ROUNDUP, Israel

Israel beginnt großen MilitĂ€reinsatz im Westjordanland

22.01.2025 - 06:35:04

Kurz nach Beginn der Waffenruhe im Gazastreifen hat Israel einen umfangreichen MilitÀreinsatz gegen militante PalÀstinenser im Westjordanland eingeleitet.

Nach Angaben des palĂ€stinensischen Gesundheitsministeriums in Ramallah wurden bei dem Einsatz in der Stadt Dschenin zehn Menschen getötet und mindestens 40 verletzt. Der MilitĂ€reinsatz, der jĂŒngste in einer Reihe von Razzien der israelischen Armee im Westjordanland in den vergangenen Monaten, diene der "BekĂ€mpfung des Terrorismus" und werde "umfangreich und bedeutsam" sein, erklĂ€rte Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu.

Medienberichten zufolge drangen Bodentruppen und Spezialeinheiten in Dschenin ein, das als Hochburg radikaler PalĂ€stinenser gilt. Es habe auch Drohnenangriffe gegeben. SicherheitskrĂ€fte der PalĂ€stinensischen Autonomiebehörde, die mehrere Wochen lang selbst gegen Militante im Einsatz gewesen waren, zogen sich nach palĂ€stinensischen Angaben zuvor zurĂŒck.

Gewalt nimmt zu

Das Vorgehen der israelischen StreitkrÀfte in Dschenin erfolgt zu einer Zeit, da sich die ohnehin schon gespannte Lage im Westjordanland angesichts eines Erstarkens militanter PalÀstinenser und zunehmender Gewalt radikaler israelischer Siedler gegen palÀstinensische Zivilisten drastisch verschÀrft hat.

Am Montag, einen Tag nach Inkrafttreten einer Waffenruhe im Gaza-Krieg zwischen Israel und der islamistischen Hamas, hatte Israels Generalstabschef Herzi Halevi gesagt, man mĂŒsse in den kommenden Tagen auf umfangreiche Anti-Terror-EinsĂ€tze im Westjordanland vorbereitet sein, "um den Terroristen zuvorzukommen und sie festzunehmen, bevor sie unsere Zivilisten erreichen".

Einen Tag spĂ€ter kĂŒndigte Halevi seinen RĂŒcktritt als Armeechef an und begrĂŒndete dies unter anderem mit dem Versagen des MilitĂ€rs, Israel vor dem TerrorĂŒberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 mit rund 1.200 Todesopfern zu schĂŒtzen. Das Massaker wurde zum Auslöser des Gaza-Kriegs. Die seit 2007 im Gazastreifen herrschende und im Verlaufe des Krieges durch die israelische Armee geschwĂ€chte Hamas habe ihre BemĂŒhungen zur Bewaffnung radikaler PalĂ€stinenser im Westjordanland verstĂ€rkt, um eine weitere Front gegen Israel zu eröffnen, sagten Analysten der "New York Times".

Netanjahu: Gehen gegen "iranische Achse" vor

Der israelische Regierungschef Netanjahu sagte zum Einsatz in Dschenin, man gehe ĂŒberall dort vor, wohin die "iranische Achse" reiche. Zu Irans VerbĂŒndeten zĂ€hlen neben der Hamas die von Israel ebenfalls militĂ€risch geschwĂ€chte Hisbollah im Libanon sowie die Huthi-Miliz im Jemen.

Seit dem TerrorĂŒberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 stieg die Zahl der im Westjordanland getöteten PalĂ€stinenser nach palĂ€stinensischen Angaben auf 828. Angeheizt wird die Lage durch die Gewalt radikaler jĂŒdischer Siedler.

Israelische Siedler greifen Dörfer an

Als nach dem Inkrafttreten der Feuerpause in Gaza Dutzende palĂ€stinensische HĂ€ftlinge im Austausch gegen drei Hamas-Geiseln aus israelischen GefĂ€ngnissen freikamen und viele von ihnen ins Westjordanland zurĂŒckkehrten, kam es dort wiederholt zu Angriffen radikaler israelischer Siedler auf palĂ€stinensische Dörfer. Israelischen Medienberichten zufolge setzten die vermummten Siedler in den Dörfern GebĂ€ude und Fahrzeuge in Brand.

Israel hatte wĂ€hrend des Sechs-Tage-Krieges 1967 unter anderem das Westjordanland, den Gazastreifen und Ost-Jerusalem erobert. Im Westjordanland leben inmitten von drei Millionen PalĂ€stinensern inzwischen etwa eine halbe Million israelischer Siedler. Einschließlich Ost-Jerusalems sind es sogar 700.000 Siedler. Der UN-Sicherheitsrat hatte 2016 die Siedlungen als eine Verletzung des internationalen Rechts bezeichnet und Israel aufgefordert, sĂ€mtliche SiedlungsaktivitĂ€ten in den PalĂ€stinensergebieten zu stoppen.

Hamas ruft zu "Generalmobilisierung" auf

Der erst kurz zuvor vereidigte US-PrĂ€sident Donald Trump hob jedoch einen Tag nach dem Beginn der Gaza-Feuerpause Sanktionen gegen radikale Sieder im Westjordanland wieder auf, die die Regierung seines VorgĂ€ngers Joe Biden verfĂŒgt hatte. Unter anderem waren Vermögenswerte in den USA blockiert worden. US-BĂŒrgern und generell allen Menschen, die sich in den USA befinden, wurden außerdem GeschĂ€fte mit sanktionierten Organisationen und Personen untersagt. Auch die EuropĂ€ische Union hatte Sanktionen gegen radikale Siedler verhĂ€ngt.

Nach Aufhebung der Sanktionen durch Trump Ă€ußerte das palĂ€stinensische Außenministerium in Ramallah die BefĂŒrchtung, dass es nun zu noch mehr Gewalt jĂŒdischer Siedler im Westjordanland kommen könnte. Die Hamas rief unterdessen die Bevölkerung zur "Generalmobilisierung" und zu Konfrontationen mit den israelischen SicherheitskrĂ€ften und Siedlern auf. Angesichts des israelischen MilitĂ€reinsatzes in Dschenin forderte auch die Organisation Islamischer Dschihad die Bewohner des Westjordanlands dazu auf, sich "diesem kriminellen Einsatz mit allen Mitteln zu widersetzen".

Verletzte bei Messerangriff in Tel Aviv

Derweil wurden bei einem Messerangriff in der israelischen KĂŒstenmetropole Tel Aviv am Abend laut dem israelischen Rettungsdienst vier Menschen verletzt. Der TĂ€ter wurde Medienberichten zufolge von einem Passanten erschossen. Die Polizei sprach von einem terroristischen Angriff. Laut der "Times of Israel" war der aus Marokko stammende Mann, der eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in den USA besessen habe, am Samstag als Tourist nach Israel eingereist. Die Hamas pries ihn als MĂ€rtyrer und stellte seine Tat als Reaktion auf den israelischen MilitĂ€reinsatz in Dschenin dar.

Wie die Zeitung in der Nacht weiter berichtete, erschossen Beamte der Grenzpolizei drei PalĂ€stinenser, die sie in einem FlĂŒchtlingslager bei Jerusalem mit Steinen beworfen hĂ€tten. Nach Angaben der Polizei hĂ€tten Dutzende PalĂ€stinenser wĂ€hrend eines Einsatzes der SicherheitskrĂ€fte zu randalieren begonnen. Die Polizisten hĂ€tten sich dabei in Lebensgefahr gesehen und das Feuer eröffnet.

@ dpa.de