Kalte, Progression

Kalte Progression: 8,2 Mrd. Euro Mehrbelastung für Arbeitnehmer

Veröffentlicht am: 17.08.2026 um 00:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Bundesregierung plant unvollständigen Inflationsausgleich bei der Einkommensteuer. Mittlere Einkommen tragen laut Bundesbank und IW die Hauptlast der Mehrbelastung.

Steuerreform 2027: Regierung lässt kalte Progression teilweise unausgeglichen
Person füllt an einem Schreibtisch ein komplexes Steuerformular aus, um die Auswirkungen der kalten Progression zu verdeutlichen. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Die schwarz-rote Bundesregierung plant eine weitreichende Änderung ihrer bisherigen Steuerpraxis. Erstmals seit dem Jahr 2016 soll die sogenannte kalte Progression nicht mehr vollständig ausgeglichen werden. Diese Entscheidung führt dazu, dass Arbeitnehmer mit mittleren Einkommen trotz potenzieller Lohnerhöhungen mit einer steigenden realen Steuerlast rechnen müssen.

Diskrepanz zwischen Entlastung und Inflationsausgleich

Berechnungen der Bundesbank verdeutlichen das Ausmaß der steuerlichen Mehrbelastung. Demnach werden die deutschen Steuerzahler im Jahr 2026 voraussichtlich 8,2 Milliarden Euro zu viel Einkommensteuer aufgrund der kalten Progression entrichten.

Der aktuelle Referentenentwurf des Bundesfinanzministeriums zum „Einkommensteuerreformgesetz 2027“ sieht für das Folgejahr jedoch lediglich eine Entlastung in Höhe von 2,635 Milliarden Euro vor. Selbst unter Berücksichtigung des Kinderfreibetrags beläuft sich das geplante Volumen auf 3,175 Milliarden Euro, was deutlich hinter den notwendigen 8,2 Milliarden Euro zurückbleibt.

Für das Jahr 2028 setzt sich diese Entwicklung fort. Während das Finanzministerium Entlastungen von 2,7 Milliarden Euro plant (3,025 Milliarden Euro inklusive Kinderfreibetrag), beziffern Experten den notwendigen Ausgleich auf 8,5 Milliarden Euro.

Konkrete Auswirkungen auf Arbeitnehmer und Familien

Untersuchungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigen die Auswirkungen für verschiedene Einkommensgruppen. Ein Single mit einem Bruttojahreseinkommen von 50.000 Euro verliert durch die geplante Reform 114 Euro, während die Belastung bei einem Bruttoeinkommen von 80.000 Euro um 265 Euro steigt.

Ein Finanzwissenschaftler der FAU (Friedrich-Alexander-Universität) hat für das Jahr 2028 weitere Szenarien berechnet. Demnach verliert ein Single mit einem monatlichen Bruttolohn von 3.000 Euro netto 9 Euro pro Jahr. Bei einem Einkommen von 6.000 Euro steigt der Verlust auf 242 Euro, bei 6.500 Euro auf 639 Euro und bei 9.000 Euro auf 904 Euro jährlich.

Eine Familie mit zwei Kindern und einem gemeinsamen Bruttoeinkommen von 9.000 Euro (verteilt auf 6.000 Euro und 3.000 Euro) verzeichnet hingegen ein leichtes Plus von 44 Euro im Jahr. Doppelverdiener ohne Kinder mit jeweils 7.000 Euro Bruttoeinkommen müssen mit Einbußen von 1.045 Euro rechnen.

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Zusätzlich zu den steuerlichen Änderungen steigen die Beitragsbemessungsgrenzen in der Sozialversicherung. In der Krankenversicherung wird ein Anstieg von 300 Euro pro Monat erwartet, in der Pflegeversicherung beläuft sich das Plus auf 937,50 Euro.

Anpassungen der Steuertarife und Kindergeld

Der Entwurf des Bundesfinanzministeriums sieht vor, die Grenze für den Spitzensteuersatz im Jahr 2027 auf 70.600 Euro abzusenken, obwohl ein Ausgleich der kalten Progression eine Anhebung auf 72.000 Euro erfordern würde.

Gleichzeitig sinkt die Grenze für den Reichensteuersatz auf 250.000 Euro. Ab einem Einkommen von 280.000 Euro soll zudem ein neuer Steuersatz von 47 Prozent greifen. Positive Nachrichten gibt es für Eltern: Das Kindergeld soll auf 272 Euro steigen.

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Politische Kontroversen und Forderungen

Innerhalb der Koalition und der Opposition löst der Entwurf Debatten aus. FDP-Generalsekretär Martin Hagen forderte eine strikte Kopplung der Tarifstufen und Freibeträge an die Inflationsrate und verwies auf das Modell eines Vier-Stufen-Tarifs mit Sätzen von 15, 25, 35 und 42 Prozent. Er kritisierte den mangelnden Ausgleich im vorliegenden Entwurf.

Eine Civey-Umfrage im Auftrag der FDP ergab zudem, dass 62 Prozent der befragten Bürger einen automatischen Abbau der kalten Progression befürworten, während 18 Prozent dagegen stimmten.

SPD-Fraktionsgeschäftsführer Dirk Wiese hingegen verwies auf bestehende Beschlüsse des Koalitionsausschusses und forderte ein Machtwort von Bundeskanzler Merz, um die Debatte zu beenden.

Die SPD betont, dass der Entwurf bis 2028 Entlastungen von insgesamt 10 Milliarden Euro für kleine und mittlere Einkommen sowie Familien vorsehe, finanziert durch eine höhere Reichensteuer. Unionspolitiker schlossen sich der Kritik am fehlenden vollständigen Ausgleich der kalten Progression an.

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