Coface-Studie: Hochqualifizierte Jobs geraten ins Visier der KI
01.04.2026 - 15:36:37 | presseportal.deDie Untersuchung, die Coface zusammen mit dem Observatoire des Emplois Menacés et Émergents (OEM) durchgeführt hat, basiert auf einer neuen Methodik, die Berufe bis auf ihre elementaren Einzelaufgaben herunterbricht. Jede Aufgabe wird in einzelne Schritte zerlegt und nach klar definierten, reproduzierbaren Kriterien bewertet. Dieser granulare Ansatz ermöglicht eine präzisere Einschätzung der technologischen Automatisierbarkeit einzelner Tätigkeiten. Die Analyse wurde auf nahezu 30 Länder ausgeweitet und zeigt damit ein umfassendes Bild internationaler Arbeitsmärkte. "Dabei geht es um die technische Machbarkeit von Automatisierung und nicht darum, wie viele Arbeitsplätze am Ende tatsächlich wegfallen oder neu entstehen", sagt Aurélien Duthoit, Volkswirt bei Coface und Co-Autor der Studie.
Die nächste Automatisierungswelle trifft Köpfe, nicht Hände
Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Wandel in der Art der Automatisierung. Während frühere Technologiewellen vor allem körperliche Tätigkeiten und später klar definierte Routinearbeiten im Büro betrafen, richtet sich der Fokus agentenbasierter KI zunehmend auf datenbasierte, analytische und informationsintensive Arbeitsinhalte. Diese Systeme können nicht mehr nur einzelne Arbeitsschritte unterstützen, sondern ganze Abläufe eigenständig ausführen. Damit geraten Berufsfelder wie das Ingenieurwesen, IT, Recht, Finanzen, Verwaltung sowie kreative und analytische Tätigkeiten stärker ins Zentrum der Disruption.
"In dieser zweiten Phase der KI-Entwicklung weist rund jeder achte Beruf einen Automatisierbarkeitsanteil von über 30 Prozent auf. Das ist ein Hinweis darauf, dass diese Bereiche vor einer tiefgreifenden Transformation stehen", sagt Aurélien Duthoit. Deutlich robuster bleiben dagegen Tätigkeiten, die stark an physische Präsenz, manuelle Fähigkeiten oder echte zwischenmenschliche Interaktion gebunden sind: Handwerk, Pflege, Gastronomie oder persönliche Dienstleistungen gelten als vergleichsweise widerstandsfähig gegenüber KI-gestützter Automatisierung.
Deutschlands Arbeitsmarkt stärker betroffen
Auch zwischen Ländern variiert der Einfluss von KI-gestützter Automatisierung deutlich: Der Anteil potenziell automatisierbarer Arbeitsinhalte reicht von rund 12 Prozent in der Türkei bis fast 20 Prozent im Vereinigten Königreich. Diese Unterschiede hängen mit der Wirtschaftsstruktur der jeweiligen Länder zusammen - sie bestimmt, welche Arten von Tätigkeiten besonders häufig vorkommen und damit auch, wie groß der Anteil der grundsätzlich automatisierbaren Aufgaben ist.
Deutschland liegt mit 17 Prozent über dem europäischen Durchschnitt und bildet zusammen mit Österreich, Tschechien, der Slowakei und Slowenien ein industriell geprägtes Cluster. Ein großer Anteil von Tätigkeiten im Ingenieurwesen, der industriellen Fertigung, bei technischen Dienstleistungen, Forschung, öffentlicher Verwaltung und im Bildungssektor führt zu einem Arbeitsmarktprofil, in dem viele informationsintensive und koordinierende Aufgaben anfallen - genau die Aufgaben, die anfällig für KI-Unterstützung oder -Automatisierung sind. Zugleich ist der Anteil stark dienstleistungsorientierter, managementlastiger oder IT-intensiver Tätigkeiten jedoch geringer als in Ländern wie den Niederlanden oder dem Vereinigten Königreich. Deutschland zählt daher nicht in die Gruppe der am stärksten von KI betroffenen Arbeitsmärkte Europas.
Die Konsequenzen: KI verändert Wertschöpfung, Bildung und Abhängigkeiten
Die Autoren betonen, dass die Auswirkungen weit über die Arbeitswelt hinausreichen. Da agentenbasierte KI vor allem gut bezahlte, hochqualifizierte Tätigkeiten betrifft, könnten grundlegende wirtschaftliche und soziale Gleichgewichte ins Wanken geraten. Immer mehr Wertschöpfung könnte nicht mehr durch menschliche Arbeitsleistung, sondern durch KI-basierte Prozesse und die dahinterstehenden Investitionen erzeugt werden. Staaten mit stark arbeitsbezogenen Steuersystemen stünden damit vor einer doppelten Herausforderung: sinkende Einnahmen und zugleich steigende Ausgaben für soziale Sicherung, Qualifizierung und berufliche Anschlussperspektiven.
Auch das Bildungssystem gerät unter Druck. "Wenn klassische akademische Laufbahnen nicht mehr automatisch berufliche Sicherheit bieten, gewinnen Kompetenzen wie kritisches Urteilsvermögen, Anpassungsfähigkeit und der Umgang mit komplexen KI-Systemen an Bedeutung. Hochschulen und berufliche Bildungseinrichtungen werden ihre Programme stärker auf Fähigkeiten ausrichten müssen, die KI sinnvoll ergänzen, statt mit ihr zu konkurrieren", erklärt Aurélien Duthoit.
Hinzu kommen neue geopolitische und operative Abhängigkeiten. Schlüsselressourcen wie Halbleiter, Rechenzentren oder die Modelle selbst sind global stark konzentriert. Dies erhöht die Anfälligkeit gegenüber externen Schocks wie Exportbeschränkungen, regulatorischen Veränderungen und globalen Lieferkettenrisiken. Während KI das Potenzial hat, erhebliche Produktivitätsgewinne zu erzeugen, entstehen gleichzeitig neue strukturelle Verwundbarkeiten.
Mehr Informationen und die gesamte Studie zum Download: www.coface.de
Die Studienergebnisse stellt Autor Aurélien Duthoit beim Coface Kongress am 23. April in Mainz vor - kostenlose Anmeldung unter www.cofacekongress.de
Pressekontakt:
Coface, Niederlassung in Deutschland
Sebastian Knierim - Pressesprecher -
Tel. 06131/323-335
sebastian.knierim@coface.com
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