Krankschreibung: Regierung plant AU-Pflicht ab Tag eins – 59% lehnen ab
06.07.2026 - 20:15:57 | boerse-global.de
Innerhalb der Regierungskoalition aus Union und SPD sowie bei Fachverbänden regt sich massiver Protest gegen die Vorhaben. Diese sehen vor, die Vorlagepflicht für ein ärztliches Attest bereits auf den ersten Krankheitstag vorzuziehen und die telefonische Krankschreibung abzuschaffen.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) begründet die Maßnahmen mit einer notwendigen Senkung des Krankenstands. Experten und Teile der eigenen Partei warnen dagegen vor einer Überlastung der Arztpraxen und bezweifeln die Wirksamkeit der Reform.
Kritik aus den eigenen Reihen
Anfang Juli forderte der stellvertretende Vorsitzende des CDU-Arbeitnehmerflügels (CDA), Christian Bäumler, die Rücknahme der Pläne. Er verwies auf eine große Unzufriedenheit unter den Beschäftigten und nannte das Vorhaben ein unnötiges Thema, das die Koalition abräumen müsse.
Bereits heute erlaubt das Entgeltfortzahlungsgesetz Arbeitgebern, eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) vor dem dritten Krankheitstag zu verlangen. Auch der CDA-Vorsitzende Dennis Radtke riet dazu, die Pläne zu überdenken. In der Koalition herrscht zudem Uneinigkeit über die konkrete Ausgestaltung: Die Unionsführung drängt auf die AU-Pflicht ab dem ersten Tag, die SPD mahnt eine praktikable Umsetzung an.
Warnungen vor Überlastung und Infektionsrisiken
Medizinische Fachverbände und Krankenkassen kritisieren die Pläne scharf. Die Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Nicola Buhlinger-Göpfarth, bezeichnete das Vorhaben als reine Symbolpolitik. Der Verband rechnet mit mindestens 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr.
Dies würde zu einem erheblichen bürokratischen Mehraufwand führen und die hausärztliche Versorgung belasten. Patientenbeauftragte und Gewerkschaften warnen zudem vor den gesundheitlichen Folgen. Wenn Erkrankte bereits am ersten Tag für ein Attest eine Praxis aufsuchen müssen, steige das Risiko für Ansteckungen in Wartezimmern.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnte vor verstärktem Präsentismus – dem Erscheinen am Arbeitsplatz trotz Krankheit. Die Folge wäre eine zusätzliche Überlastung der Beschäftigten.
Zweifel an der Wirksamkeit
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Ökonomen und Kassenvertreter bezweifeln, dass die Verschärfungen den Krankenstand tatsächlich senken. Ein Ökonom des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wies darauf hin, dass die telefonische Krankschreibung lediglich einen Anteil von 0,8 bis 1,2 Prozent aller AU-Bescheinigungen ausmache.
Ein kausaler Zusammenhang zwischen dieser Möglichkeit und hohen Krankenständen sei nicht belegbar. Strenge Attestpflichten könnten sogar dazu führen, dass Ärzte Patienten für längere Zeiträume krankschreiben, wenn diese ohnehin die Praxis aufsuchen müssen.
Nach Daten der AOK-Vorstandsvorsitzenden Carola Reimann ist der Anstieg der gemeldeten Krankheitsfälle primär auf die Einführung der elektronischen Krankmeldung im Jahr 2022 zurückzuführen. Seitdem werden auch Kurzerkrankungen statistisch lückenlos erfasst. Für einen Großteil der Fehltage sind zudem Langzeiterkrankungen verantwortlich: Im Jahr 2024 verursachten Erkrankungen mit einer Dauer von mehr als sechs Wochen rund 40 Prozent aller Ausfallzeiten.
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Internationaler Vergleich und rechtliche Hürden
Eine Studie des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) ordnet die Situation im internationalen Vergleich ein. Deutschland liegt bei den bezahlten Fehltagen in der OECD-Spitzengruppe. Bei einer einheitlichen Befragung zum wöchentlichen Arbeitszeitverlust belegt die Bundesrepublik mit 6,8 Prozent jedoch nur Rang sieben – Spitzenreiter Norwegen liegt bei 10,7 Prozent.
Ein Fachanwalt für Arbeitsrecht wies zudem auf eine mögliche rechtliche Hürde hin: Das Günstigkeitsprinzip könnte bestehende Vertragsklauseln schützen. Individuelle Vereinbarungen, die eine Vorlage der AU erst ab dem dritten oder vierten Tag vorsehen, könnten demnach weiterhin Bestand haben, sofern sie für den Arbeitnehmer vorteilhafter sind.
In der Bevölkerung stoßen die Pläne ebenfalls auf Ablehnung. Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage sprachen sich 59 Prozent der Befragten gegen die AU-Pflicht ab dem ersten Tag aus. 58 Prozent lehnten die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung ab.
