Krankschreibung, Attestpflicht

Krankschreibung: Attestpflicht ab erstem Tag geplant

Veröffentlicht am: 28.07.2026 um 09:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Die Bundesregierung will die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag wieder einfĂŒhren. HausĂ€rzte und Gewerkschaften kritisieren die PlĂ€ne als bĂŒrokratisch und kontraproduktiv.

Ampel-Koalition plant Ende der telefonischen Krankschreibung
Stethoskop und digitales Tablet auf einem Schreibtisch in einer modernen Arztpraxis als Symbol fĂŒr die Krankschreibung. Illustration mit AI erstellt ĂŒbermittelt durch boerse-global.de

Die Ampel-Koalition will die telefonische Krankschreibung abschaffen und eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag einfĂŒhren. Besonders Mittelstand und HausĂ€rzte wĂ€ren von den geplanten Änderungen betroffen. WĂ€hrend Arbeitgeber die Maßnahmen als notwendigen Kontrollmechanismus begrĂŒĂŸen, schlagen Mediziner und Gewerkschaften Alarm.

HausĂ€rzte warnen vor „BĂŒrokratie-Monster“

Der Widerstand gegen die PlĂ€ne formiert sich. „Die telefonische AU hat unsere Praxen massiv entlastet und das Ansteckungsrisiko in Wartezimmern gesenkt“, sagt Dr. Alexander Jakob, Vorsitzender des HausĂ€rzteverbandes Hessen. Seine Hamburger Kollegin Dr. Jana Husemann ergĂ€nzt: „Schwerkranke Patienten werden kĂŒnftig noch lĂ€nger warten mĂŒssen, weil wir uns um BagatellfĂ€lle kĂŒmmern.“

Auch die Gewerkschaften laufen Sturm. Der DGB in Hessen und ThĂŒringen verweist auf Studien, wonach die telefonische Krankschreibung den Krankenstand nicht signant beeinflusst habe. Stattdessen drohe ein Anstieg des PrĂ€sentismus – Arbeitnehmer schleppen sich krank zur Arbeit, anstatt zuhause zu bleiben.

Fehlzeiten explodieren – aber liegen die Ursachen woanders?

Die Diskussion kommt nicht von ungefÀhr. Die Zahlen sind alarmierend: Die DAK verzeichnete 2024 einen Anstieg der Ausfalltage um 38 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Laut BKK waren BeschÀftigte durchschnittlich an 22 Tagen krankgemeldet.

Doch die Ursachen sind komplexer. Psychische Erkrankungen spielen eine wachsende Rolle: Sie machten bei der AOK zwar nur 4,8 Prozent der FĂ€lle aus, verursachten aber durchschnittlich 28 Fehltage pro Fall. Seit 2014 stieg die Zahl der Krankheitstage aufgrund psychischer Probleme um 47 Prozent.

Arbeitgeberberater Georg Soller kritisiert: „Die geplanten Kontrollmaßnahmen bekĂ€mpfen Symptome, nicht Ursachen. Lange Wartezeiten auf Facharzttermine, schlechte Arbeitsbedingungen in der Pflege und im Lehramt – das alles bleibt unberĂŒcksichtigt.“

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GKV-Reform bringt tiefgreifende Einschnitte

Parallel zu den AU-Regeln hat der Bundestag im Juli 2026 eine umfassende Finanzreform der gesetzlichen Krankenversicherung beschlossen. Die wichtigsten Änderungen:

  • Medikamente: Zuzahlungen steigen auf 7,50 bis 15 Euro
  • Zahnersatz: Festzuschuss sinkt auf 50 Prozent
  • Homöopathie: Leistungen werden gestrichen

Eine Neuerung ist die Teilkrankschreibung. Sie erlaubt ArbeitsunfĂ€higkeit in Abstufungen von 25, 50 oder 75 Prozent. In der Familienversicherung wird ab 2028 ein Beitragszuschlag von 2,5 Prozentpunkten fĂŒr bestimmte Ehepartner fĂ€llig.

Das bereits am 10. Juli verabschiedete GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz schrÀnkt die beitragsfreie Mitversicherung ein. SchÀtzungen zufolge wÀren rund 2,46 Millionen Haushalte betroffen.

SchĂ€rfere Regeln fĂŒr Grundsicherung und Rentner

Bereits seit FrĂŒhjahr 2026 gelten verschĂ€rfte Regeln fĂŒr GrundsicherungsempfĂ€nger. Eine Neuregelung im SGB II erlaubt Jobcentern, bei wiederholten Krankmeldungen begrĂŒndete Zweifel an der ArbeitsunfĂ€higkeit anzumelden.

Kritiker sehen darin einen Generalverdacht. „Das stigmatisiert HilfebedĂŒrftige“, sagt Harald ThomĂ© vom Verein Tacheles. Auch der GrĂŒnen-Politiker Timon Dzienus ĂŒbt scharfe Kritik.

FĂŒr Bezieher von Teilrenten Ă€ndert sich ab dem 1. Januar 2027 ebenfalls etwas: Wer eine Teilrente von mehr als zwei Dritteln der Vollrente bezieht, verliert den Anspruch auf Krankengeld. Die Regelung zielt auf das sogenannte 99,99-Prozent-Teilrentenmodell ab und soll Einsparungen in Millionenhöhe bringen.

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Kanzler Merz stellt Kabinett neu auf

Die Gesundheits- und Arbeitsmarktreformen fallen in eine Zeit des politischen Umbruchs. Kanzler Merz hat sein Kabinett umgebaut: Carsten Linnemann ĂŒbernimmt das Gesundheitsministerium. Verkehrsminister Patrick Schnieder wurde entlassen, als Nachfolger gilt Steffen Bilger als gesetzt.

Hintergrund der Rochade ist der RĂŒcktritt von Fraktionschef Jens Spahn in den vergangenen Monaten. WĂ€hrend die Regierung die Reformen als notwendige Schritte zur Entlastung der Sozialsysteme verteidigt, fordern Wirtschaftsvertreter weitergehende Maßnahmen.

„Hohe Arbeitskosten und ĂŒberbordende BĂŒrokratie gefĂ€hrden die WettbewerbsfĂ€higkeit des Mittelstands“, warnt AVW-Vorsitzender Sven Polifka. Die Debatte dĂŒrfte damit noch lange nicht beendet sein.

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