NĂ€chste Regierung muss Sozialstaat reformieren
27.01.2025 - 16:12:56ArmutsbekĂ€mpfung mĂŒsse ein "konkretes und sicher finanziertes sozialstaatliches Ziel" sein, heiĂt es in dem Bericht, den die VerbĂ€nde der Wohlfahrtspflege gemeinsam in Berlin vorstellten. Der Zugang zu sozialen Leistungen mĂŒsse nicht nur vereinfacht, sondern auch entstigmatisiert werden. Mehr als ein Drittel der Betroffenen nimmt demnach Leistungen gar nicht in Anspruch - teils aus Unwissen, teils aus Scham.
Im Jahr 2022 waren in Deutschland 17,7 Millionen Menschen und damit mehr als ein FĂŒnftel der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wie aus dem Bericht hervorgeht. Alleinlebende Menschen, Alleinerziehende und Familien mit drei oder mehr Kindern seien besonders hĂ€ufig betroffen. Frauen seien nach wie vor stĂ€rker gefĂ€hrdet als MĂ€nner - vor allem von Altersarmut.
Gesundheitsversorgung in sozialen Brennpunkten verbessern
Schwerpunkte in ihren VorschlĂ€gen setzt die Armutskonferenz deshalb unter anderem bei den Themen Gesundheit und Familie. Gerade die Gesundheitsvorsorge orientiere sich zu sehr an den BedĂŒrfnissen der Mittelschicht, heiĂt es. Dagegen könnten niedrigschwellige Angebote in sozialen Brennpunkten, in Wohnquartieren, aber auch zum Beispiel im Jobcenter helfen. Um medizinische Versorgung zugĂ€nglicher zu machen, empfehlen die VerbĂ€nde auch Informationen in leichter Sprache und einen bundesweiten Dolmetscherdienst. Auch in den Schulen könne das Thema Gesundheit ausgebaut werden.
Armut ziehe sich als Familiengeschichte hĂ€ufig durch mehrere Generationen. Kinder aus armen Familien hĂ€tten es in der Schule und beim Berufseinstieg besonders schwer. Die NAK wirbt deshalb fĂŒr eine Kindergrundsicherung, die aber auch ausreichend finanziert sein mĂŒsse. "Sehr hilfreich fĂŒr die Betroffenen wĂ€re, alle Leistungen, auf die bisher Anspruch besteht, aus einer Hand als eine durchgehende Leistung zu gewĂ€hrleisten", teilen die VerbĂ€nde mit.
Paus: Kindergrundsicherung bleibt Ziel
Das Projekt einer Kindergrundsicherung war durch das Scheitern der Ampel-Koalition aus SPD, GrĂŒnen und FDP in der aktuellen Legislaturperiode nicht mehr zustande gekommen. Die Ampel hatte das Vorhaben in ihrem Koalitionsvertrag verankert, zustĂ€ndig war Familienministerin Lisa Paus. Die GrĂŒnen-Politikerin verweist auf dennoch Erreichtes wie die Kindergelderhöhung und den Kinderzuschlag. "Auch kĂŒnftig wird es darauf ankommen, weiter Schritte zu gehen, etwa mit einer Kindergrundsicherung gegen Kinderarmut, die die Debatten der letzten zwei Jahre aufnimmt", sagt Paus in Berlin.
Die Vorsitzende des Sozialverbands Deutschland, Michaela Engelmeier, kritisiert stigmatisierende ĂuĂerungen ĂŒber LeistungsempfĂ€nger im Wahlkampf. Das verstĂ€rke die Scham. "Ich fordere die Einberufung eines Sozialgipfels direkt nach der Wahl, um Sozialleistungen zugĂ€nglicher und armutsfest zu machen."
Als armutsgefĂ€hrdet gilt in Deutschland, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur VerfĂŒgung hat. Im Jahr 2022 lag dieser Schwellenwert fĂŒr eine alleinlebende Person bei einem Jahreseinkommen von unter 15.765 Euro. 2022 waren laut NAK 26,4 Prozent der Alleinlebenden und 23,7 Prozent der Alleinerziehenden-Haushalte armutsgefĂ€hrdet. Bei Familien mit drei oder mehr Kindern lag die Quote bei 22,7 Prozent.

