Krankmeldung, Attestpflicht

Krankmeldung: Attestpflicht ab Tag eins beschlossen, Ärzte warnen vor Chaos

06.07.2026 - 17:33:15 | boerse-global.de

Die neue Bundesregierung führt die Pflicht zur Krankschreibung ab dem ersten Tag ein. Ärzte, Krankenkassen und die Opposition kritisieren das Vorhaben scharf.

Krankmeldung: Koalition beschließt Attestpflicht ab Tag eins
Krankmeldung - Nahaufnahme eines Kalenderblatts mit dem markierten Datum Juli 2026, umgeben von unscharfen Büro- und medizinischen Dokumenten. 06.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Telefonische Krankschreibungen sollen komplett wegfallen, stattdessen gilt eine generelle Pflicht zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) bereits ab Tag eins. Bisher war ein ärztliches Attest meist erst ab dem vierten Krankheitstag nötig.

Bundeskanzler Merz will mit der Reform den Krankenstand in Deutschland senken. Doch gegen das Vorhaben formiert sich breiter Widerstand – aus der Ärzteschaft, von Krankenkassen und sogar aus den eigenen Regierungsfraktionen.

Kritik aus den eigenen Reihen

Innerhalb der Union sorgt der Beschluss für Spannungen. Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Christian Bäumler, bezeichnete die Pläne als völlig unnötig. Arbeitgeber könnten bereits heute ein Attest ab dem ersten Tag verlangen, wenn es betrieblich notwendig sei. Eine pauschale gesetzliche Verpflichtung löse dagegen großen Unmut bei den Beschäftigten aus.

Unterstützung erhält der Kanzler hingegen von CDU-Generalsekretär Linnemann. Merz betonte, dass eine rückwirkende Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit weiterhin möglich bleiben solle. Auf SPD-Seite mahnten Parteichef Klingbeil und Generalsekretär Klüssendorf eine praktikable Umsetzung an. Die Attestpflicht ab dem ersten Tag sei das kleinere Übel gegenüber der Einführung von Karenztagen.

Ärzte warnen vor Chaos in den Praxen

Anzeige

Aktuelle Urteile und Gesetzesänderungen machen das Betriebliche Eingliederungsmanagement zur Pflicht, um Langzeiterkrankungen rechtssicher zu begegnen. Dieser kostenlose Leitfaden zeigt Arbeitgebern und Betriebsräten, wie ein rechtssicheres BEM in der Praxis funktioniert. Vollständige BEM-Anleitung jetzt gratis sichern

Massive Bedenken kommen von den medizinischen Standesorganisationen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) schätzt, dass die Neuregelung zu jährlich rund 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen führen könnte. Die Vorsitzende des Hausärzteverbandes sprach von reiner Symbolpolitik und warnte vor einem drohenden Chaos.

Dabei ist die telefonische Krankschreibung gar nicht für den Anstieg der Krankenstände verantwortlich. Ihr Anteil an allen ausgestellten Bescheinigungen liegt laut Hausärzteverband lediglich zwischen 0,5 und 1,2 Prozent. Ein Vorstandsmitglied der AOK wies zudem darauf hin, dass der statistische Anstieg der Krankentage teilweise auf die Einführung der elektronischen AU im Jahr 2022 zurückgeht – diese sorgt erst für eine lückenlose Erfassung aller Fälle.

Zweifel an der Wirksamkeit

Auch Wirtschaftsexperten bezweifeln den gewünschten Effekt. Ein Ökonom des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) erklärte, dass eine Attestpflicht ab dem ersten Tag den Krankenstand nicht senke. Im Gegenteil: Kranke schleppten sich in die Praxen oder zur Arbeit und steckten dort weitere Personen an. Hinzu kommt: Ein Großteil der Fehltage entfällt auf Langzeiterkrankungen – rund 40 bis 43,8 Prozent der Ausfalltage.

Eine Umfrage des Instituts YouGov untermauert die Skepsis in der Bevölkerung: 59 Prozent der Befragten sprachen sich gegen eine Attestpflicht ab dem ersten Tag aus. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnte zudem vor zunehmendem Präsentismus, wenn Hürden für Krankmeldungen künstlich erhöht würden.

Anzeige

Ein professionelles BEM-Gespräch ist entscheidend, um den Arbeitsplatz bei längerer Krankheit zu schützen und rechtssicher vorzugehen. Ein Gratis-E-Book enthüllt nun die häufigsten Stolperfallen beim Betrieblichen Eingliederungsmanagement und wie Sie diese vermeiden. Kostenlosen BEM-Ratgeber mit Gesprächsleitfaden herunterladen

Alternative aus Skandinavien

Der Chef der Krankenkasse DAK brachte ein Modell der Teilkrankschreibung nach skandinavischem Vorbild ins Spiel. Das könnte den Krankenstand flexibler gestalten, ohne die Arztpraxen durch bürokratischen Mehraufwand zu belasten. Das Gesundheitsministerium unter Staatssekretärin Warken prüft solche Modelle derzeit.

Während Arbeitgeberverbände die Reformpläne grundsätzlich begrüßen, fordern Krankenkassen und Ärztevertreter stattdessen eine Stärkung des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Nur so ließen sich die Ursachen für hohe Krankenstände nachhaltig bekämpfen.

de | wirtschaft | 69706787 |