Krankenstand, Deutschland

Krankenstand in Deutschland: DIW entlarvt die wahren Ursachen

13.05.2026 - 12:52:54 | boerse-global.de

Die elektronische AU macht KrankenstÀnde sichtbarer, doch psychische Erkrankungen und Atemwegsinfekte treiben die AusfÀlle laut DIW-Studie real in die Höhe.

Krankenstand in Deutschland: DIW entlarvt die wahren Ursachen - Foto: ĂŒber boerse-global.de
Krankenstand in Deutschland: DIW entlarvt die wahren Ursachen - Foto: ĂŒber boerse-global.de

Eine neue Analyse des Deutschen Instituts fĂŒr Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) sorgt fĂŒr Klarheit in der hitzigen Debatte um Rekord-KrankenstĂ€nde. Die am heutigen Mittwoch veröffentlichte Studie zeigt: Die elektronische ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung (eAU) hat die Statistik zwar dauerhaft nach oben verschoben. Doch die wahren Treiber liegen tiefer.

Seit Anfang 2023 sind Arbeitgeber verpflichtet, die eAU zu nutzen. Der „Gelbe Schein" aus Papier ist Geschichte. Ärzte ĂŒbermitteln die Daten direkt an die Krankenkassen, die Arbeitgeber rufen sie elektronisch ab. Das klingt banal, hat aber enorme Folgen fĂŒr die Statistik. Denn frĂŒher fehlten vor allem kurze Krankmeldungen von ein bis zwei Tagen in den offiziellen Zahlen – viele Mitarbeiter informierten ihren Chef, schickten den Schein aber nie an die Versicherung. Diese LĂŒcke ist nun geschlossen.

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Die Zahlen belegen den Effekt eindrucksvoll. Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) meldete im MĂ€rz 2026 fĂŒr das Jahr 2025 durchschnittlich 23,3 Krankentage pro AOK-versichertem BeschĂ€ftigten. Das ist ein leichter RĂŒckgang gegenĂŒber dem Rekordjahr 2022 (24,5 Tage), aber immer noch deutlich ĂŒber dem Vor-Pandemie-Niveau. Ohne den statistischen Effekt der eAU lĂ€ge der Wert laut WIdO bei etwa 20,8 Tagen.

Das IGES-Institut kommt fĂŒr die 2,4 Millionen Mitglieder der DAK-Gesundheit auf 19,5 Krankentage pro Kopf fĂŒr 2025. Besonders aufschlussreich: Rund 40 Prozent aller KrankheitsfĂ€lle dauerten zwischen einem und drei Tagen – genau die Kategorie, die von der digitalen Erfassung am stĂ€rksten profitiert.

Die wahre Gesundheitskrise: Psyche und Atemwege

Doch die DIW-Ökonomen warnen davor, den hohen Krankenstand als statistische Luftnummer abzutun. Hinter den Zahlen verbirgt sich eine echte Verschlechterung des Gesundheitszustands der deutschen Belegschaft.

Psychische Erkrankungen sind zum Haupttreiber fĂŒr LangzeitausfĂ€lle geworden. Die IGES-Daten zeigen einen Anstieg von fast sieben Prozent allein im Jahr 2025. WĂ€hrend Atemwegsinfektionen wie Grippe oder Corona zwar hĂ€ufiger auftreten, aber im Schnitt nur sechs Tage dauern, liegen psychisch bedingte AusfĂ€lle bei durchschnittlich 28,5 Tagen pro Fall (Stand 2024). Diese LangzeitfĂ€lle sind fĂŒr Unternehmen besonders schĂ€dlich, weil sie sich kaum durch Zeitarbeit oder Überstunden kompensieren lassen.

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Hinzu kommt ein verĂ€ndertes Verhalten seit der Pandemie. BeschĂ€ftigte bleiben heute deutlich hĂ€ufiger zu Hause, wenn sie Symptome haben – aus RĂŒcksicht auf Kollegen. Experten vermuten zudem, dass das Immunsystem nach Jahren des Social Distancing anfĂ€lliger fĂŒr Viren geworden ist. Die Folge: Atemwegsinfektionen halten sich seit 2024 auf erhöhtem Niveau.

Milliardenschwere Belastung und Reformdruck

Die finanziellen Folgen sind gewaltig. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bezifferte die Kosten der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall fĂŒr 2024 auf rund 82 Milliarden Euro. Kein Wunder also, dass die Politik unter Druck steht.

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte erst im April 2026 seine Sorge ĂŒber die ProduktivitĂ€t Deutschlands geĂ€ußert und die aktuellen KrankenstĂ€nde als nicht tragfĂ€hig bezeichnet. Im Raum stehen VorschlĂ€ge wie ein teilweiser Lohnabzug ab dem ersten Krankheitstag oder PrĂ€mien fĂŒr BeschĂ€ftigte mit maximal fĂŒnf Fehltagen pro Jahr.

Die DIW-Studie warnt jedoch vor solchen Maßnahmen. Sie könnten PrĂ€sentismus fördern – kranke Mitarbeiter schleppen sich zur Arbeit, stecken Kollegen an und verschlimmern ihre eigene Gesundheit. Das Ergebnis wĂ€ren am Ende noch lĂ€ngere AusfĂ€lle. Stattdessen plĂ€dieren die Forscher fĂŒr betriebliches Gesundheitsmanagement und mehr FlexibilitĂ€t, etwa durch die EinfĂŒhrung von halben Krankheitstagen.

Ungleiche Verteilung: PflegekrÀfte besonders betroffen

Der Krankenstand trifft nicht alle Branchen gleich. Eine Analyse vom Januar 2026 zeigt: Das Gesundheitswesen hat mit 6,2 Prozent die höchste Krankheitsrate – hohe Erregerbelastung und psychische Belastung treffen hier zusammen. Die IT-Branche liegt mit rund 3,4 Prozent am unteren Ende. Grund: Homeoffice-Möglichkeiten erlauben flexiblere Reaktionen auf leichte Erkrankungen.

FĂŒr den weiteren Verlauf des Jahres 2026 erwartet das DIW stabile, aber hohe KrankenstĂ€nde. Der Digitalisierungseffekt der eAU ist nun vollstĂ€ndig in der Statistik verankert, was prĂ€zise Vergleiche ermöglicht. Die eigentliche Aufgabe, so die Forscher, liege nicht in der Debatte um die Echtheit der Zahlen, sondern in der BekĂ€mpfung der systemischen Ursachen: Arbeitsstress und mangelnde PrĂ€vention.

Die Digitalisierung hat den Arbeitsmarkt transparenter gemacht. Sie hat aber auch ein wachsendes Gesundheitsproblem offengelegt, das sich durch Verwaltungsreformen allein nicht lösen lÀsst.

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