Job-Hugging in der Krise: 61% bleiben zwei Jahre bei Arbeitgeber
Veröffentlicht am: 14.08.2026 um 11:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In einer Phase wirtschaftlicher Unsicherheit lässt sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt ein deutlicher Trend zum sogenannten „Job-Hugging“ beobachten. Beschäftigte klammern sich verstärkt an ihre bestehenden Arbeitsverhältnisse, anstatt einen Wechsel zu riskieren.
Aktuellen Daten zufolge sank die Zahl der beendeten Beschäftigungsverhältnisse bei Arbeitnehmern über 30 Jahren im vierten Quartal 2025 auf 1,64 Millionen. Dies entspricht einem Rückgang von acht Prozent im Vergleich zum vierten Quartal 2019, als noch 1,79 Millionen Kündigungen oder Aufhebungen verzeichnet wurden.
Wachsender Wunsch nach Stabilität und Sicherheit
Das Phänomen des Job-Huggings spiegelt ein verändertes Sicherheitsbedürfnis wider. Laut einer Untersuchung des Beratungsunternehmens WTW, für die weltweit 41.000 Arbeitnehmer – darunter 2.000 in Deutschland – befragt wurden, planen derzeit 61 Prozent der hiesigen Beschäftigten, mindestens zwei weitere Jahre bei ihrem aktuellen Arbeitgeber zu bleiben. Im Jahr 2022 lag dieser Wert noch bei 53 Prozent.
Die Motive für diese Beständigkeit sind primär finanzieller und existenzieller Natur. Bei der Erwägung eines potenziellen Jobwechsels rangiert das Gehalt mit 69 Prozent an erster Stelle der Prioritäten. Dahinter folgen die Jobsicherheit mit 46 Prozent und die Möglichkeit zu flexiblem Arbeiten mit 43 Prozent. Diese Fixierung auf den Erhalt des Arbeitsplatzes führt jedoch zu einer psychischen und physischen Bindung, die nicht ohne Folgen bleibt.
Ergonomische Belastungen durch exzessives Sitzen
Die Tendenz, in Krisenzeiten am gewohnten Schreibtisch auszuharren, bringt zunehmende gesundheitliche Herausforderungen mit sich. Fachleute beobachten, dass die Fixierung auf den Arbeitsplatz die ergonomischen Risiken verschärft. Bewegungsmangel und exzessives Sitzen nehmen zu, da die Sorge um den Arbeitsplatz oft mit einer erhöhten Präsenz und einer Vernachlässigung von Ausgleichsbewegungen einhergeht.
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Diese Entwicklung wird durch die aktuelle Lage in der Industrie und bei Großkonzernen befeuert. Zwar meldeten die Dax-Konzerne für das zweite Quartal 2026 Rekordgeschäfte mit einem Umsatz von 463 Milliarden Euro und einem operativen Ergebnis (EBIT) von 52,6 Milliarden Euro, dennoch wurde die Belegschaft reduziert.
Insgesamt bauten 21 der 37 untersuchten Unternehmen Stellen ab; die Beschäftigtenzahl sank um 1,2 Prozent auf 3,49 Millionen. Besonders die Automobilbranche steht unter Druck: Während der Gesamtumsatz nur leicht um 1,2 Prozent nachgab, brachen die Gewinne um 12 Prozent ein. BMW verzeichnete ein Minus von 39 Prozent, während Volkswagen und Daimler Truck jeweils Rückgänge von 9 Prozent meldeten.
Arbeitsverdichtung durch technologischen Wandel
Zusätzlich zur wirtschaftlichen Unsicherheit verändert der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) das Belastungsprofil am Arbeitsplatz. Entgegen der Erwartung einer Entlastung deutet eine Studie von Wei Jiang der Emory University darauf hin, dass KI die Arbeitszeit in den USA eher erhöht. Auch die Arbeitspsychologin Venz stellt fest, dass KI die Arbeitszeit nicht zwangsläufig verringert, sondern die Aufgabenbereiche tendenziell vergrößert.
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Diese Arbeitsverdichtung trifft auf einen Arbeitsmarkt, der weniger Alternativen bietet. Das Portal Indeed verzeichnete seit 2022 einen Rückgang der Stellenausschreibungen in Deutschland um 37 Prozent. Laut dem Ökonomen Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) befinde sich das Land in einer Erneuerungskrise, in der monatlich rund 15.000 Industriearbeitsplätze verloren gehen.
Tarifpolitische Debatten um die Arbeitszeit
In diesem Umfeld gewinnt die Diskussion um die Wochenarbeitszeit an Schärfe. Während die durchschnittliche tarifliche Wochenarbeitszeit in Deutschland bei 37,8 Stunden liegt, arbeitet etwa ein Fünftel der Beschäftigten in Branchen mit einer 35-Stunden-Woche.
Die IG Metall kündigte bereits an, die Beibehaltung dieser Regelung in der anstehenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie im Herbst gegen Forderungen nach einer Ausweitung zu verteidigen.
Gleichzeitig zeigen Statistiken zur Arbeitszeit pro Kopf einen leichten Rückgang. Lag der Wert für die 20- bis 64-Jährigen im Jahr 2023 noch bei einem Rekord von 28,8 Stunden pro Woche, sank er im Jahr 2025 auf 28,5 Stunden.
Besonders bei Männern reduzierte sich die Zeit von 33,5 Stunden im Jahr 2019 auf 32,6 Stunden im Jahr 2025, während sie bei Frauen stabil bei etwa 24 Stunden blieb. Lediglich bei den über 60-Jährigen wurde aufgrund des höheren Rentenalters ein Anstieg verzeichnet.
