Lohntransparenz, Gehaltsspannen

Lohntransparenz: Gehaltsspannen seit Juni Pflicht, nur 3 Länder bereit

Veröffentlicht am: 23.07.2026 um 05:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Kabinett beschließt Maßnahmen zur Stärkung von Tarifverhandlungen. Die Quote liegt aktuell bei 49 Prozent, EU-Vorgaben fordern 80 Prozent.

Bundesregierung startet Aktionsplan für mehr Tarifbindung
Ein moderner Schreibtisch mit einem Laptop, auf dem Gehaltsdaten und HR-Analysen für die Lohntransparenz dargestellt sind. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Die Bundesregierung will die sinkende Tarifbindung in Deutschland stoppen. Am 22. Juli verabschiedete das Kabinett den Nationalen Aktionsplan zur Förderung von Tarifverhandlungen. Der Schritt ist auch eine Reaktion auf die EU-Mindestlohnrichtlinie, die bei einer Tarifbindung unter 80 Prozent Maßnahmen verlangt.

Aktuell liegt die Quote bei 49 Prozent – 1996 waren es noch 79 Prozent.

EU-Lohntransparenz: Frist abgelaufen, Umsetzung stockt

Während Berlin neue Wege geht, hakt es auf europäischer Ebene gewaltig. Die Umsetzungsfrist für die EU-Lohntransparenzrichtlinie lief am 7. Juni 2026 ab. Doch nur drei von 27 Mitgliedstaaten haben die Vorgaben komplett in nationales Recht gegossen: die Slowakei, Italien und Litauen.

Österreich hat noch nicht einmal einen Gesetzentwurf vorgelegt. Schweden lehnt die Umsetzung komplett ab.

Dabei sind die Vorgaben weitreichend. Unternehmen müssen künftig schon vor dem ersten Vorstellungsgespräch Gehaltsspannen nennen. Die Frage nach dem vorherigen Gehalt ist tabu. Für Firmen ab 100 Beschäftigten gibt es eine Berichtspflicht zum Gender-Pay-Gap.

In Deutschland müssen Gehaltsspannen seit Juni 2026 genannt werden. Für Unternehmen ab 150 Mitarbeitern greift die Berichtspflicht 2027.

HR-Abteilungen im Blindflug

Viele Personalabteilungen sind auf die neuen Regeln nicht vorbereitet. Eine Umfrage unter 141 HR-Entscheidern zeigt: 26 Prozent kennen die EU-Richtlinie gar nicht. 46 Prozent rechnen mit einer Umsetzungszeit von mehr als sechs Monaten. Nur 13 Prozent glauben an weniger als drei Monate.

Die Sorgen sind vielfältig. 36 Prozent erwarten mehr Gehaltsdiskussionen. 28 Prozent fürchten den Bürokratieaufwand. 22 Prozent sehen steigende Kosten.

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Ein Blick nach Großbritannien zeigt, wie weit Deutschland zurückliegt. Dort nennen 70 Prozent der Arbeitgeber das Durchschnittsgehalt in Stellenanzeigen. In Deutschland sind es gerade mal 16 Prozent.

BAG präzisiert Auskunftsansprüche

Auch die Gerichte beschäftigen sich mit dem Thema. Das Bundesarbeitsgericht stellte am 19. Februar 2026 klar: Der Auskunftsanspruch nach dem Entgelttransparenzgesetz bezieht sich nur auf das letzte abgeschlossene Kalenderjahr – nicht auf die letzten zwölf Monate.

Zudem gilt der Anspruch betriebsbezogen. Eine unternehmensweite Vergleichsgruppe kann nicht eingefordert werden. Experten erwarten allerdings, dass diese Betriebsbezogenheit mit der EU-Richtlinie künftig entfällt.

Kritik an der neuen Tarifpolitik

Der Nationale Aktionsplan umfasst mehrere Instrumente. Seit dem 1. Mai gilt das Bundestariftreuegesetz für öffentliche Aufträge ab 50.000 Euro. Gewerkschaften erhalten ein digitales Zugangsrecht in die Betriebe. Steuerliche Entlastungen für Gewerkschaftsbeiträge sind bereits wirksam.

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Doch die Gewerkschaften sind unzufrieden. DGB-Chefin Yasmin Fahimi bezeichnet den Plan als zu wenig ambitioniert. Der DGB fordert unter anderem, dass Tarifverträge bei Umstrukturierungen zwingend weitergelten müssen. Auch der Wechsel von Arbeitgebern in eine Mitgliedschaft ohne Tarifbindung soll offengelegt werden.

Nach Berechnungen des Gewerkschaftsbundes verursacht die sogenannte Tarifflucht jährlich einen volkswirtschaftlichen Schaden von 123 Milliarden Euro – durch entgangene Löhne, Sozialbeiträge und Steuern.

Italien geht eigene Wege

Auch auf regionaler Ebene tut sich etwas. In Italien stärkt das Gesetz „Salario Giusto“ die Rolle von Kollektivverträgen. Arbeitslandesrätin Magdalena Amhof betont die Bedeutung eines wirtschaftlichen Gesamtpakets als Kriterium für faire Entlohnung.

Fachleute verweisen auf strukturelle Hürden. Eine Studie in der Fachzeitschrift PNAS zeigt: Arbeitnehmer aus weniger privilegierten Verhältnissen verhandeln seltener über ihr Gehalt. Und wenn sie Forderungen stellen, werden sie häufiger als unkooperativ wahrgenommen.

Dorottya Kickinger vom ÖGB fordert deshalb transparente Kriterien bei der Entlohnung. Nur so ließen sich Benachteiligungen abbauen.

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