in den vergangenen drei Jahren fast verdoppelt - auf 129 000. Verglichen mit ZuwanderungslĂ€ndern wie der TĂŒrkei oder RumĂ€nien ist das noch immer wenig, aber die Zahl steigt rasant. Und aus keinem anderen Land kommen heute mehr auslĂ€ndische Studierende als aus Indien.

Darum wollen FachkrÀfte nach Deutschland

Scholz wollte bei dem FachkrĂ€ftetreffen im CafĂ© wissen, warum sie sich fĂŒr die Bundesrepublik entscheiden. Die Krankenschwester Janeeta Jacob, die dort war, sagt, sie habe ihm dies geantwortet: «In Indien haben wir viel Stress und wenig Gehalt, aber in Deutschland haben wir wenig Stress und viel Gehalt.» Zudem hofft die 32-JĂ€hrige auch fĂŒr ihre beiden Söhne auf eine bessere Work-Life-Balance in ihrer neuen Heimat. Die langfristige Perspektive, sich nach einigen Jahren dauerhaft niederlassen zu können, sei fĂŒr indische Zuwanderinnen und Zuwanderer beliebt, betont auch FachkrĂ€fteexpertin Denise Eichhorn von der Deutsch-Indischen Handelskammer in Mumbai. «Auch, dass Ehepartner ohne Probleme einer Anstellung nachgehen können, macht Deutschland attraktiver als traditionelle MigrationslĂ€nder von Indien.»

Gleichwohl ist die Bundesrepublik bei Menschen aus der ehemaligen britischen Kolonie bei Weitem nicht die beliebteste Destination. Viel hĂ€ufiger zieht es sie in LĂ€nder, in denen man mit Englisch gut zurechtkommt. In den USA etwa leben Millionen von ihnen, darunter Silicon-Valley-Chefs wie Sundar Pichai von Google sowie Satya Nadella von Microsoft. Bei der Bundesagentur fĂŒr Arbeit erklĂ€rt die zustĂ€ndige VorstĂ€ndin Vanessa Ahuja: «Langwierige Anerkennungsverfahren, die schleppende Digitalisierung und hohe Sprachanforderungen machen Deutschland nicht immer zur ersten Wahl.»

Auch fĂŒr Krankenschwester Janeeta Jacob sei ihr erstes halbes Jahr im bayrischen Bad Heilbrunn nicht ganz einfach gewesen. «Ich habe etwas Heimweh, weil ich meinen Mann und die Kinder vermisse», sagt sie. Sie habe erst kĂŒrzlich einen Antrag stellen können, dass ihre Familie zu ihr ziehen kann - nachdem sie eine AnerkennungsprĂŒfung abgelegt und ihr Mann ein Zertifikat ĂŒber deutsche Sprachkenntnisse vorgelegt habe. Außerdem habe sie die ersten sieben Monate in einem Patientenzimmer in ihrer Klinik gelebt, weil sie keine bezahlbare Wohnung gefunden habe, sagt sie. Dass die Suche nach einer Bleibe schwieriger sei als die nach einem Job, hört auch FachkrĂ€fteexpertin Denise Eichhorn von der Deutsch-Indischen Handelskammer immer wieder. Eine weitere HĂŒrde sei das Geld, das Auswanderungswillige fĂŒr ein Leben in Deutschland brauchten, sagt sie: Nicht alle könnten sich den Migrationsprozess und einen Sprachkurs leisten. Die, die schließlich aber kĂ€men, könnten mit Ausnahme der IT-Branche meist Deutsch.

Indische Zuwanderer haben einen guten Ruf

Indische Zuwanderer haben vielerorts einen guten Ruf - und eine hervorragende Ausbildung: 54 Prozent der 129.000 sozialversicherungspflichtig beschĂ€ftigten Inderinnen und Inder in Deutschland arbeiten in Jobs, fĂŒr die eine Expertenausbildung notwendig ist, heißt es von der Bundesagentur fĂŒr Arbeit. Unter allen in Deutschland tĂ€tigen Menschen ist diese Quote nur etwa halb so hoch. Das schlĂ€gt sich auch im Gehalt nieder: Der Median, also der Wert, bei dem es genauso viele Menschen mit einem höheren wie mit einem niedrigeren Einkommen liegt, fĂŒr die Gruppe der indischen Zuwanderinnen und Zuwanderer liegt bei monatlich 5227 Euro. Im gesamtdeutschen Schnitt liegt der Median dagegen nur bei 3646 Euro.

Aber warum wollen so viele gut ausgebildete Menschen Indien verlassen? Immerhin ist das Land inzwischen die fĂŒnftgrĂ¶ĂŸte Wirtschaftsmacht, die viele Investoren anlockt, und mit dem robusten Wachstum könnte der Subkontinent bald die deutsche Wirtschaft ĂŒberholen. Es gibt dabei einen Haken: Das Wachstum ist ungleichmĂ€ĂŸig verteilt und es fehlen Jobs - auch fĂŒr Menschen mit guter Bildung. Zudem betrĂ€gt das Pro-Kopf-Einkommen laut Weltbank gerade mal knapp 2000 Euro - im Jahr. Krankenschwester Janeeta Jacob sagt, sie fĂ€nde zwar auch in Indien leicht einen Job, habe zuletzt aber nur rund 250 Euro im Monat verdient. Und abgesehen von der BĂŒrokratie gefalle es ihr in ihrer Wahlheimat Deutschland sehr gut, sagt sie. Die Leute seien meist freundlich.

@ dpa.de